Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … du klassische Shōjo-Schulromanzen magst.
- … du hübsche Zeichnungen und besonders schöne Jungs liebst.
- … du direkte, chaotische Heldinnen unterhaltsam findest.
- … du Geschichten über Make-up und erste Verliebtheit gerne liest.
- … dich bekannte Romance-Tropes nicht stören.
Eher nicht für dich, wenn …
- … du eine besonders originelle Liebesgeschichte suchst.
- … dir sehr aufdringliche Hauptfiguren schnell zu viel werden.
- … du möchtest, dass die Romanze von Anfang an nachvollziehbar aufgebaut ist.
- … du vom beliebten, kühlen Schulschwarm als Love Interest genug hast.
- … dir interessante Nebenfiguren und viel Charaktertiefe wichtig sind.
Bei Lip Tint für die Liebe muss man nicht lange überlegen, was zuerst auffällt: Nana Kusunoki kann verdammt hübsche Jungs zeichnen. Harumi Aikawa schaut einem bereits vom Cover mit diesen großen, glänzenden Augen entgegen, und auch im Manga wird sein Aussehen ausgiebig in Szene gesetzt. Ich verstehe sofort, warum die Reihe in Japan besonders wegen ihrer Bilder Aufmerksamkeit bekommen hat. Doch hält die Geschichte da auch mit?
Die Reihe trägt im Original den Titel Koi suru Lip Tint und läuft in Shueishas Manga-Magazin Margaret. In Japan sind bisher sechs Bände erschienen. Panini veröffentlichte den ersten Band am 18. August 2026 für 8,99 Euro. Der ersten Auflage liegt außerdem eine SNS-Card bei.
Worum geht’s?
Ako Tsumoto ist im ersten Jahr der Oberschule und übt fleißig mit Make-up, weil sie hübscher werden möchte. Besonders gut ist sie darin allerdings noch nicht. Eines Tages trägt sie ihren Lip Tint etwas sehr großzügig auf, stößt in der Schule mit Harumi Aikawa zusammen und hinterlässt prompt einen Kussabdruck auf seinem T-Shirt. Peinlicher kann eine erste Begegnung kaum laufen.
Ako will das Shirt reinigen lassen, Harumi zieht es jedoch vor ihr aus und sagt nur, sie solle es wegwerfen. Er ist der große Schwarm der Schule und dank eines Videos, das mehr als eine Million Mal angesehen wurde, auch in den sozialen Medien bekannt. Die ständige Aufmerksamkeit hat allerdings Spuren hinterlassen. Harumi reagiert auf Mädchen kühl, abweisend und bisweilen ziemlich unfreundlich.
Als Ako später mitbekommt, wie Schülerinnen ihn heimlich fotografieren, mischt sie sich ein. Dabei stellt sie nicht nur die Mädchen zur Rede, sondern kritisiert auch Harumis Verhalten. Das überrascht ihn, denn normalerweise schwärmen die Schülerinnen entweder für ihn oder lassen sich von seiner kalten Art abschrecken. Ako tut keines von beidem. Stattdessen beschließt sie, sich ihm weiter zu nähern und mit ihm befreundet zu sein. Zurückhaltung gehört nicht unbedingt zu ihren Stärken.
Meine Meinung
Die Ausgangslage ist nun wirklich nicht neu. Ein unglaublich gut aussehender Junge wird ständig von Mädchen verfolgt, hat deshalb keine Lust mehr auf Frauen und lässt nur jene eine Schülerin an sich heran, die ihm offen die Meinung sagt. Das gab es im Shōjo-Manga schon sehr oft. Daran allein würde ich mich nicht stören, denn auch eine bekannte Grundidee kann Spaß machen, wenn die Figuren gut zusammenpassen. Bei Lip Tint für die Liebe hatte ich allerdings recht früh das Gefühl, dass mir die Geschichte vor allem erklärt, wie besonders Ako für Harumi sein soll, ohne mich davon wirklich zu überzeugen.
Ako unterscheidet sich nämlich weniger von den anderen Mädchen, als der Manga gerne behauptet. Sie weist Harumi zwar darauf hin, dass er nicht jede Schülerin so schlecht behandeln kann, interessiert sich aber ebenfalls zuerst für sein Gesicht und ist ziemlich schnell von ihm eingenommen. Danach drängt sie sich mit einer Hartnäckigkeit in sein Leben, die kaum weniger anstrengend wirkt als das Verhalten seiner Verehrerinnen. Nur weil sie dabei laut, ungeschickt und vermeintlich ohne Hintergedanken vorgeht, werden ihre Grenzüberschreitungen als liebenswert verkauft.
Ako stellt sich ungefragt vor, taucht bei den älteren Schülern auf und verkündet ziemlich offensiv, dass sie mit Harumi befreundet sein möchte. Sie handelt, bevor sie nachdenkt, und nimmt kaum wahr, wenn andere von ihrer Art überfordert sind. Man kann das als erfrischend direkt und lustig empfinden. Für mich war sie über weite Strecken eher eine kleine Chaotin, bei der ich nicht wusste, warum ausgerechnet Harumi so schnell neugierig wird. Manchmal war mir ihr Einsatz einfach zu viel.
Ganz unsympathisch fand ich Ako trotzdem nicht. Dass sie mit viel zu dick aufgetragenem Lip Tint durch die Schule läuft, passt zu ihrer ahnungslosen Art und ist tatsächlich niedlich. Sie will sich verändern, hat aber noch keine Ahnung, wie Make-up richtig funktioniert, und macht daraus auch kein großes Drama. Die kleinen Hinweise zum Auftragen des Lip Tints sind zudem eine nette Idee und lassen sich sogar außerhalb des Manga gebrauchen. Das ist nur eine Kleinigkeit, hat mir aber gefallen. Davon hätte der Band gerne noch etwas mehr haben dürfen.
Harumi macht es mir ebenfalls nicht ganz leicht. Ich kann verstehen, dass ihn die ständigen Blicke, heimlichen Fotos und aufdringlichen Schülerinnen nerven. Berühmt zu sein, ohne sich selbst dafür entschieden zu haben, dürfte gerade im Schulalltag ziemlich unangenehm sein. Seine Abwehrhaltung kommt also nicht aus dem Nichts. Trotzdem verhält er sich gegenüber Ako von Anfang an erstaunlich widersprüchlich. Wenn er durch die Aufmerksamkeit anderer Mädchen so vorsichtig geworden ist, warum zieht er dann vor einer fast Fremden sein Shirt aus? Warum berührt er wenig später ihre Lippen? Diese Szenen sollen natürlich für Herzklopfen sorgen. Sie passen nur nicht besonders gut zu dem Jungen, als den der Manga Harumi kurz zuvor vorgestellt hat.
Dazu kommt, dass Harumi bisher vor allem gut aussieht. Seine Mimik bleibt häufig sehr zurückgenommen, und auch seine Gespräche verraten noch nicht viel über ihn. Bei einem bewusst kühlen Charakter kann das funktionieren, wenn kleine Veränderungen umso deutlicher auffallen. Ein kurzes Lächeln nur für Ako oder ein Moment, in dem seine Fassade sichtbar bröckelt, hätte hier schon viel bewirkt. Im ersten Band fehlt mir dieser Reiz noch. So soll ich mich für ihn interessieren, weil alle anderen Figuren sagen, wie toll er aussieht. Nun ja, das sehe ich auf jeder Seite selbst.
Was mich zusätzlich stört: Die übrigen Verehrerinnen sind kaum mehr als eine anstrengende Gruppe, die Harumi anhimmelt, ihn fotografiert und Ako dadurch automatisch vernünftiger erscheinen lässt. Hier sind die oberflächlichen Mädchen, dort ist Ako, die angeblich den Menschen hinter dem hübschen Gesicht erkennt. Nur schaut eben auch Ako sehr genau auf dieses Gesicht. Der Unterschied zwischen ihr und den anderen ist für mich deshalb viel kleiner, als er für die Romanze sein müsste.
Bei all dieser Kritik liest sich der Band immerhin flott. Ako sorgt mit ihrer überdrehten Art für Bewegung, die Situationen sind bewusst groß und albern angelegt, und der Schwarm aus aufgeregten Schülerinnen ist stellenweise so überzogen, dass ich darüber lachen konnte. Wer sich an der Logik solcher Begegnungen nicht stört und einfach eine glitzernde Schulromanze lesen möchte, bekommt hier genau das. Der Manga weiß sehr deutlich, welches Publikum er ansprechen will.
Und dann sind da eben weiterhin die Zeichnungen. Die Gesichter sind fein und attraktiv gezeichnet, die Augen ziehen den Blick an, und besonders Harumi bekommt eine hübsche Einstellung nach der anderen. Das Artwork trägt einen großen Teil dieses Auftakts. Etwas mehr Abwechslung in den Gesichtsausdrücken wäre schön gewesen, gerade weil Harumis Schönheit durch seine fast gleichbleibende Miene irgendwann etwas starr wirkt. Optisch bleibt der Manga trotzdem wirklich stark, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Mangaka noch nicht lange zeichnet, wie sie in kleinen, im Band eingestreuten Interviews verrät. Das Cover verspricht in dieser Hinsicht nicht zu viel.
Fazit
Lip Tint für die Liebe bietet aus meiner Sicht einen sehr hübsch gezeichneten, aber inhaltlich noch recht dünnen Auftakt. Ako ist so direkt und chaotisch, dass sie vermutlich entweder sofort Spaß macht oder schnell nervt, während Harumi bisher hauptsächlich als schöner, kühler Senpai funktioniert. Für jüngere Shōjo-Fans, die bekannte Schulromanzen, Make-up und reichlich hübsche Jungs mögen, kann das durchaus passen. Wer von der Geschichte um den beliebtesten Jungen, der ausgerechnet nur die Heldin interessant findet, langsam genug hat, dürfte sich dagegen an einigen Stellen reiben. Ich bin trotzdem neugierig, ob die Reihe ihre Figuren später noch besser begründet. Die Bilder hätten auf jeden Fall eine stärkere Geschichte verdient.
Transparenzhinweis
Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Panini Manga zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.
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