Mangaka Spotlight

Mangaka Spotlight: Akiko Higashimura

Eine modebegeisterte Sechstklässlerin, eine Wohngemeinschaft voller Otaku-Frauen, drei Freundinnen mit sehr vielen „Hätte ich doch“-Sätzen, Uesugi Kenshin als Frau und eine Mangaka, die ihrer jüngeren Version beim Erwachsenwerden zusieht. Wo fängt man bei Akiko Higashimura an?

Vielleicht bei den Rollen, die ihre Figuren ausfüllen sollen. Yuka sieht aus wie eine Erwachsene, ist aber ein Kind. Tsukimi soll sich in eine Prinzessin verwandeln, obwohl sie sich in ihrer Otaku-Welt eigentlich recht gut eingerichtet hat. Rinko aus Tokyo Tarareba Girls hat mit 33 angeblich längst ihr Leben im Griff zu haben. Und in Yukibana no Tora wird aus dem historischen Feldherrn Uesugi Kenshin eine Frau, die in einer männlich bestimmten Welt aufwächst.

Diese Rollen sitzen bei Higashimura selten so ordentlich, wie es die Umgebung gern hätte. Meistens verrutschen sie schon nach wenigen Seiten. Dann beginnt die Komödie.

Von Miyazaki an die Kunsthochschule

Akiko Higashimura wurde am 15. Oktober 1975 in Kushima in der Präfektur Miyazaki geboren. Wegen der Arbeit ihres Vaters zog die Familie häufig um. Allein während ihrer Grundschulzeit wechselte sie nach eigener Aussage fünfmal den Wohnort, während der Mittelschule noch zweimal. Neue Klassen, neue Freundschaften und immer wieder die Frage, wie man sich in einer unbekannten Gruppe verhält: Diese Erfahrung lässt sich nicht einfach als Erklärung über ihre späteren Manga legen. Auffällig ist sie trotzdem, denn auch Higashimuras Figuren beobachten sehr genau, welche Regeln in einer Gruppe gelten und wie sie selbst dort hineinpassen.

Gezeichnet hat Higashimura schon als Kind. Besonders geprägt wurde sie von den Shōjo-Manga der 1980er-Jahre, ohne dabei nur einen einzelnen Titel als Vorbild zu nennen. Später studierte sie Ölmalerei an der Kanazawa College of Art. Nach dem Abschluss ging sie zunächst ganz normal arbeiten. Ihren ersten Manga reichte sie erst als berufstätige Erwachsene ein.

1999 folgte mit der Kurzgeschichte Fruits Kōmori ihr professionelles Debüt. Zwei Jahre später begann ihre erste längere Serie. Und ausgerechnet dort entdeckte Higashimura, dass ihr Umweg um die klassische Romanze vermutlich die interessantere Richtung war.

Yuka zieht sich um und Higashimura entdeckt den Gag

Kisekae Yuka-chan startete 2001 im Shōjo-Magazin Cookie. Die Titelfigur Yuka ist eine Sechstklässlerin mit der Statur eines Models, einem großen Interesse an Mode und der geistigen Reife einer deutlich jüngeren Schülerin. Ihre Freundin Midori, deren Familie einen Secondhandladen betreibt, steckt sie immer wieder in neue Outfits. Yuka kann dadurch älter, eleganter oder vollkommen anders wirken. Lange hält die jeweilige Fassade natürlich nicht.

Higashimura erklärte später, dass es ihr damals peinlich gewesen sei, eine Liebesgeschichte geradeheraus zu zeichnen. Deshalb machte sie ihre Heldin kurzerhand zum Kind. In einer frühen Folge ließ sie Yukas Mutter ein Puppenset nach dem Vorbild von Akira Kurosawas Die sieben Samurai basteln. Der Gag kam in der Redaktion und bei der Leserschaft an. Der Rat war anschließend ziemlich eindeutig: Sie sollte mehr davon zeichnen.

Damit war eine Richtung gefunden. Mode blieb wichtig, Liebe verschwand nicht, aber der Witz durfte dazwischenfunken. Schon Kisekae Yuka-chan behandelt Kleidung als eine Art Rollenspiel. Ein neues Outfit kann beeinflussen, wie andere Yuka sehen. Es ändert nur nichts daran, wer darunter steckt.

Die ersten Jahre der Reihe entstanden noch parallel zu Higashimuras Bürojob in Miyazaki. Das klingt rückblickend wie ein früher Probelauf für eine Karriere, in der mehrere Serien zur selben Zeit eher die Regel als die Ausnahme wurden.

Das eigene Leben liefert genug Material

2006 wechselte Higashimura mit Himawari: Kenichi Legend ins Weekly Morning und damit zugleich in ein wöchentliches Seinen-Magazin. Die dreizehnbändige Reihe greift ihre Zeit nach der Kunsthochschule und ihre Arbeit in Miyazaki auf. Vor allem ihr Vater Kenichi sorgt für einen großen Teil des Chaos. Viele der Geschichten über ihn sollen nahezu genauso passiert sein.

Eine ordentliche Bürokomödie wird daraus trotzdem nicht. Neben dem Vater laufen immer mehr Kollegen und Bekannte ins Bild, bis die Nebenfiguren die Handlung beinahe übernehmen. Reale Erlebnisse werden nicht ehrfürchtig bewahrt, sondern so lange weitergedreht, bis ihr komischer Kern offenliegt. Darin findet sich bereits eine Methode, zu der Higashimura immer wieder zurückkehrt: Erst genau hinsehen, dann übertreiben. Ein bisschen wenigstens.

Zur selben Zeit war sie mit ihrem kleinen Sohn und einer wöchentlichen Serie beschäftigt. Weil nachts oft nur wenige Stunden zum Arbeiten blieben, übersprang sie bei Himawari schließlich die übliche ausführliche Entwurfsphase und zeichnete direkt am Manuskript. Diese Arbeitsweise blieb. Auch Kakukaku Shikajika entstand später ohne vollständig ausgearbeitete Names, also ohne die sonst üblichen Manga-Skizzen für Seitenaufteilung und Dialoge.

Noch direkter wurde der Blick auf den eigenen Alltag in Mama wa Tenparist. Der von 2007 bis 2011 veröffentlichte Manga erzählt von der Erziehung ihres Sohnes und von einer Mutter, die weder alles weiß noch in jeder Situation pädagogisch vorbildlich reagiert. Das war offensichtlich genau der richtige Stoff. Die vier Bände verkauften sich mehr als eine Million Mal.

Higashimura sagte später recht offen, dass der Erfolg sie zunächst getroffen habe. Ausgerechnet ein vergleichsweise spontan entstandener Erziehungsmanga verkaufte sich wesentlich besser als Arbeiten, über die sie lange nachgedacht hatte. Dadurch begriff sie, dass das, was sie selbst unbedingt zeichnen wollte, nicht automatisch dem entsprach, was die Leser suchten. Mama wa Tenparist wurde damit auch für ihre Arbeitsweise zum Wendepunkt.

Werke im Spotlight

Princess Jellyfish

Tsukimi und die Amars verbinden Otaku-Kultur, Freundschaft und Quallenmode. Die Reihe erhielt 2010 den Kōdansha-Manga-Preis und wurde mehrfach verfilmt.

Kakukaku Shikajika

In dem autobiografischen Manga blickt Higashimura auf ihre Ausbildung bei Kenzō Hidaka und ihren Weg zur Mangaka zurück. Komik, Selbstkritik und spätes Bedauern stehen dabei eng nebeneinander.

Tokyo Tarareba Girls

Rinko, Kaori und Koyuki messen ihr Leben an Karriere, Ehe und Alter. Aus ihren vielen „Wenns“ wird eine ziemlich direkte Gesellschaftskomödie.

Yukibana no Tora

Der historische Manga greift die Theorie auf, Uesugi Kenshin sei eine Frau gewesen. Higashimura verknüpft diese Idee mit Erbfolge, Krieg und den Geschlechterrollen der Sengoku-Zeit.

Otaku-Frauen, Quallen und ein Mann im Kleid

2008 begann Princess Jellyfish, im Original Kuragehime. Tsukimi Kurashita zieht nach Tokio, weil sie Illustratorin werden möchte. Sie interessiert sich allerdings sehr viel stärker für Quallen als für Mode, Partys oder die üblichen Vorstellungen eines aufregenden Großstadtlebens. Im Frauenwohnheim Amamizukan lebt sie mit weiteren Otaku-Frauen zusammen, den Amars. Jede von ihnen besitzt ihr eigenes Spezialgebiet, von historischen Persönlichkeiten bis zu Zügen.

Viele dieser Frauen beruhen auf Freundinnen Higashimuras. Tsukimis Begeisterung für Quallen kommt teilweise von der Mangaka selbst, die als Studentin Quallen zeichnete und Bildbände über sie ansah. Auch Kuranosuke, der selbstbewusste junge Mann in Frauenkleidung, entstand nicht von Anfang an in dieser Form. Zuerst sollte die Figur eine schöne Frau sein. Ein Redakteur schlug vor, daraus einen Mann zu machen. Higashimura änderte das Konzept sofort.

Kuranosuke sieht aus wie die Prinzessin, die Tsukimi aus Shōjo-Manga und Kindheitserinnerungen kennt. Tsukimi wiederum besitzt das Wissen und die Bilder, aus denen später Quallenkleider entstehen. Die Mode beginnt als Verkleidung für ein Makeover und wird zum gemeinsamen Projekt, mit dem die Frauen ihr Wohnhaus retten wollen. Die Amars müssen dafür mit einer Welt verhandeln, der sie bisher möglichst aus dem Weg gegangen sind.

Princess Jellyfish lief bis 2017 und umfasst siebzehn Bände. 2010 erhielt die Reihe den Kōdansha-Manga-Preis in der Kategorie Shōjo. Es folgten eine Anime-Serie, ein Kinofilm und eine TV-Serie. Aus den Freundinnen, Quallen und Kleidern war endgültig einer von Higashimuras großen internationalen Erfolgen geworden.

Akiko blickt auf Akiko zurück

Mit Kakukaku Shikajika kehrte Higashimura ab 2011 zu ihrer eigenen Geschichte zurück. Im Mittelpunkt steht Akiko Hayashi, ihr jüngeres Ich, das Mangaka werden möchte und dafür bei dem strengen Kunstlehrer Kenzō Hidaka Zeichenunterricht nimmt. Hidaka-sensei lässt seine Schüler immer weiter zeichnen. Talent, große Pläne und Ausreden interessieren ihn wesentlich weniger als die nächste fertige Arbeit.

Der Manga erzählt vom Weg an die Kunsthochschule, von falscher Selbstsicherheit, vom Einstieg in den Beruf und von einer Lehrerin-Schüler-Beziehung, die erst im Rückblick vollständig verstanden wird. Die ältere Higashimura kommentiert das Verhalten ihrer jüngeren Version häufig ziemlich gnadenlos. Dann wechselt der Ton, und sie spricht direkt zu dem inzwischen verstorbenen Lehrer. Die Komik nimmt dem Bedauern nicht den Platz weg. Beides steht nebeneinander, manchmal sogar auf derselben Seite.

2015 gewann Kakukaku Shikajika den achten Manga Taishō und den Großen Preis der Manga-Abteilung beim 19. Japan Media Arts Festival. 2025 kam die Realverfilmung in die japanischen Kinos. Higashimura schrieb am Drehbuch mit und setzte sich damit noch einmal mit einer Geschichte auseinander, die bereits ein Rückblick auf ihr früheres Leben war. Rückblick im Rückblick, wenn man so will.

Drei Frauen und sehr viele Wenns

Tokyo Tarareba Girls begann 2014. Rinko ist 33, arbeitet als Drehbuchautorin und trifft sich regelmäßig mit ihren Freundinnen Kaori und Koyuki in einer Bar. Dort reden sie darüber, was passiert wäre, wenn sie damals anders entschieden hätten, und was noch geschehen könnte, falls endlich der richtige Mann auftaucht. Aus diesen japanischen Bedingungsformen, „tara“ und „reba“, entsteht der Titel der Reihe.

Die drei Frauen sind berufstätig und selbstständig. Sicher fühlen sie sich deshalb noch lange nicht. Karriere, Ehe, Kinder und Alter bilden einen ziemlich engen Zeitplan, an dem sie ihr Leben ständig messen. Die Gespräche sind lustig, bis eine Bemerkung genau an der unangenehmen Stelle landet. Higashimura braucht dafür keine Außenstehenden, die den Frauen eine Lektion erteilen. Rinko, Kaori und Koyuki kennen die meisten ihrer Probleme bereits. Sie können nur hervorragend darüber reden, ohne etwas zu ändern.

Higashimura bezeichnete Manga 2026 selbst als eine Art Gebrauchsanweisung. Tokyo Tarareba Girls sei für sie ein Ratgeber zur Partnersuche: Der Manga führe vor, welche Denkweisen in eine Sackgasse führen und an welcher Stelle eine andere Entscheidung möglich wäre. Das erklärt den manchmal ziemlich direkten Ton der Reihe besser als ein allgemeines Etikett wie „romantische Komödie“.

Die Hauptreihe endete 2017 nach neun Bänden und wurde im selben Jahr als TV-Serie umgesetzt. 2019 gewann die US-Ausgabe den Eisner Award als beste amerikanische Ausgabe internationalen Materials aus Asien. Später kehrte Higashimura mit weiteren Tarareba-Geschichten und einer zweiten Generation von Figuren zu dem Thema zurück. Die Zeit läuft schließlich weiter. Bis heute (Stand August 2026) handelt es sich bei Tokyo Tarareba Girls oder auf deutsch Tokyo Girls – Was wäre wenn…? um die bislang einzige auf Deutsch veröffentlichte Reihe der Mangaka. Vergriffen natürlich, kennt man bei Josei und deutschen Verlagen.

Wenn der gesellschaftliche Witz nicht funktioniert

Higashimuras Komödien greifen oft sehr aktuelle Rollenbilder auf. Das kann treffen, aber es kann auch danebenliegen. 2015 startete sie im Morning Two die Reportage-Serie Himozairu. Darin sollten arbeitslose Männer lernen, Haushalt und Kochen zu übernehmen, um als Partner für beruflich erfolgreiche Frauen interessant zu werden. Schon der Titel spielte mit dem abwertenden Begriff „himo“ für einen Mann, der auf Kosten einer Frau lebt.

Nach heftiger Kritik im Netz bat Higashimura um eine Unterbrechung. Die Serie wurde nach zwei Kapiteln auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Laut der damaligen Mitteilung wollte sie die Reaktionen nicht ignorieren und das Konzept erst gründlich überarbeiten. Fortgesetzt wurde Himozairu bisher nicht.

Der Vorgang gehört ebenfalls zu ihrer Karriere. Gesellschaftliche Komödie arbeitet mit Wiedererkennung und Übertreibung. Wenn sich die gemeinten Menschen in der Übertreibung nur noch als Zielscheibe erkennen, reicht die Geschwindigkeit des Gags nicht mehr aus.

Uesugi Kenshin als Frau

Ebenfalls 2015 begann Higashimura mit Yukibana no Tora ihren ersten langen historischen Manga. Die Reihe nimmt die alte Theorie auf, der berühmte Feldherr Uesugi Kenshin sei eine Frau gewesen. Aus dem Kind Torachiyo wird eine Burgherrin und Kriegerin, die in den Quellen und in der offiziellen Rolle als Mann weiterlebt.

Der Geschlechterwechsel bleibt nicht bei einer überraschenden Prämisse. Er beeinflusst Erbfolge, Erziehung, Bündnisse, Körper und die Beziehungen innerhalb der Familie. Gleichzeitig muss Higashimura eine große Menge historischer Zusammenhänge erklären. Für Leser, die bei Namen, Jahreszahlen und wechselnden Herrschern aussteigen, baute sie deshalb sogar kleine Erläuterungen ein.

Bei diesem Projekt arbeitete sie anders als bei ihren autobiografischen Komödien. Weil Yukibana no Tora ihr erster historischer Stoff war und in einem neuen Magazin startete, bereitete sie Names vor und stimmte den Aufbau eng mit der Redaktion ab. Die Reihe endete 2020 nach zehn Bänden. Im selben Jahr erhielt die französische Ausgabe beim Comicfestival von Angoulême den Preis für junge Erwachsene.

Figuren, die zwischen weiblichen und männlichen Rollen stehen, gehören seit Langem zum Shōjo-Manga. Higashimura verlegt dieses Motiv hier in die Politik der Sengoku-Zeit. Eine Verwandlung durch ein Kleid reicht dort nicht. Torachiyo muss eine ganze Herrschaftsordnung tragen.

Webtoon, Kimono und die Kindheit von 1985

Bei neuen Veröffentlichungsformen war Higashimura ebenfalls früh dabei. Gisō Furin, international als A Fake Affair bekannt, erschien ab 2017 zunächst digital und wurde für die vertikale Lektüre auf dem Smartphone umgesetzt. 2020 startete Watashi no Koto o Oboeteimasu ka? gleichzeitig in Japan und Südkorea als wöchentliches Full-Color-Webtoon. Die Geschichte um eine längst vergessene erste Liebe verband eigene Erinnerungen der Mangaka mit einem Format, das für Scrollen statt Umblättern gebaut wurde.

In ihren aktuellen Serien führt der Weg wieder zu sehr konkretem Wissen. Gintarō-san, Otanomi Mōsu folgt der 25-jährigen Satori, die einer rätselhaften früheren Geisha begegnet und durch sie in die Welt der Kimono, Keramik und traditionellen Künste gerät. Teezeremonie, Ikebana und Räucherwerk bekommen eigene Erklärungen und Geschichten. Satori muss lernen, was sie sieht, trägt und benutzt.

Maru Sankaku Shikaku kehrt dagegen in Higashimuras Kindheit zurück. Der halbautobiografische Manga spielt 1985 in Miyazaki und folgt der Viertklässlerin Akiko. Viele Kleinigkeiten stammen nach Aussage der Mangaka nicht aus späterer Recherche, sondern aus ihrer eigenen bildhaften Erinnerung: Essen, Federmäppchen, Fernsehsendungen, Schulwege und lokale Feste. 2026 läuft mit Maru Sankaku Shikaku+ außerdem eine Variante im Mädchenmagazin Ciao.

Damit hat Higashimura inzwischen mehrere Lebensabschnitte in Manga verwandelt: die Schulzeit, die Kunsthochschule, den Bürojob, die ersten Berufsjahre und die Erziehung ihres Sohnes. Ihr Leben wird dabei nicht zu einer sauber sortierten Chronik. Sie holt sich den Abschnitt heraus, in dem noch Geschichten stecken.

Tausend Seiten und kein unnötiger Strich

Die Menge ihrer Arbeiten ist schwer von ihrer Gestaltung zu trennen. Weil Higashimura nach Kunsthochschule und Bürojob vergleichsweise spät professionell begann, setzte sie sich in ihren Zwanzigern ein ungewöhnliches Ziel: tausend Manuskriptseiten pro Jahr. Über fast ein Jahrzehnt zeichnete sie monatlich etwa 80 bis 90 Seiten. In besonders vollen Phasen sollen es bis zu 160 Seiten im Monat gewesen sein.

So ein Pensum funktioniert nicht, wenn jede Wand und jede Haarsträhne bis ins Letzte ausgearbeitet wird. Higashimura legte deshalb für sich fest, wie viele Details eine Seite wirklich braucht. Ihre Figuren können elegant und modisch wirken, im nächsten Panel aber in eine stark vereinfachte Gagfigur kippen. Gesichter, Haltung, Timing und freie Flächen erledigen einen großen Teil der Arbeit.

Dazu kommt ein großes Studio. In einer Ausstellung über ihre Arbeit erklärte Higashimura, dass damals 36 Assistentinnen und Assistenten für ihre Produktion registriert waren. Gearbeitet wurde in festen Tageszeiten, die Bezahlung erfolgte einheitlich nach Stunden und die Einsätze wurden über eine gemeinsame Gruppe geplant. Einige frühere Assistenten veröffentlichten später eigene Manga. Die Vorstellung vom einsamen Genie am Zeichentisch passt hier also nur bedingt.

Seit der Corona-Pandemie hat Higashimura ihr Manga-Pensum nach eigener Aussage auf ungefähr zwei gleichzeitige Serien reduziert. Ruhig ist es deshalb nicht geworden. Fernsehauftritte, Filmwerbung und andere Projekte füllen den Kalender inzwischen auf eine andere Weise.

Hinter der Kamera

Nach der Mitarbeit am Drehbuch zu Kakukaku Shikajika ging Higashimura 2026 noch einen Schritt weiter. Für die ABEMA-Serie The Vacation Principle übernahm sie erstmals bei einer fortlaufenden Realserie zugleich Idee, Drehbuch und Regie. Die achtzehn kurzen Episoden erzählen von einer überarbeiteten Frau, die nach dem Verlust ihres Jobs eine Auszeit in einem Haus am Meer verbringt.

Ausgerechnet die Mangaka, der eine direkte Liebesgeschichte am Anfang ihrer Karriere noch peinlich war, inszeniert damit heute selbst eine Romanze. Der Weg dorthin führte über Samurai-Puppen, einen legendären Vater, Quallenkleider, Erziehungschaos, drei Frauen mit sehr vielen Wenns, eine Feldherrin und mehrere Webtoons. Die Liebesgeschichte ist also kein Thema mehr, vor dem Higashimura ausweicht. Sie hat dafür nur erneut das Medium gewechselt.

Welcher ihrer Manga ist euch zuerst begegnet?

Wichtige Lebensstationen

1975

Akiko Higashimura wird in Kushima in der Präfektur Miyazaki geboren. Wegen der Arbeit ihres Vaters zieht die Familie während ihrer Schulzeit mehrfach um.

1999

Nach dem Studium der Ölmalerei und einem Bürojob debütiert sie mit der Kurzgeschichte Fruits Kōmori.

2001

Mit Kisekae Yuka-chan startet ihre erste längere Serie. Der Erfolg früher Gags weist ihr den Weg zur Komödie.

2007

Der autobiografische Erziehungsmanga Mama wa Tenparist beginnt und verkauft später mehr als eine Million Exemplare.

2015

Kakukaku Shikajika gewinnt den Manga Taishō und den Großen Preis des Japan Media Arts Festival; zugleich startet der historische Manga Yukibana no Tora.

2026

Neben Gintarō-san, Otanomi Mōsu und Maru Sankaku Shikaku übernimmt Higashimura bei The Vacation Principle erstmals Idee, Drehbuch und Regie einer fortlaufenden Realserie.

Recherchestand: 14. August 2026

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