[Anzeige, da Rezensionsexemplar]
Ein in Armut lebender Autor, eine schamlose Identitätsübernahme, eine künstlich geschaffene Insel der Sinne. “Die seltsame Geschichte der Panorama-Insel” ist ein Werk, das Realität, Wahnsinn und Ästhetik auf provokante Weise miteinander verschmelzen lässt. Mit seinem düsteren Strich und einer Obsession für das Groteske inszeniert Suehiro Maruo in dieser Manga-Adaption einen Albtraum in paradiesischem Gewand.
“Panorama Toukitan” ist eine Adaption der gleichnamigen Novelle von Edogawa Ranpo. Der Manga von Suehiro Maruo erscheint seit 2007 im Magazin Comic Beam und wurde 2009 mit dem Newcomer-Preis beim 13. Osamu-Tezuka-Kulturpreis ausgezeichnet.
Auf dem deutschen Markt erscheint der Titel bei Reprodukt, die bereits andere Werke des Autos in ihrem Programm haben.

Story: Edogawa Ranpo, Zeichnungen: Suehiro Maruo | Originaltitel: Panorama Toukitan | Übersetzung: Claudia Peter | Verlag: Reprodukt | Demografische Zielgruppe: Seinen | Genre: Historisch, Drama | Preis: 24,00€ | Weitere Informationen

Wie war’s?
Im Zentrum der Geschichte steht Hirosuke Hitomi, ein mittelmäßiger Schriftsteller zu Beginn der Showa-Zeit, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einen bleibenden Eindruck in der Welt zu hinterlassen. Seine Werke, stark von Edgar Allan Poe und europäischen Symbolisten inspiriert, werden vom Verleger abgelehnt. Der kreative wie finanzielle Bankrott scheint unvermeidlich, bis Hitomi vom Tod eines früheren Schulfreundes erfährt: Genzaburo Komoda, Sohn eines reichen Industriellen, ist verstorben. Da die beiden sich äußerlich zum Verwechseln ähnlich sehen, entwirft Hitomi einen teuflischen Plan: Er gräbt Komodas Leiche aus, nimmt dessen Identität an und tritt an seine Stelle.
Diese groteske Transformation, inklusive dem blutigen Austausch eines Goldzahns, markiert nicht nur Hitomis moralischen Abstieg, sondern auch den Beginn eines Projekts: Er will die Komoda-Erbschaft nutzen, um eine Insel zu errichten, die einem erotisch aufgeladenen Garten Eden gleicht. Eine Insel, die sämtliche Sinne überflutet und in der die Grenzen zwischen Kunst, Wahn, Traum und Realität verschwimmen.
Hitomis Insel ist nicht einfach ein Ort, sondern ein überhöhtes Bühnenbild. Mit architektonischen Zitaten aus Europa, griechischen Säulen, französischen Gärten und lasziven Skulpturen erschafft er ein vollkommen künstliches Paradies. Alles ist Illusion, alles ist inszeniert. Die Landschaft wird zur lebendigen Kulisse, bevölkert von bezahlten Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich in Orgien, ekstatischen Tänzen und absurder Sinnlichkeit verlieren.
Maruo gelingt es, diese Insel visuell spektakulär umzusetzen. Seine detailverliebten Zeichnungen zeigen die Dekadenz in vollster Blüte, doch nie ohne kritischen Unterton. Denn was zunächst als utopische Vision erscheint, entpuppt sich zunehmend als kafkaesker Albtraum. Die Fülle wird zur Leere, die Lust zur Gleichgültigkeit. Hitomi, der Schöpfer dieses Trugbildes, bleibt innerlich leer. Er ist gefangen in seiner eigenen Inszenierung.
Die Vorlage von Edogawa Ranpo, der sich selbst nach Poe benannte, ist ein Spiegel der Zeit: Zwischen Taisho-Ära und Showa-Zeit schwankte Japan zwischen westlicher Faszination und imperialistischer Abschottung. Hitomis Insel kann auch als Symbol für den kulturellen Konflikt gelesen werden: Der Import von westlicher Ästhetik ohne tieferes Verständnis, die Verherrlichung des Schönen bei gleichzeitiger moralischer Erosion.
Zugleich reflektiert das Werk medienkritische Gedanken: Die künstliche Welt auf der Panorama-Insel erinnert an Panoramen und Dioramen des 19. Jahrhunderts, die zunächst gefeiert wurden, dann aber aufgrund des Konzepts der Täuschung krititisiert wurden. Denn die Gäste verlieren sich so sehr in Hitomis Vision, dass sie das Reale kaum noch wahrnehmen.
Als Meister des Erotik-Grotesken ist Maruo bekannt für seine bildgewaltigen und verstörenden Werke. In “Panorama-Insel” zügelt er sich im Vergleich zu anderen Veröffentlichungen, doch auch hier gibt es viele explizite Szenen, weshalb der Manga von Reprodukt erst ab 18 empfohlen wird. Anders als in seinen radikaleren Werken bleibt das Erotische hier aber stilisiert, fast schon poetisch, ohne den Bezug zum Abgründigen zu verlieren.
Reprodukt bringt den Band in einem großformatigen Format heraus. Der Band hat einen festen Softcover-Umschlag, der sich durch sein Material sehr hochwertig anfühlt. Darüber hinaus verwendet man Goldelemente in der Schrift.
Fazit
“Die seltsame Geschichte der Panorama-Insel” ist weit mehr als ein obskures Erotikmärchen. Es ist eine Erzählung über Identität, Macht, Illusion und die Gefahren des radikalen Ästhetizismus. Hirosuke Hitomi erschafft sein Paradies, aber es ist schließlich ein kaltes, seelenloses Trugbild, das ihn verschlingt.
Es ist keine Geschichte für Zartbesaitete und sicherlich ein Werk, auf das man sich in gewisser Weise einlassen muss. Wenn man einen ersten Zugang zu Suehiro Maruo sucht, ist man mit diesen Werk jedoch gut bedient.

Bei diesem Band handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Reprodukt zur Verfügung gestellt worden ist.



