Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … Du suchst einen eindringlichen Antikriegs-Manga, der seine jungen Figuren ernst nimmt.
- … Du magst Geschichten, in denen ein ungewöhnlicher Zeichenstil einen starken Kontrast zum Inhalt bildet.
- … Du interessierst dich für die Geschichte Okinawas und das Schicksal des Himeyuri-Schülerinnenkorps.
- … Du kannst mit symbolischen, manches Mal fast traumartigen Bildern etwas anfangen.
- … Du möchtest einen Manga lesen, der auch nach der letzten Seite noch beschäftigt.
Eher nicht für dich, wenn …
- … Du verträgst derzeit keine ausführlichen Darstellungen von Krieg, Tod und körperlicher Gewalt.
- … Du möchtest einen historischen Manga lesen, der sämtliche Zusammenhänge sachlich erklärt.
- … Du brauchst bei einer schweren Geschichte wenigstens zwischendurch etwas Leichtigkeit.
- … Du erwartest realistische, detaillierte Zeichnungen statt eines einfachen und beinahe kindlichen Stils.
- … Du hast Schwierigkeiten mit einem Ende, das nach all dem Erlebten recht plötzlich einen anderen Ton anschlägt.
San besucht gemeinsam mit ihrer besten Freundin Mayu ein Mädcheninternat auf Okinawa. Noch versuchen die Schülerinnen, sich ein wenig Normalität zu bewahren. Sie reden über Schnee, denken an ihre Familien und träumen von einer Zukunft, während über ihnen bereits Militärflugzeuge den Himmel durchqueren.
Dann erreicht der Krieg endgültig ihre Schule. San, Mayu und ihre Freundinnen werden als Hilfskrankenschwestern eingezogen. In einem notdürftig eingerichteten Lazarett innerhalb eines Höhlensystems sollen sie verwundete Soldaten versorgen, Medikamente verteilen, bei Operationen helfen und die Toten forttragen. Die Mädchen glauben zunächst, damit ihrem Land zu dienen. Schließlich hat man ihnen beigebracht, dass ihre Opfer notwendig seien und der Sieg unmittelbar bevorstehe.
Auf das, was sie in der Höhle erwartet, hätte sie jedoch niemand vorbereiten können.
Als sich die militärische Lage weiter verschlechtert, werden die Schülerinnen plötzlich aus ihrer Einheit entlassen. Sie sollen nach Hause gehen. Nur liegt dieses Zuhause auf der anderen Seite eines aktiven Schlachtfeldes.
Wie war’s?
Schon die ersten Seiten haben mich misstrauisch gemacht. Die farbige Gestaltung, die weichen Linien und die beinahe kindlichen Figuren wirken zunächst freundlich. Dann fragt Mayu San, ob sie schon einmal Schnee gesehen habe. Eine harmlose Frage, wie sie sich zwei Schülerinnen eben stellen könnten. Kurz darauf fällt das Wort „Lager“, und die vermeintliche Sanftheit bekommt die ersten Risse.
Noch deutlicher wird das beim Blick auf das Cover. Zwischen den Blumen und den hellen Farben übersieht man leicht die roten Flecken. Nachdem ich den Manga gelesen hatte, konnte ich die Umschlagillustration nicht mehr auf dieselbe Weise betrachten.
Cocoon orientiert sich lose an der Geschichte des Himeyuri-Schülerinnenkorps. Während der Schlacht um Okinawa wurden Schülerinnen und ihre Lehrerinnen als Pflegekräfte eingesetzt. Statt in einem geschützten Gebiet zu arbeiten, fanden sie sich in Feldlazaretten nahe der Front wieder. Als die Niederlage Japans absehbar wurde, löste das Militär die Einheiten auf und überließ die jungen Frauen mitten im Kampfgebiet ihrem Schicksal.
Machiko Kyō erzählt diese Geschichte aus der begrenzten Sicht eines Mädchens. San versteht die politischen und militärischen Zusammenhänge kaum. Sie weiß nur, was Erwachsene ihr beigebracht haben: Das eigene Land ist gut, der Feind ist grausam und für den Kaiser zu sterben sei eine Ehre. Deshalb empfindet sie anfangs sogar Stolz. Sie möchte helfen und hofft, ihre Familie werde später stolz auf sie sein.
Das fand ich besonders bitter. Die Mädchen laufen nicht sehenden Auges in den Tod. Sie werden mit Versprechen, Pflichtgefühl und Angst dorthin gebracht. Selbst als die Wirklichkeit längst nicht mehr zu den Parolen passt, halten manche von ihnen daran fest. Was bleibt ihnen auch anderes? Einzugestehen, dass die Erwachsenen sie belogen haben, würde bedeuten, dass all das Leid keinen höheren Zweck besitzt.
In der Höhle kennt der Manga dann kaum Zurückhaltung. Überall liegen schwer verletzte Männer. Gliedmaßen werden amputiert, Wunden sind voller Maden und für die Toten fehlt bald der Platz. Die Mädchen können nicht richtig schlafen, bekommen kaum etwas zu essen und sollen trotzdem weiterarbeiten. Nach und nach verlieren sie ihre Freundinnen.
Das ist brutal. Nicht unbedingt, weil Machiko Kyō jede Einzelheit realistisch zeichnet, sondern weil diese Ereignisse so selbstverständlich in den Alltag der Kinder eindringen. Ein Mensch stirbt, jemand räumt den Körper fort und die Arbeit geht weiter. Für Trauer gibt es eigentlich keine Zeit.
Trotzdem versucht San, sich einen kleinen inneren Schutzraum zu schaffen. Immer wieder stellt sie sich weiße Seidenfäden vor, die sich um sie und ihre Freundinnen legen. Aus diesen Fäden entsteht der titelgebende Kokon. Er hält die Außenwelt nicht wirklich fern, aber für einen kurzen Moment kann San so tun, als wäre sie sicher.
Die Metapher zieht sich durch die gesamte Geschichte. Seidenraupen sterben bei der Gewinnung ihrer Fäden, doch eine muss überleben, damit die nächste Generation entstehen kann. Auch San wird gewissermaßen mit dieser grausamen Aufgabe konfrontiert: weiterleben, obwohl andere es nicht können. Der Kokon beschützt sie dabei nicht nur. Er ist ebenso ein Ort, aus dem sie irgendwann ausbrechen muss, ohne zu wissen, ob ihre Flügel sie noch tragen werden.
Mich hat diese Bildsprache sehr berührt, weil Machiko Kyō sie nicht umständlich erklärt. Die Fäden, der Schnee und die wiederkehrenden Blumen schleichen sich einfach in Sans Wahrnehmung. Man versteht, warum sie diese Bilder braucht. Die Wirklichkeit wäre sonst überhaupt nicht auszuhalten.
Interessant fand ich auch den Umgang mit den Soldaten. Männer erscheinen lange Zeit als weiße, gesichtslose Gestalten. Für San ist das eine Möglichkeit, Abstand zu schaffen. Wenn sie die Verwundeten nicht als einzelne Menschen betrachtet, kann sie ihre Arbeit vielleicht erledigen, ohne daran zu zerbrechen. Gleichzeitig macht die Gesichtslosigkeit die Soldaten austauschbar. In diesem Krieg scheint der einzelne Mensch ohnehin kaum etwas zu zählen.
Dabei geht die Gefahr keineswegs nur vom offiziell erklärten Feind aus. Die Mädchen werden vor den amerikanischen Soldaten gewarnt, während ihnen Gewalt auch von Männern aus den eigenen Reihen droht. Diese Umkehr ist wichtig. Cocoon entschuldigt die japanische Kriegsführung nicht und macht aus seinen Figuren keine Heldinnen. San und ihre Freundinnen sind Kinder, die von einem verbrecherischen System benutzt und anschließend weggeworfen werden.
Der Zeichenstil
Machiko Kyōs Zeichnungen wirken einfach, skizzenhaft und teilweise tatsächlich so, als könnten sie aus dem Schulheft eines jungen Mädchens stammen. Gesichter bestehen aus wenigen Linien, die Hintergründe bleiben oft leer und über vielen Seiten liegt erstaunlich viel Weiß.
Ausgerechnet deshalb trifft die Gewalt so hart. Ein realistischer Stil hätte vielleicht Distanz geschaffen. Man hätte die Bilder als sorgfältig ausgearbeitete Kriegsszenen betrachten können. Hier gibt es diese Möglichkeit kaum. Die verstümmelten Körper, das Blut und die zerstörte Landschaft dringen in eine Bildwelt ein, die eigentlich nach Kindheit aussieht. Das passt zu San und ihren Freundinnen, denen ihre Jugend von einem Tag auf den anderen genommen wird.
Manches Mal fühlte ich mich beim Lesen, als würde ich einen langen Fiebertraum verfolgen. Szenen brechen plötzlich ab, Erinnerungen mischen sich unter die Gegenwart und der Kokon legt sich über Bilder, die San nicht mehr ertragen kann. Der Zeichenstil ist nicht hübsch im üblichen Sinne. Aber er ist für diese Geschichte genau richtig.
Ein kleiner Einwand zum Ende
Mit den letzten Seiten hatte ich dennoch meine Schwierigkeiten. Nach der sehr genauen und psychologisch glaubhaften Darstellung des Krieges kam mir der Wechsel zu einem etwas hoffnungsvolleren Ton zu schnell. Ich verstehe, worauf Machiko Kyō hinauswill. San muss sich für das Leben entscheiden, auch wenn sie ihre Freundinnen und das Erlebte niemals vergessen kann.
Ganz rund fühlte es sich für mich trotzdem nicht an. Nach all der Verzweiflung hätte ich ein wenig mehr Raum gebraucht, um gemeinsam mit San überhaupt wieder Luft zu holen. Vielleicht soll gerade dieser abrupte Übergang zeigen, dass Überleben nicht auf einen passenden Moment wartet. Das Leben geht einfach weiter. Ob man dazu bereit ist oder nicht.
Fazit
Cocoon ist keine angenehme Lektüre. Der Manga hat mich wütend gemacht, traurig gestimmt und manches Mal schlicht sprachlos zurückgelassen. Vor allem der Gegensatz zwischen den kindlichen Zeichnungen und der erbarmungslosen Gewalt ist schwer auszuhalten. Aber San und ihre Freundinnen verdienen es, dass man hinsieht.
Machiko Kyō erzählt von jungen Menschen, denen man Patriotismus beibrachte, um anschließend über ihre Körper und ihr Leben verfügen zu können. Der Krieg erscheint hier nicht als großes historisches Ereignis. Er besteht aus Hunger, Angst, Dreck, verstümmelten Körpern und der Frage, welche Freundin am nächsten Morgen noch da sein wird.
Wer Peleliu: Guernica of Paradise, In this Corner of the World oder andere Antikriegs-Manga mag, sollte sich Cocoon auf jeden Fall ansehen. Allerdings nur, wenn ihr euch auf die Härte der Geschichte einlassen könnt. Der niedliche Zeichenstil mildert sie nicht ab. In meinen Augen macht er sie sogar noch schmerzhafter.
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Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Walt’s Comic Shop entstanden. Meine Meinung bleibt davon natürlich unbeeinflusst.
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