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Shiki Kawabata ist eine Mangaka, die ihre Geschichten immer mit einer gewissen Melancholie und gerne auch kleineren Sci-Fi-Twists füllt. Ihr bekanntestes Werk dürfte dabei Sora wo Kakeru Yodaka sein, welches eine Live-Action-Adaption erhielt, die auf Netflix lief.
Drawing From Your Memory lief in Japan von Februar 2018 bis April 2021 im Josei-Magazin Kiss unter dem Originaltitel Sekai de Ichiban Hayai Haru. Die Reihe ist in fünf Bänden abgeschlossen. Auf dem englischsprachigen Markt liegt die Lizenz bei Kodansha.
Während auf dem europäischen Markt bereits einige ihrer Titel erschienen sind, handelt es sich bei Drawing From Your Memory um ihre erste Reihe auf dem US-Markt.
Story & Zeichnungen: Shiki Kawabata | Originaltitel: Sekai de Ichiban Hayai Haru | Übersetzung: Sawa Matsueda Savage | Genre: Drama | Demografische Zielgruppe: Josei | Verlag: Kodansha | Aktueller Preis bei Walt’s: 10,49€ (Stand: 04.05.2026) | Der Manga bei Walt’s Comic Shop

Wie war’s?
Mahoro Haruta ist Mangaka und hat eigentlich alles erreicht, wovon viele Zeichnerinnen und Zeichner träumen. Ihre erste Serie wurde ein riesiger Erfolg, verkaufte sich hervorragend und machte sie zu einer gefeierten Autorin. Doch hinter diesem Erfolg verbirgt sich ein Geheimnis, das Mahoro seit Jahren nicht loslässt. Die Geschichte, mit der sie berühmt wurde, stammt nicht wirklich von ihr. Sie basiert auf den Ideen ihres ehemaligen Mitschülers Yukishima, den sie im Manga-Club der Schule kennengelernt hatte und der kurz darauf verstarb.
Yukishima hinterließ ihr damals ein Notizbuch voller Ideen, Skizzen und Szenarien. Mahoro machte daraus ihre eigene Erfolgsserie. Sie arbeitete hart, aber der Ursprung ihres Ruhms gehört nicht ihr. Genau dieser Gedanke frisst sich immer tiefer in sie hinein. Als ihr Verlag nun von ihr erwartet, dass ihre zweite Serie noch besser wird, steht Mahoro vor einer inneren Blockade. Sie weiß nicht, was sie zeichnen soll. Vielleicht, weil sie nie das Gefühl hatte, wirklich aus eigener Kraft begonnen zu haben. Vielleicht auch, weil sie Yukishima nie die Anerkennung geben konnte, die ihm zustand.
Als sie stolpert und das Notizbuch auf sie fällt, wacht Mahoro plötzlich zehn Jahre in der Vergangenheit auf. Sie befindet sich wieder in ihrer Schulzeit, kurz nachdem sie Yukishima kennenlernte. Für sie eröffnet sich damit eine Möglichkeit, die zugleich wie ein Geschenk und wie eine Strafe wirkt. Sie kann ihre Fehler wiedergutmachen, ihre Reue vielleicht endlich loswerden und Yukishima diesmal den Platz geben, der ihm zusteht. Doch über allem liegt eine viel größere Frage: Kann sie auch seinen Tod verhindern?
Drawing From Your Memory von Shiki Kawabata beginnt mit einer sehr starken Ausgangslage. Es geht um Kunst, Schuld, Reue, verlorene Zeit und die verzweifelte Hoffnung, durch einen zweiten Versuch endlich alles richtig machen zu können. Zeitreisegeschichten sind natürlich kein neues Motiv, gerade im Manga nicht. Man denkt schnell an Werke wie Orange, in denen Figuren versuchen, eine Tragödie aus der Vergangenheit zu verhindern. Doch Kawabata nutzt dieses bekannte Gerüst auf eine Weise, die sofort emotional greift.
Denn Mahoros Problem ist nicht nur, dass jemand gestorben ist, der ihr viel bedeutet hat. Ihr Schmerz ist komplizierter. Sie trauert um Yukishima, aber sie trägt auch Schuldgefühle mit sich. Sie hat sein Werk benutzt, sie hat von seinem Talent profitiert und sie hat es nie geschafft, öffentlich die Wahrheit zu sagen. Dabei wird sie nicht als bösartige Diebin dargestellt. Genau das macht die Geschichte interessanter. Mahoro hat Yukishimas Ideen nicht aus reiner Berechnung genommen. Sie hat daraus ein Werk gemacht, das sie mit viel Mühe, Liebe und Arbeit zum Erfolg führte. Und doch bleibt der Ursprung gestohlen. Diese Ambivalenz ist einer der stärksten Punkte des Bandes.
Der Manga stellt damit eine spannende Frage: Wem gehört eine Geschichte? Der Person, die sie erfindet? Derjenigen, die sie ausarbeitet? Kann man ein Werk ehren und gleichzeitig Unrecht tun? Mahoro hat Yukishimas Ideen nicht lieblos ausgeschlachtet. Sie hat sie bewahrt, weitergetragen und groß gemacht. Aber sie hat ihm dabei die Stimme genommen. Dass sie Jahre später nicht stolz, sondern innerlich gelähmt ist, macht ihren Konflikt sehr nachvollziehbar.
Gleich zu Beginn liegt eine tiefe Melancholie über der Geschichte. Mahoro ist erfolgreich, aber nicht glücklich. Ihr Ruhm fühlt sich für sie hohl an, weil er auf einem Fundament steht, das sie nie richtig aufgearbeitet hat. Als sie dann in die Vergangenheit zurückkehrt, ist das nicht einfach nur ein fantastisches Abenteuer, sondern fast eine Konfrontation mit sich selbst. Sie muss noch einmal zu dem Menschen werden, der sie damals war, trägt aber das Wissen, die Reue und die Erfahrung ihres erwachsenen Ichs in sich. Gerade diese Mischung funktioniert sehr gut. Mahoro steckt wieder im Körper ihrer jüngeren Version, denkt aber wie eine Erwachsene. Sie kennt bestimmte Ereignisse, weiß um Yukishimas Krankheit und ahnt, wohin alles führen wird. Gleichzeitig merkt sie schnell, dass Vergangenheit nicht einfach ein Drehbuch ist, das man nur an den richtigen Stellen korrigieren muss. Sobald sie anders handelt, verändern sich Dinge. Manche kleinen Entscheidungen haben größere Folgen, als sie erwartet. Andere Ereignisse scheinen sich trotz aller Bemühungen kaum aufhalten zu lassen.
Dadurch entsteht eine angenehme Spannung. Der Band nimmt sich Zeit, Mahoro wieder in den Schulalltag zurückzuführen, den Manga-Club zu zeigen und vor allem ihre Beziehung zu Yukishima aufzubauen. Gerade diese Rückkehr in den Alltag macht die Tragik so stark. Man sieht Yukishima lebendig, freundlich, motiviert, voller Ideen und Leidenschaft. Gleichzeitig weiß man, dass über ihm ein festes Ablaufdatum zu schweben scheint.
Besonders interessant ist der Blick auf das Mangazeichnen selbst. Der Band zeigt Mahoro als erfolgreiche Autorin, aber auch als jemand, der unter enormem Druck steht. Nach einem großen Erfolg wird von ihr erwartet, dass sie wieder liefert. Noch größer, noch besser, noch origineller. Diese Angst vor dem zweiten Werk, vor dem leeren Blatt und vor der Frage, ob man ohne fremde Inspiration überhaupt etwas Eigenes schaffen kann, wird sehr nachvollziehbar dargestellt. Gleichzeitig blickt der Manga zurück auf die Anfänge: den Schulclub, die ersten Ideen, das gemeinsame Arbeiten, die Unsicherheit, ob man gut genug ist.
Damit ist Drawing From Your Memory nicht nur ein Zeitreisedrama, sondern auch eine Geschichte über Kreativität. Es geht darum, wie schwer es ist, originell zu sein. Wie sehr man sich mit anderen vergleicht. Wie verletzlich man ist, wenn man eine Idee mit jemandem teilt. Und wie viel Arbeit nötig ist, um aus einer Idee tatsächlich ein Werk zu machen. Diese Aspekte werden im ersten Band noch nicht bis ins Letzte vertieft, aber sie bilden einen sehr reizvollen Hintergrund.
Diese Chance ist allerdings nicht einfach befreiend. Je länger Mahoro in der Vergangenheit bleibt, desto mehr erkennt sie, dass Wiedergutmachung kein einfacher Akt ist. Es reicht nicht, nur zu sagen: „Diesmal mache ich alles anders.“ Sie muss verstehen, wer Yukishima wirklich war, was er wollte und was sie damals vielleicht übersehen hat. Sie muss auch sich selbst begegnen: ihrer Unsicherheit, ihrem Neid, ihrer Bewunderung, ihrer Angst, nicht gut genug zu sein. Gerade dadurch erhält der Band mehr Tiefe, als man bei einem klassischen Zeitreise-Setup zunächst erwarten könnte.
Kawabata überlädt ihn nicht mit Erklärungen zum Zeitreisephänomen. Vieles bleibt noch geheimnisvoll. Warum Mahoro zurückgeschickt wurde, welche Regeln gelten und ob Yukishimas Tod wirklich verhindert werden kann, ist noch offen. Diese Unklarheit passt aber zum Auftakt. Mahoro selbst versteht ihre Situation nicht vollständig, und der Leser erlebt diese Unsicherheit mit ihr.
Auch eine leise romantische Spannung deutet sich an. Zwischen Mahoro und Yukishima liegt eine große Zärtlichkeit, die nie aufdringlich wirkt. Gerade weil Mahoro mit dem Wissen der Zukunft zurückkehrt, erhalten ihre Gefühle eine besondere Schwere. Was für Yukishima vielleicht ein sich langsam entwickelnder Kontakt ist, ist für Mahoro bereits Erinnerung, Verlust und Sehnsucht.
Zeichnerisch überzeugt Shiki Kawabata mit einem feinen, weichen und sehr emotionalen Stil. Die Figuren haben eine gewisse Zartheit, die gut zur melancholischen Stimmung passt. Besonders Mahoros Gesichtsausdrücke tragen viel zur Wirkung bei. Man sieht ihr Reue, Panik, Hoffnung und Erleichterung deutlich an. Yukishima wiederum wirkt ruhig und warm, aber auch verletzlich. Diese Mischung ist wichtig, weil die Geschichte sehr stark über Blicke, kleine Gesten und unausgesprochene Gefühle funktioniert.
Die Erzählung ist insgesamt sehr flüssig. Der Einstieg in der Gegenwart ist eher kurz, aber effektiv. Schnell versteht man Mahoros Situation, ihre Schuld und den Druck, unter dem sie steht. Danach springt der Manga zügig in die Vergangenheit und entfaltet dort seinen eigentlichen Kern. An manchen Stellen geht die Handlung vielleicht etwas bequem voran, und nicht jede Wendung wirkt vollkommen organisch, aber emotional trägt der Band sehr gut. Gerade im letzten Drittel werden die Regeln und Komplikationen der Zeitreise interessanter, wodurch der Wunsch entsteht, direkt weiterzulesen.
Der Band ist emotional, aber nicht kitschig. Er ist dramatisch, aber nicht überzogen. Er arbeitet mit bekannten Motiven, doch Kawabata erzählt sie mit genug Sensibilität, um daraus etwas Eigenes zu machen. Man spürt, dass sie sich für die inneren Widersprüche ihrer Figuren interessiert.
Fazit
Drawing From Your Memory verbindet Zeitreise, Schulalltag, Manga-Schaffen und eine leise tragische Liebesgeschichte zu einer berührenden Mischung. Mahoro ist eine interessante Protagonistin, weil sie nicht unschuldig ist, aber aufrichtig bereut. Yukishima ist sofort sympathisch, ohne zu idealisiert zu wirken. Ihre Verbindung trägt den Band, und der drohende Verlust gibt jeder Szene Gewicht.
Wer Geschichten über zweite Chancen, Reue und verpasste Möglichkeiten mag, dürfte hier genau richtig sein.

Der Manga wurde mir freundlicherweise von Walt’s Comic Shop zur Verfügung gestellt. Die Kooperation hat wie immer keinerlei Einfluss auf meine Meinung zu dem Titel. Walt’s Comic Shop gehört zu den größten Online-Shops für US-Comics in Europa und ist in Berlin ansässig. Der Shop bietet eine breite Palette von Comics, Manga und Graphic Novels in englischer Sprache an.
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