Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

Die Sicht der Dinge

Die Sicht der Dinge

[Anzeige, da Rezensionsexemplar]

Jiro Taniguchi ist ein Mangaka, dessen Werke mich seit langem begleiten und einen festen Platz in meiner Sammlung gefunden haben. Besonders schätze ich seine ruhigen, kontemplativen Erzählungen, die oft mit einer tiefen Naturverbundenheit und stiller Beobachtung des Alltags einhergehen. Sie laden nicht zum schnellen Verschlingen, sondern zum Innehalten ein.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings: Viele seiner Werke wurden bei der Erstveröffentlichung im deutschsprachigen Raum durch Carlsen Manga an die westliche Leserichtung angepasst, wodurch ein Teil des ursprünglichen Lesegefühls verloren ging. Umso erfreulicher ist es, dass sich diese Praxis inzwischen ändert. Carlsen bringt Taniguchis Titel seit einiger Zeit nach und nach in überarbeiteter Form und japanischer Leserichtung neu heraus.

Mit “Die Sicht der Dinge”, im Original “Chichi no Koyomi”, folgt nun ein weiterer Band aus Taniguchis Schaffen. Der Manga erschien erstmals 1994 in Japan und wurde 2008 erstmals auf Deutsch veröffentlicht.

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Text & Zeichnungen: Jiro Taniguchi | Originaltitel: Chichi no Koyomi | Übersetzung: John Schmitt-Weigand | Genre: Slice-of-Life | Demografische Zielgruppe: Seinen | Verlag: Carlsen Manga | Preis: 18,00€ | mehr Informationen auf der Verlagsseite

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Wie war’s?

Der Protagonist Yoichi lebt seit seiner Jugend in Tokio und hat seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Vater gehabt. Erst die Nachricht vom Tod des Vaters führt ihn zurück in seine Heimatstadt Tottori, wo er an der Totenwache teilnimmt. Die Stimmung seiner Rückkehr ist geprägt von Distanz, Unsicherheit und unterschwelliger Schuld. Yoichi rechnet mit kühler Zurückhaltung seiner verbliebenen Familienangehörigen, doch wird stattdessen von seiner älteren Schwester Haruko, seiner freundlichen Stiefmutter Tsuruko und seinem Onkel Daisuke mit unerwarteter Wärme empfangen. Diese Nacht des Abschieds wird zu einer Nacht der Erinnerung, der Reflexion und der Erkenntnis.

Im Zentrum des Werks steht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vaterbild. Yoichi hat ihn über viele Jahre hinweg als distanziert, gefühlskalt und unzugänglich empfunden. Der Bruch mit der Familie, der in seiner Kindheit stattfand, war für ihn eng mit dem Verhalten des Vaters verknüpft. Nach dem verheerenden Großbrand, der das Friseurgeschäft der Familie zerstörte, stürzte sich der Vater in die Arbeit, um die Existenz der Familie zu retten. Die Mutter hingegen fühlte sich alleingelassen und entfremdet. Sie verlässt schließlich ihren Mann und auch ihre Kinder, um ein neues Leben mit einem Lehrer zu beginnen. Für den kleinen Yoichi, der das Geschehen weder verstehen noch einordnen konnte, war der Vater der Schuldige.

Er wächst mit dem festen Glauben auf, dass sein Vater ihn enttäuscht hat. Doch in Gesprächen mit seinen Verwandten, angestoßen durch die Trauerfeier, beginnt sich dieses Bild allmählich zu verschieben. Die Erinnerungen anderer, die Erzählungen seiner Schwester und seines Onkels, die kleinen Anekdoten, die beiläufig erzählt werden, lassen Yoichi erkennen, dass seine Wahrnehmung lückenhaft war. Der Vater, den er für gefühllos hielt, war in Wahrheit ein Mann, der auf seine stille, wortkarge Weise Verantwortung übernahm und seine Familie nicht weniger liebte als die Mutter, nur eben anders.

Taniguchi gelingt es meisterhaft, diese innere Bewegung, dieses vorsichtige Aufbrechen eines alten Urteils mit großer Zurückhaltung zu erzählen. Es ist nicht der große Konflikt, nicht der laute Schmerz, der hier im Vordergrund steht, sondern das allmähliche Erwachen einer neuen Sichtweise. Die narrative Struktur wechselt zwischen Gegenwart und Rückblenden, zwischen der nächtlichen Totenwache und Szenen aus Yoichis Kindheit und Jugend. Dabei gelingt es Taniguchi, das Innenleben seiner Figuren auf eine Weise sichtbar zu machen, die fast dokumentarisch wirkt, zugleich aber voller Poesie ist.

Taniguchis Stil ist geprägt von Realismus, Klarheit und emotionaler Feinfühligkeit. Die Figuren sind nicht überzeichnet, sondern wirken zurückhaltend, fast alltäglich, was ihre Menschlichkeit umso stärker unterstreicht. In den Gesichtern liegt Melancholie, Nachdenklichkeit, oft auch ein stummes Leiden. Die Stadt Tottori wird nicht nur als Schauplatz, sondern als emotionales Echo dargestellt. Ihre Straßen, die Häuser, das vom Feuer zerstörte Viertel, all das ist mit Bedeutung aufgeladen. Besonders hervorzuheben ist die Darstellung des Großbrands, der wie ein Katalysator für den Zerfall der Familie fungiert.

Die große Stärke von “Die Sicht der Dinge” liegt in seiner stillen, eindringlichen Art, über Beziehungen zu sprechen, die von Missverständnissen geprägt sind. Das Werk macht deutlich, wie schnell sich in der Kindheit Urteile formen können, wie fest sie sich in der Erinnerung verankern und wie schwer es ist, diese später zu hinterfragen.

Auch gesellschaftlich ist “Die Sicht der Dinge” von Bedeutung. Es zeigt eine japanische Nachkriegsgesellschaft im Wandel, thematisiert Rollenbilder, die Last der Verantwortung und den Druck, Gefühle nicht zu zeigen. Der Vater Yoichis steht exemplarisch für eine ganze Generation, die sich über Pflicht und Leistung definierte und deren Liebe sich in Handlungen statt in Worten äußerte.

Von Carlsen Manga wird der Manga im Softcover-Großformat herausgebracht. Das Design ist dabei der ursprünglichen Veröffentlichung angelehnt, so dass man den Band auch hervorragend zwischen seine alten Auflagen stellen kann.

Fazit

“Die Sicht der Dinge” ist ein berührendes Werk über das Schweigen in Familien, über das langsame Auflösen alter Urteile und über die Kraft der Erinnerung. Jiro Taniguchi erzählt mit großer Ruhe und emotionaler Präzision von einem Mann, der erst im Angesicht des Todes erkennt, wie sehr er seinen Vater missverstanden hat.

Wer ruhige Werke mag oder ohnehin schon Fan von Taniguchi ist, der wird hier hervorragend bedient.

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Bei diesem Manga handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Carlsen zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!

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