Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … du Geschichten über ungewöhnliche Familien magst.
- … du Drachen und gemütliche Fantasyabenteuer gerne liest.
- … du Humor und traurige Momente gut gemischt findest.
- … du eine starke Vater-Tochter-Beziehung sehen möchtest.
- … du neugierige, selbstbewusste Kinder als Hauptfiguren magst.
Eher nicht für dich, wenn …
- … du von Anfang an eine große und komplexe Fantasyhandlung erwartest.
- … dir sehr begabte Wunderkinder schnell zu viel werden.
- … du lieber düstere oder actionreiche Fantasy liest.
- … du mit episodischen kleineren Abenteuern wenig anfangen kannst.
Nemu hat sich in einen Wald voller weggeworfener Dinge zurückgezogen, um dort in Ruhe zu sterben. Dann landet die fünfjährige Eve vor ihm, wird kurzerhand zu seiner Tochter und weigert sich einige Jahre später, seinen Tod einfach hinzunehmen. Der Einstieg von Die Tochter des Knochendrachen ist traurig, ein wenig schräg und trotzdem sehr warm. Vor allem die Beziehung zwischen dem alten Drachen und dem kleinen Mädchen hat bei mir ziemlich schnell funktioniert.
Die Reihe von Ichi Yukishiro trägt im Original den Titel Hone Dragon no Mana Musume und läuft seit 2020 bei Mag Garden. In Japan sind bislang sechs Bände erschienen, abgeschlossen ist der Manga noch nicht. Die deutsche Ausgabe startete im Juli 2026 bei Panini Manga. Der erste Band umfasst 200 Seiten und kostet 8,99 Euro, Band 2 ist für September angekündigt.
Worum geht es?
In einem fernen Land gibt es einen Wald, in dem alles landet, was niemand mehr haben möchte. Bücher, Gegenstände, Abfall und gelegentlich sogar Menschen. Eines Tages wird dort die fünfjährige Eve ausgesetzt. Sie trifft auf den alten Drachen Nemu, der sich eigentlich nur noch einen ruhigen Platz für seine letzten Tage gesucht hatte.
Nemu bringt es jedoch nicht übers Herz, das Kind sich selbst zu überlassen. Also nimmt er Eve bei sich auf und versucht, sie mithilfe seiner eigenen Erfahrungen und eines entsorgten Erziehungsbuches großzuziehen. Das klappt vermutlich nicht immer so, wie es der unbekannte Verfasser des Ratgebers vorgesehen hatte. Trotzdem entsteht zwischen den beiden eine enge Eltern-Kind-Beziehung.
Fünf Jahre später stirbt Nemu an Altersschwäche. Für Eve ist er jedoch ihre einzige Familie, weshalb sie seinen Tod nicht akzeptiert. Sie sammelt Bücher über Magie, lernt ein halbes Jahr lang auf eigene Faust und schafft schließlich etwas, das Nemu selbst nicht für möglich gehalten hätte: Sie ruft seine Seele zurück. Fortan begleitet er sie in Gestalt eines geisterhaften Knochendrachen.
Nemu erkennt allerdings, dass Eve nicht für immer allein in diesem Wald leben kann. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zu den Menschen. Dort treffen sie unter anderem auf den windigen Gastwirt Yule, der ihnen Unterkunft anbietet und sich bald zu Eves Manager erklärt. Während Eve langsam die Welt außerhalb des Waldes kennenlernt, bleiben einige Fragen offen. Warum wurde sie ausgesetzt? Woher stammt ihre gewaltige magische Kraft? Und was ist aus Nemus eigenen Kindern geworden?
Meine Meinung
Geschichten über ein Kind und einen nicht menschlichen Beschützer sind inzwischen wirklich keine Seltenheit mehr. Ein alter Drache, der ein verlassenes Mädchen aufzieht, erinnert vom Grundgedanken her an einige andere Fantasyreihen. Ichi Yukishiro verlässt sich aber nicht allein auf die niedliche Kombination aus kleinem Kind und großer Kreatur. Die Beziehung zwischen Eve und Nemu bekommt bereits zu Beginn genügend Raum, damit ihr späteres Wiedersehen auch emotional funktioniert.
Nemu wird nicht plötzlich zum perfekten Vater. Er besitzt kaum Erfahrung mit Menschenkindern und hält sich deshalb an ein Erziehungsbuch, das zufällig im Wald gelandet ist. Dazu kommen seine eigenen Vorstellungen davon, was Eve zum Überleben können muss. Sie lernt bei ihm also nicht unbedingt gutes Benehmen, dafür kann sie sich an Bäumen entlanghangeln, Nahrung finden und in dieser unwirtlichen Umgebung bestehen. Das ist manchmal lustig, wirkt aber nie so, als wäre Nemu das Wohlergehen seiner Tochter egal. Er bemüht sich auf seine etwas unbeholfene Art ernsthaft um sie.
Auch Eve zeigt ihre Zuneigung nicht nur mit ein paar süßen Worten. Nach Nemus Tod verbringt sie sechs Monate damit, sich Magie beizubringen, weil sie ihren Vater zurückhaben möchte. Ihre Beschwörung ist damit keine Fähigkeit, die ihr in einem bequemen Moment einfach zufliegt. Natürlich besitzt sie offenbar ein gewaltiges Talent, doch sie muss trotzdem lernen und ausprobieren. Ihr Erfolg ist das Ergebnis ihrer Trauer, ihrer Sturheit und einer Menge Arbeit.
Eve selbst bewegt sich manchmal recht nahe an der Grenze zum anstrengenden Wunderkind. Sie ist zehn Jahre alt, verfügt über enorme magische Kräfte und bringt mit ihrer direkten Art regelmäßig andere Figuren aus dem Konzept. Zum Glück darf sie sich dabei weiterhin wie ein Kind benehmen. Sie ist neugierig, häufig hungrig, erstaunlich praktisch veranlagt und versteht nicht immer, warum Erwachsene alles unnötig kompliziert machen. In manchen ruhigeren Gesten hat sie mich ein wenig an Fern aus Frieren erinnert, insgesamt ist Eve aber deutlich kindlicher und ausgelassener.
Vor allem ihre Gesichtsausdrücke helfen dabei, dass sie trotz ihrer großen Fähigkeiten sympathisch bleibt. Eve kann innerhalb weniger Bilder vollkommen unschuldig, entschlossen, beleidigt oder einfach nur hungrig aussehen. Ichi Yukishiro holt aus ihrem recht schlichten Design erstaunlich viel heraus. Selbst wenn Eve etwas tut, das eigentlich ein wenig zu selbstsicher wirkt, erinnert ihr Gesicht schnell wieder daran, dass hier ein zehnjähriges Mädchen unterwegs ist.
Sehr gut gefallen haben mir auch die Gespräche zwischen ihr und Nemu. Beide kennen sich seit Jahren und reden entsprechend ungezwungen miteinander. Nemu versucht zwar, die vernünftige Vaterfigur zu spielen, doch Eve durchschaut ihn meistens recht schnell. Dazu kommen kleine Diskussionen, bei denen sie schlicht nicht einsehen möchte, warum ihre eigene Lösung falsch sein soll. Der Humor entsteht häufig aus diesen unterschiedlichen Blickwinkeln und braucht keine großen Gags.
Nach dem Aufbruch aus dem Wald kommt mit Yule noch eine Figur hinzu, bei der ich zunächst nicht so recht wusste, was ich von ihr halten soll. Er ist offensichtlich an Eves Fähigkeiten interessiert und scheint ständig mehrere Geschäfte gleichzeitig zu betreiben. Selbst sein Gasthaus erkennen Eve und Nemu innerhalb kürzester Zeit als ziemlich zweifelhafte Angelegenheit. Ein sehr vertrauenerweckender Manager sieht anders aus.
Yule wird mit seinen Plänen und Nebenverdiensten aber zunehmend unterhaltsamer. Außerdem sorgt er dafür, dass Eve und Nemu überhaupt einen Zugang zur menschlichen Gesellschaft bekommen. Zusammen ergeben die drei eine schön zusammengewürfelte kleine Gruppe, bei der jeder etwas anderes braucht. Eve benötigt Kontakte und Orientierung, Nemu möchte die Zukunft seiner Tochter absichern und Yule sieht selbstverständlich eine Gelegenheit, Geld zu verdienen. Immerhin ist er ehrlich genug, seine geschäftlichen Interessen nicht besonders gut zu verstecken.
Die eigentliche Handlung bleibt in diesem ersten Band noch recht einfach. Eve und Nemu verlassen den Wald, treffen neue Leute und geraten in erste kleinere Abenteuer. Daneben werden die größeren Fragen vorbereitet, ohne dass Yukishiro sofort jede Antwort liefert. Besonders Eves Herkunft und Nemus Suche nach seinen eigenen Kindern dürften für die nächsten Bände wichtig werden.
Eine Begegnung aus Nemus Vergangenheit bringt gegen Ende noch einmal einen ernsteren Ton in die Geschichte. Was zunächst nach einem recht gewöhnlichen Konflikt aussieht, entwickelt sich zu einer überraschend emotionalen Angelegenheit. Eves Reaktion zeigt dabei sehr schön, wie sie über Familie denkt. Der Manga wird an dieser Stelle nicht unnötig düster, spielt den Konflikt aber auch nicht sofort mit einem Witz herunter. Das Ende des kleinen Arcs hat mich tatsächlich berührt.
Überhaupt funktioniert die Mischung aus Humor und ernsteren Momenten erstaunlich gut. Die Ausgangslage ist schließlich ziemlich traurig: Ein Kind wird wie Müll entsorgt, findet eine Familie und verliert diese wenig später wieder. Trotzdem ist Die Tochter des Knochendrachen kein bedrückender Manga. Eve bringt mit ihrer unbekümmerten Art Bewegung in die Geschichte, während Nemu ihr die nötige Wärme gibt. Die lustigen Szenen nehmen den emotionalen Momenten nicht ihre Wirkung.
Der Zeichenstil wirkt auf den ersten Blick eher klassisch, gefällt mir aber gut. Die Hintergründe sind ausreichend ausgearbeitet, sodass der Wald und die späteren Orte nicht wie leere Kulissen aussehen. Besonders gelungen finde ich die verschiedenen Kreaturen. Nemu besitzt sowohl als lebender Drache als auch in seiner späteren Form eine starke Präsenz, ohne neben Eve zu bedrohlich zu wirken. Auch die anderen Drachen haben eigene Designs und wirken nicht wie leicht veränderte Kopien voneinander.
Fazit
Die Tochter des Knochendrachen nutzt eine vertraute Fantasyidee, findet aber schnell einen eigenen, sympathischen Ton. Eve kann mit ihrer enormen Magie und ihrer frühreifen Art gelegentlich etwas anstrengend werden, doch ihre Beziehung zu Nemu, die guten Dialoge und der lockere Humor gleichen das für mich aus. Wer Geschichten über ungewöhnliche Familien, Drachen und kleine Fantasyabenteuer mag, sollte sich den Auftakt ansehen. Ich möchte auf jeden Fall wissen, wohin Eve, Nemu und ihr höchst vertrauenswürdiger Manager als Nächstes geraten.
Transparenzhinweis
Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Panini Manga zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.
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