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Magical Karina ist eine Magical-Girl-Reihe von Mangaka Coyuri Tono, die das bekannte Genre mit ernsten Themen wie Demenz, Trauer und emotionaler Überforderung verbindet.
Die englischsprachige Lizenz sicherte sich Kodansha USA. Der erste Band erschien am 19. Mai 2026 sowohl als Print- als auch als Digitalausgabe. Er umfasst 192 Seiten und wird vom Verlag mit einer Altersempfehlung ab 16 Jahren geführt. Die Reihe gilt derzeit als fortlaufend.

Story/Zeichnungen: Coyuri Tono | Originaltitel: Majikaru Karina | Englischer Titel: Magical Karina | Verlag: Kodansha | Genre: Fantasy, Action, Comedy, Drama | Preis bei Walt’s: 10,49€

Wie war’s?
Karina ist bereits vor ihrer Verwandlung in ein Magical Girl mit ihrem Leben überfordert. Sie geht zur Schule, arbeitet nebenbei in einem Familienrestaurant und lebt in einer Familie, in der es kaum Raum für ihre eigenen Sorgen gibt. Besonders belastend ist für sie die Beziehung zu ihrer Großmutter, die an Demenz erkrankt ist.
Karina ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen und verbindet viele glückliche Erinnerungen mit ihr. Doch die Frau, die nun mit ihr am Frühstückstisch sitzt, erkennt sie kaum noch wieder. Ihre Großmutter verhält sich unberechenbar, verschüttet ihr Essen und braucht ständig Hilfe. Karina kümmert sich um sie, doch gleichzeitig empfindet sie Frust, Distanz und teilweise sogar Ablehnung.
Coyuri Tono zeigt dabei eine unangenehme, aber sehr menschliche Seite der Pflege eines geliebten Menschen. Karina trauert bereits um ihre Großmutter, obwohl diese noch lebt. Sie vermisst die Person, die ihre Großmutter einmal gewesen ist und schämt sich gleichzeitig dafür, dass sie die erkrankte Frau nicht mit derselben Wärme behandeln kann. Noch am Morgen wischt Karina die verschüttete Misosuppe ihrer Großmutter vom Boden auf. Wenige Stunden später wird sie aus dem Unterricht gerufen und ins Krankenhaus gebracht. Dort erfährt sie, dass ihre Großmutter gestorben ist.
Karinas erste Reaktion ist nicht nur Trauer. Sie empfindet auch Erleichterung.
Genau dieses Gefühl wird zum emotionalen Kern des ersten Bandes. Karina liebte ihre Großmutter, aber sie ist erleichtert, dass die schwierige Situation ein Ende gefunden hat. Nun muss sie nicht mehr dabei zusehen, wie die Demenz ihr Stück für Stück die Person nimmt, die sie kannte. Die Erleichterung fühlt sich für Karina jedoch wie ein Verrat an. Sie glaubt, dass sie egoistisch ist und den Tod ihrer Großmutter wieder nur auf ihre eigenen Gefühle bezieht.
Die Mangaka geht mit dieser widersprüchlichen Gefühlslage erstaunlich offen um. Karina wird nicht als besonders aufopferungsvolle oder geduldige Enkelin dargestellt. Sie ist gereizt, erschöpft und manchmal abweisend. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr sie unter der Erkrankung ihrer Großmutter gelitten hat. Der Tod gibt Karina keine Gelegenheit, ihre Gefühle zu ordnen. Sie kann weder richtig Abschied nehmen noch sich mit ihrer Schuld auseinandersetzen. Stattdessen geht sie noch am selben Tag zu ihrer Arbeit im Restaurant. Selbst der Seetang, der beim Frühstück an ihrer Schuluniform hängen geblieben ist, begleitet sie weiter durch diesen chaotischen Tag.
Diese kleinen Details vermitteln gut, wie wenig Zeit Karina für ihre Trauer hat. Ihr Leben bleibt nicht stehen. Sie muss funktionieren, Geld verdienen und den Erwartungen ihrer Umgebung entsprechen, obwohl sie emotional längst an ihre Grenzen gekommen ist.
Auf dem Heimweg wird Karina schließlich von einem seltsamen Wesen angegriffen. Das glitzernde, elefantenähnliche Monster scheint für die Menschen in ihrer Umgebung unsichtbar zu sein. Nur Karina kann es sehen. In letzter Sekunde taucht ein Junge namens Zen auf und rettet sie. Viel Zeit für Erklärungen nimmt er sich allerdings nicht. Er stellt Karina vor eine einfache Wahl: Entweder sie verwandelt sich und kämpft oder sie stirbt.
Karina hat weder Interesse daran, ein Magical Girl zu werden, noch versteht sie, was überhaupt geschieht. Trotzdem bleibt ihr keine andere Möglichkeit. Ihre Kleidung verändert sich, sie erhält einen Stab und findet sich plötzlich in einem Kampf gegen ein Monster wieder, von dessen Existenz sie wenige Augenblicke zuvor noch nichts wusste. Karina träumt nicht davon, eine Heldin zu werden. Die Verwandlung ist für sie kein magischer Moment der Selbstverwirklichung. Sie bringt keine Begeisterung, sondern ist nur eine weitere Verpflichtung in einem ohnehin schon überfüllten Leben.
Karina muss zur Schule, arbeiten und mit dem Tod ihrer Großmutter umgehen. Nun soll sie nebenbei auch noch Monster bekämpfen und Menschen retten. Ihre Kräfte lösen keines ihrer Probleme. Im Gegenteil: Sie erhöhen den Druck, unter dem sie bereits steht.
Der Manga zeigt das Leben eines Magical Girls dadurch weniger romantisch als viele bekannte Vertreter des Genres. Karina hat keine Zeit für lange Reden über Freundschaft und Gerechtigkeit. Sie versteht die Regeln ihrer Kräfte kaum und kämpft nicht mit eleganten Zaubersprüchen. Häufig schlägt sie mit ihrem Stab einfach auf ihre Gegner ein.
Kurz darauf wird die Situation noch komplizierter. Zen wird bei dem Kampf schwer verletzt und von dem Monster verschlungen. Zwar verschwindet er nicht vollständig, doch er kehrt in einer winzigen Form zurück und braucht Karinas Hilfe, um seinen ursprünglichen Körper wiederzuerlangen. Karina fühlt sich für sein Schicksal verantwortlich. Das Monster schien es schließlich auf sie abgesehen zu haben. Aus diesem Schuldgefühl heraus erklärt sie sich bereit, Zen zu helfen.
Hier zeigt sich ein Muster, das Karinas Handlungen durch den gesamten Band bestimmt. Sie trifft ihre Entscheidungen selten aus eigener Überzeugung. Stattdessen wird sie von Schuldgefühlen angetrieben. Sie fühlt sich schuldig wegen ihrer Großmutter, wegen Zen und später auch wegen der Menschen, die durch die Monster in Gefahr geraten.
Das Magical-Girl-Dasein wird für sie zu einer Möglichkeit, etwas Gutes zu tun und damit vielleicht auch die negativen Gefühle gegenüber ihrer Großmutter auszugleichen. Karina hofft, dass sie auf sich selbst stolz sein kann, wenn sie andere Menschen rettet. Die Kämpfe sind damit nicht nur ein äußerer Konflikt. Sie sind auch Teil ihres Versuchs, sich selbst zu beweisen, dass sie kein schlechter Mensch ist.
Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob Karina tatsächlich helfen möchte oder ob sie nur versucht, sich selbst zu bestrafen. Sie erlaubt sich kaum, ihre eigenen Grenzen anzuerkennen. Obwohl sie erschöpft ist, übernimmt sie immer weitere Aufgaben. Selbst ihre Verwandlung in ein Magical Girl fügt sich dadurch beinahe nahtlos in ihren Alltag ein: Noch eine Verantwortung, die sie nicht ablehnen darf.
Später erhält Karina Unterstützung von ihrer Freundin Yuni. Diese entwickelt sich schnell zu einer wichtigen Figur des Bandes. Yuni ist aufmerksamer als Karina und nimmt Zens Erklärungen nicht ohne Weiteres hin. Sie erkennt, dass er ihnen wichtige Informationen verschweigt und dass die Situation wahrscheinlich komplizierter ist, als er behauptet.
Während Karina aufgrund ihrer Schuldgefühle kaum Fragen stellt, übernimmt Yuni zunehmend die Rolle der vernünftigen Beobachterin. Sie möchte verstehen, woher die Monster kommen, was Zen wirklich weiß und warum gerade Karina in die Ereignisse verwickelt wurde.
Gleichzeitig bringt Yuni eine gewisse Leichtigkeit in die Geschichte. Nicht alles in Magical Karina ist düster. Der Manga arbeitet immer wieder mit komischen Momenten, absurden Reaktionen und ungewöhnlichen Waffen. Yuni kämpft beispielsweise mit Schlagringen, während Karinas Stab eher wie eine schwere Keule eingesetzt wird.
Diese Ideen passen zu dem Versuch, die bekannten Magical-Girl-Konventionen aufzubrechen. Die Mädchen kämpfen nicht besonders elegant und ihre Kräfte wirken weniger märchenhaft als körperlich. Auch Zen entspricht nicht dem typischen niedlichen Maskottchen oder geheimnisvollen jugendlichen Mentor.
Allerdings liegt genau darin eines der größten Probleme des ersten Bandes.
Magical Karina scheint sich nicht vollständig entscheiden zu können, welche Art von Geschichte es erzählen möchte. Die Kapitel über Karinas Großmutter sind ernst, emotional und realistisch. Sie beschäftigen sich mit einer Erkrankung, die nicht nur die betroffene Person verändert, sondern auch das Leben der gesamten Familie belastet.
Daneben stehen überzeichnete Monsterkämpfe, bizarre Erklärungen und komische Situationen. Zen stirbt scheinbar und taucht anschließend als winzige Version seiner selbst wieder auf. Yuni ruft einem Monster, das die Seele eines Menschen aussaugen möchte, einen Spruch gegen Mobbing entgegen. Solche Szenen könnten in einer Parodie funktionieren, doch der Manga geht nie weit genug, um tatsächlich als Parodie gelesen werden zu können.
Dadurch entstehen starke Tonwechsel. In einem Moment beschäftigt sich Karina mit ihrer Trauer und dem schlechten Gewissen gegenüber ihrer verstorbenen Großmutter. Kurz darauf sitzt der winzige Zen auf ihrem Kopf oder es wird über die Absurdität ihrer neuen Kräfte gescherzt.
Humor und Trauer müssen sich grundsätzlich nicht widersprechen. Gerade in einer Geschichte über den Tod können komische Momente dabei helfen, die Figuren menschlicher erscheinen zu lassen. In Magical Karina greifen die unterschiedlichen Elemente bisher jedoch noch nicht richtig ineinander. Das Problem ist nicht, dass der Manga ernste und humorvolle Szenen verbindet. Vielmehr fehlt eine klare Grundlage, die beide Seiten zusammenhält.
Über die Monster erfahren wir im ersten Band nur wenig. Sie saugen offenbar die Seelen ihrer Opfer aus und sollen bereits für zahlreiche Todesfälle verantwortlich sein. Auch Karinas Großmutter könnte eines ihrer Opfer gewesen sein. Warum diese Wesen auftauchen, was sie genau wollen und weshalb Karina sie sehen kann, bleibt jedoch offen.
Auch Zens Rolle ist kaum verständlich. Es wird nicht ausreichend erklärt, wer er ist, woher seine Kenntnisse kommen und weshalb er Karina zur Verwandlung zwingen kann. Seine körperliche Verwandlung in eine kleine Version seiner selbst wird ebenfalls nur unzureichend erläutert.
Ein gewisses Maß an Unwissen ist zu Beginn einer Mystery- oder Fantasy-Reihe normal. Die Leser*innen sollen gemeinsam mit der Hauptfigur herausfinden, welche Regeln in dieser Welt gelten. Magical Karina wirft allerdings so viele einzelne Elemente in den Raum, dass der Eindruck entsteht, die Geschichte würde ihre eigenen Grundlagen überspringen.
Der erste Band ist mit Handlung überfüllt. Er führt Karinas Familie, ihre Arbeit, die Erkrankung und den Tod ihrer Großmutter, die Monster, ihre Verwandlung, Zen, Yunis Beteiligung und mehrere größere Fragen über die Hintergründe der Ereignisse ein. Dadurch bleibt für die einzelnen Aspekte zu wenig Raum. Besonders schade ist dies bei der Geschichte um Karinas Großmutter.
Statt sich zunächst auf diese Gefühle zu konzentrieren und die Fantasy-Elemente langsam einzuführen, beginnt die Monsterhandlung beinahe unmittelbar nach dem Tod. Karina wird dadurch nicht nur innerhalb der Geschichte überfordert. Auch die Erzählung selbst wirkt gehetzt.
Visuell hebt sich Magical Karina von vielen aktuellen Veröffentlichungen ab. Coyuri Tono arbeitet mit einem ungewöhnlichen, teilweise fast unförmigen Zeichenstil. Die Figuren besitzen einfache, runde Formen und erinnern stellenweise mehr an Illustrationen oder Pop-Art als an einen klassischen Manga. Gerade die Charakterdesigns haben dadurch einen hohen Wiedererkennungswert. Karinas Magical-Girl-Kostüm greift Elemente älterer Magical-Girl-Serien auf, ohne wie eine direkte Kopie zu wirken.
Bei den Actionszenen stößt die Gestaltung jedoch an ihre Grenzen. Die Bewegungsabläufe sind nicht immer klar zu erkennen. Teilweise fehlt es den Panels an räumlicher Orientierung, wodurch schwer nachvollziehbar ist, wo sich die Figuren befinden und wie ein Angriff genau abläuft. Da die Kämpfe einen großen Teil der Magical-Girl-Handlung ausmachen, fällt diese Schwäche entsprechend auf. Die Waffen und Kostüme besitzen interessante Designs, doch ihre Inszenierung entfaltet bisher nicht die Wirkung, die sie haben könnte.
Fazit
Magical Karina besitzt viele gute Ideen. Weniger überzeugend ist bisher die eigentliche Magical-Girl-Handlung. Die Regeln der Welt bleiben unklar, Zen funktioniert nur bedingt als Mentor und die vielen neuen Elemente lassen dem emotionalen Kern zu wenig Platz. Der Manga möchte gleichzeitig ein ernstes Drama, eine Actiongeschichte, eine Mystery-Reihe und eine schräge Magical-Girl-Komödie sein. Und aus meiner Sicht ergibt sich daraus kein geschlossenes Gesamtbild.
Der erste Band wirkt deshalb wie eine Sammlung vielversprechender Ansätze, die noch nicht richtig zusammengefunden haben. Das Potenzial ist vorhanden. Vor allem Karinas emotionale Entwicklung und ihre Freundschaft mit Yuni könnten der Reihe langfristig ein stabiles Fundament geben. Dafür müssen die kommenden Bände jedoch die Hintergründe der Monster verständlicher erklären, den Figuren mehr Raum lassen und einen besseren Ausgleich zwischen Drama, Humor und Action finden.

Der Manga wurde mir freundlicherweise von Walt’s Comic Shop zur Verfügung gestellt. Die Kooperation hat wie immer keinerlei Einfluss auf meine Meinung zu dem Titel. Walt’s Comic Shop gehört zu den größten Online-Shops für US-Comics in Europa und ist in Berlin ansässig. Der Shop bietet eine breite Palette von Comics, Manga und Graphic Novels in englischer Sprache an.
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