Jaadugar: Eine Hexe in der Mongolei (Band 1)

Jaadugar: Eine Hexe in der Mongolei (Band 1)

Werbung/Rezensionsexemplar
24. August 2026 · Deutsche Manga
Jaadugar: Eine Hexe in der Mongolei (Band 1)

Im Persien des 13. Jahrhunderts lernt die versklavte Sitara, wie sehr ihr Mathematik, Sprachen und Astronomie helfen können. Nach der Eroberung von Tus gerät sie in die Hände der Mongolen und muss sich in einer fremden Gesellschaft behaupten. Ein historischer Manga mit einer klugen, widerspenstigen Heldin und einem Zeichenstil, an den ich mich erst gewöhnen musste.

Manga-Daten

Originaltitel
Tenmaku no Jaadugar
Mangaka
Tomato Soup
Verlag
Panini Manga
Veröffentlichung
16.06.2026
ISBN
9783741648298
Sprache / Ausgabe
Deutsch
Übersetzung
Jan Lukas Kuhn
Genre
Historisch
Demografie
Josei
Preis
12,00 €

Passt der Manga zu dir?

Für dich, wenn …

  • … du historische Manga magst und gern mehr über Persien und das Mongolische Reich im 13. Jahrhundert erfahren möchtest.
  • … du kluge Heldinnen interessant findest, die sich mit Wissen, Sprachen und genauer Beobachtung behaupten.
  • … du mit einem ungewöhnlichen, zunächst kindlich wirkenden Zeichenstil etwas anfangen kannst.
  • … du Geschichten magst, in denen Bildung für die Handlung wirklich wichtig ist.

Eher nicht für dich, wenn …

  • … dich runde Gesichter, kleine Körper und sehr einfache Figuren schnell aus einer ernsten Geschichte herausbringen.
  • … du bei Mathematik und wissenschaftlichen Erklärungen eine besonders leicht verständliche Darstellung brauchst.
  • … du Darstellungen von Krieg, Mord, Versklavung und Massakern lieber vermeiden möchtest.

Stimmung

Neugierig und wissbegierig · zunächst stellenweise warm · dann bedrückend · brutal und angespannt.

Themen

Sklaverei · Bildung und Wissen · Krieg und Eroberung · Überleben · Sprachen und Übersetzung · Religion und Wissenschaft

Der Zeichenstil von Jaadugar: Eine Hexe in der Mongolei hat es mir am Anfang nicht wirklich leicht gemacht, obwohl ich eigentlich ganz gut mit alternativen Zeichenstilen kann. Die runden Gesichter, kleinen Körper und sehr einfachen Formen wirken beinahe kindlich, während die Geschichte von Sklaverei, Krieg und den Eroberungen des Mongolischen Reiches erzählt und damit alles andere als seicht ist.

Nach einigen Seiten wurde mir allerdings klar, dass Tomato Soup diesen Stil nicht aus Bequemlichkeit gewählt hat. Zwischen den schlichten Figuren tauchen aufwendig gemusterte Stoffe, persisch geprägte Verzierungen und Panel auf, die mich an alte Buchmalereien erinnert haben. Damit verwandelt sich der auf dem ersten Blick als Schwäche wirkender Punkt doch irgendwie schnell zu einer Stärke.

Tomato Soup veröffentlicht die Reihe, die im Original Tenmaku no Jaadugar heißt, seit September 2021 auf der Webplattform Souffle von Akita Shoten. Der Manga umfasst in Japan dezeit sechs Bände. Die deutsche Ausgabe erscheint seit dem 16. Juni 2026 bei Panini.

Worum geht es?

Die Geschichte beginnt 1213 in Tus, im Nordosten des heutigen Iran. Sitara wird als Kind auf einem Sklavenmarkt verkauft und landet schließlich in dem Haushalt von Fatima, einer verwitweten Frau aus einer angesehenen Gelehrtenfamilie. Ihr Verkäufer erhofft sich, dass Fatima Sitara lehren kann und so ihren Wert auf dem Markt steigert. Sitara will sich zunächst weder mit ihrer neuen Stellung abfinden noch Unterricht erhalten. Ihr Ziel ist, es so schnell wie möglich zu fliehen. Doch durch Muhammad, Fatimas Sohn, begreift sie jedoch nach und nach, dass Lesen, Mathematik, Astronomie und andere Wissenschaften ihr auch in einer Lage helfen können, über die sie selbst kaum bestimmen darf.

Sitara bleibt bei der Familie und lernt fleißig, doch dann erreicht der Krieg Tus. Mongolische Truppen nehmen die Stadt ein, plündern sie und töten zahlreiche Bewohner. Sitara verliert erneut fast alles und gerät in die Gefangenschaft der Eroberer. Sie nimmt den Namen Fatima an und hält an dem fest, was ihr geblieben ist: ihrem Wissen und einem Buch, das die Eroberer ihrer Herrin entrissen haben und dass sie unbedingt zurück möchte. Damit beginnt ihr Weg in eine völlig fremde Gesellschaft, deren Sprache und Regeln sie erst verstehen muss. Mehr sollte man über diesen ersten Band eigentlich nicht wissen, denn er erzählt vor allem, wie aus dem widerspenstigen Kind eine junge Frau wird, die ihren Verstand ganz bewusst als Überlebensmittel einsetzt.

Meine Meinung

Persien und das Mongolische Reich des 13. Jahrhunderts bekommt man in den hier veröffentlichten Manga nicht allzu oft zu sehen. Tomato Soup interessiert sich sichtbar dafür, wie die Menschen gelebt, gelernt und ihren Glauben verstanden haben. Bei Sitara und ihrer neuen Familie stehen Religion und Wissenschaft nicht in einem Gegensatz. Lernen gehört zu ihrem Alltag und auch zu ihrer Vorstellung davon, wie ein Mensch leben sollte. Das fand ich besonders spannend, weil der Manga damit ein Bild des mittelalterlichen Persiens zeichnet, das in westlichen Geschichten häufig fehlt.

Dabei wird viel Wissen tatsächlich in die Handlung eingebaut. Es geht um Karten, Sprachen, Mathematik, Beobachtung und darum, aus scheinbar kleinen Einzelheiten brauchbare Schlüsse zu ziehen. Sitara lernt nicht, damit der Manga anschließend mit ein paar historischen Begriffen angeben kann. Sie braucht dieses Wissen. Erst ermöglicht es ihr, sich innerhalb von Fatimas Haushalt eine Stellung zu erarbeiten, später hilft es ihr, die Mongolen und ihre Lebensweise zu verstehen. Auch Übersetzer und Menschen, die mehrere Sprachen beherrschen, bekommen dadurch ein Gewicht, das in einer Geschichte über ein riesiges Reich nur logisch ist.

Nicht jede Erklärung funktioniert für mich gleich gut. Sobald Mathematik und praktische Berechnungen ausführlicher werden, setzt der Band an manchen Stellen recht viel voraus. Die Gedanken dahinter sind interessant, nur könnten einzelne Schaubilder und Erklärungen klarer sein. Klar, man muss die Rechnungen nicht vollständig nachvollziehen, um Sitara zu folgen, aber ich bin an diesen Stellen gelegentlich aus der Geschichte gerutscht. Ein Manga, der Wissen zu Sitaras wichtigster Stärke macht, darf seine Leser ruhig ein klein wenig besser mitnehmen.

Sitara selbst trägt den Band zum Glück ohne Probleme. Sie ist neugierig und klug, aber keineswegs von Beginn an die vernünftige Musterschülerin, die dankbar jede Gelegenheit beim Schopf packt. Als sie zu Fatima kommt, ist sie wütend, misstrauisch und bereit, wegzulaufen. Das ergibt Sinn. Erst die Beziehung zu Muhammad und die Erfahrung, mit dem Gelernten wirklich etwas anfangen zu können, verändern ihre Haltung. Später zeigt sich ihre Stärke vor allem darin, dass sie nach schweren Verlusten wieder anfängt, ihre Umgebung zu beobachten. Sie lernt Wörter, achtet auf Gewohnheiten und versucht herauszufinden, welchen Platz sie sich schaffen kann. Ihre Lage wird dadurch nicht plötzlich gut. Sie bleibt nur nicht auf der Stelle stehen.

Der Umgang mit Sklaverei hat mich trotzdem nicht vollkommen überzeugt. Fatima und Muhammad behandeln Sitara so freundlich, dass sie schnell beinahe wie ein Teil der Familie wirkt. Die Zuneigung zwischen ihnen funktioniert und ist wichtig für alles, was nach der Eroberung von Tus geschieht. Zugleich rückt dadurch leicht in den Hintergrund, dass Sitara gekauft wurde und ihre ersten Entscheidungen gerade nicht frei treffen kann. Der Manga spricht diesen Widerspruch an, bleibt bei den Folgen aber eher an der Oberfläche. Ich hätte mir gewünscht, dass das Machtgefälle innerhalb dieses warmen Haushalts etwas deutlicher stehen bleibt, gerade weil die Geschichte sonst viel Wert auf ihren historischen Hintergrund legt.

Bei der Einnahme von Tus wird der Ton erheblich härter. Der Band zeigt Morde, Massaker und den völligen Zusammenbruch von Sitaras bisherigem Leben. Die runden Figuren nehmen diesen Szenen nichts von ihrer Grausamkeit. Teilweise macht der Gegensatz sie sogar unangenehmer, weil die Gewalt so plötzlich in Bilder einbricht, die wenige Seiten zuvor noch freundlich und fast gemütlich aussahen. Tomato Soup hält sich dabei nicht lange mit einer großen Schlachtenshow auf. Entscheidend ist, was die Eroberung mit Sitara macht und wie rasch Menschen, Bücher und ein ganzes Zuhause ausgelöscht werden können.

Mir gefällt auch, dass die Mongolen nach diesem Einschnitt nicht einfach als einheitliche Horde behandelt werden. Sitara erlebt sie als Eroberer, vor denen sie allen Grund hat, Angst zu haben. Gleichzeitig beobachtet sie ihren Alltag, ihre Zelte, ihre Sprachen und ihre Ordnung. Neugier bedeutet hier nicht, dass sie ihre Verluste vergisst oder die Gewalt entschuldigt. Sie muss verstehen, wo sie gelandet ist, wenn sie dort überleben will. Dieser Blick passt sehr gut zu einer Heldin, deren stärkste Waffe weder ein Schwert noch irgendeine Zauberkraft ist.

Und damit wären wir wieder bei den Zeichnungen. Tomato Soups Figuren erinnern mit ihren großen Augen und runden Formen stellenweise an ältere Manga von Osamu Tezuka. Erwachsene können dadurch sehr jung aussehen und bei manchen Nebenfiguren musste ich zweimal hinsehen, um sie sicher auseinanderzuhalten. Einige Reaktionen und Dialoge wirken zusammen mit den Gesichtern außerdem kindlicher, als es die Situation eigentlich verträgt. Dafür sind die Figuren ausgesprochen lebendig, und selbst kleine Veränderungen im Ausdruck lassen sich sofort erkennen.

Noch besser gefallen mir die Muster und die Seitengestaltung. Kleidung, Architektur, Rahmen und Textfelder greifen Formen auf, die an persische Miniaturen und islamische Kunst erinnern. Die Bilder sind nicht realistisch im Stil einer historischen Dokumentation, vermitteln aber trotzdem ein klares Gefühl für Ort und Zeit. Ein kleiner moderner Aufräumwitz fällt dabei natürlich aus dem Rahmen. Ich habe ihn trotzdem gern mitgenommen; ein wenig Luft kann diese Geschichte gebrauchen.

Der erste Band nimmt sich genug Zeit für Sitaras Kindheit und Ausbildung, ohne sich darin festzufahren. Ruhige Unterrichtsszenen wechseln mit Fluchtgedanken, Abschied und schließlich der Katastrophe von Tus. Danach beginnt beinahe eine zweite Geschichte, in der Sitara ihre neue Umgebung erkundet und weitere wichtige Frauen aus dem Umfeld der mongolischen Herrscherfamilie auftauchen. Noch stehen die historischen Verhältnisse stärker im Vordergrund als viele Nebenfiguren, doch das ist bei einem Auftakt mit diesem Umfang nachvollziehbar. Der Band muss viel erklären und bleibt trotzdem in Bewegung.

Fazit

Jaadugar: Eine Hexe in der Mongolei ist vor allem für diejenigen interessant, die historische Manga mögen und gern einen weniger vertrauten Teil der Geschichte kennenlernen. Die manchmal zu knappen wissenschaftlichen Erklärungen und der recht milde Blick auf Sitaras erste Jahre als Sklavin sind echte Schwächen. Sitara, die ungewöhnliche Umgebung und der eigenwillige Zeichenstil geben dem Auftakt aber eine klare eigene Stimme. Wer sich von den kindlich wirkenden Figuren nicht abschrecken lässt, bekommt einen spannenden ersten Band, in dem Wissen tatsächlich etwas bewegen kann.

Transparenzhinweis

Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Panini Manga zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.

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