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Autorin und Zeichnerin Hitomi Takano dürfte international vor allem durch ihre Reihe “My Boy” bekannt sein, die in einigen Ländern veröffentlicht wurde. Auch wenn mich “My Boy” schlussendlich nicht zu hundert Prozent überzeugt hat, so hat mich die “Gene Bride” bereits bei der Ankündigung neugierig gemacht.
“Gene Bride” erschein vom Juni 2021 bis zum August 2024 im Josei-Magazin Feel Young und wird in der Summe vier Bände umfassen. Die Reihe wird auf dem US-Markt durch Seven Seas im Print-Format herausgebracht.

Story&Zeichnungen: Hitomi Takano | Originaltitel: Gene Bride | Genre: Science-Fiction, Romance, Drama | Verlag: Seven Seas | In vier Bänden abgeschlossen | Aktueller Preis bei Walt’s: 11,24€ (Stand: 09.05.2025) | Der Manga bei Walt’s Comic Shop

Wie war’s?
Der Manga beginnt auf ernüchternd vertraute Weise. Die 30-jährige Protagonistin Ichi Isahaya ist eine toughe, kompetente Journalistin, und trotzdem wird sie auf ihren Körper, ihre Schönheit und ihre Weiblichkeit reduziert. Schon in der Eröffnungsszene wird sie von einem bekannten Filmregisseur sexistisch behandelt. Sie lächelt gequält, bleibt professionell, aber innerlich brodelt die Wut. Kurz darauf folgt ein weiteres Beispiel alltäglicher Übergriffigkeit: Ein Mann masturbiert ihr beim Joggen im Park demonstrativ entgegen. Ihre Reaktion ist resigniert, ein Zeichen dafür, wie normalisierte Bedrohung für viele Frauen geworden ist.
Takano spart nicht mit Kritik an einer Gesellschaft, in der Frauen permanent mit Mikroaggressionen, Überwachung, sexualisierter Fremdwahrnehmung und struktureller Abwertung konfrontiert werden. Das passiert nicht plakativ, sondern im Gegenteil fast beiläufig, genau das macht es so unangenehm realistisch. Dass Ichi trotzdem kämpft, sich behauptet und nicht in Selbstmitleid versinkt, macht sie zu einer glaubwürdigen, starken Hauptfigur.
Der Wandel beginnt, als Makuhito Masaki auf der Bildfläche erscheint. Ein ehemaliger Mitschüler, den Ichi partout nicht wiedererkennt. Er behauptet, dass sie damals beim schulischen Projekt “Gene Bride” ein genetisch zugeordnetes Paar waren. Die Idee klingt absurd, ein Experiment, bei dem Schüler:innen anhand ihrer DNA „gematcht“ wurden. Aber in der Welt von Gene Bride ist dies Realität gewesen, zumindest in einer elitären Privatschule mit zweifelhaften ethischen Standards.
Makuhito ist eine interessante Figur: seltsam, steif, akribisch und gleichzeitig aufrichtig, sensibel und bemüht. Schnell wird deutlich, dass er neurodivers ist. Seine Routinen, seine Überempfindlichkeit gegenüber Reizen, seine direkte Sprache, vieles deutet auf eine Autismus-Spektrum-Störung hin. Doch Takano reduziert ihn nicht auf eine Diagnose. Im Gegenteil, Makuhito wird nicht als „Problem“ inszeniert, sondern als jemand mit einer anderen Wahrnehmung der Welt, die ebenso valide ist. Besonders berührend ist, wie er sich bemüht, Ichis Frust über den strukturellen Sexismus zu verstehen, nicht durch Nachfragen oder Forderungen, sondern durch eigenes Nachdenken und Reflektieren.
Erzählerisch ist der Manga unkonventionell. Takano springt zwischen Ichis Gegenwart und Erinnerungsfetzen an ihre Schulzeit. Die Erzählung wirkt dadurch manchmal unübersichtlich oder sprunghaft, ein Umstand, der bei Leser:innen durchaus Verwirrung auslösen kann. Doch dieses Stilmittel hat Methode: Die Fragmentierung spiegelt Ichis psychischen Zustand wider. Sie ist zerrissen zwischen verdrängten Erinnerungen, unterdrückter Wut und der Ambivalenz gegenüber Makuhitos Wiederauftauchen.
Denn je mehr sich die beiden annähern, auf einer platonischen, aber emotional intensiven Ebene, desto stärker brechen Ichis verdrängte Traumata durch. Ihre Alpträume, ihre unbewussten Flashbacks, das Gefühl, etwas Entscheidendes vergessen zu haben, all das verdichtet sich in einem schleichenden Sog. Der Leser merkt: Irgendetwas an dieser Vergangenheit stimmt nicht. Und das gene-matching Experiment war vermutlich viel mehr als ein harmloses Schulspiel.
Auf den letzten Seiten wagt Takano etwas, das viele Mangaka sich nicht trauen. Sie reißt das Erzählkonstrukt vollständig ein. Plötzlich deuten alle Zeichen darauf hin, dass es hier nicht nur um Erinnerungen, Beziehungen oder Sexismus geht, sondern vielleicht um eine tiefgreifende Manipulation, eine Verschwörung, ein wissenschaftlich-gesellschaftliches Experiment mit realen Folgen.
Dieser Twist kommt nicht wie ein billiger Cliffhanger daher, sondern als konsequente Eskalation. Der gesamte erste Band wirkt im Rückblick wie ein raffinierter Prolog, ein Aufwärmen, und das eigentliche Drama beginnt erst jetzt.
Gene Bride ist ein Genre-Hybrid. Es ist eine feministische Analyse, ein Psychogramm einer traumatisierten Frau, ein realistisches Drama über Neurodivergenz und ein sich anbahnendes Sci-Fi-Mysterium. Dass Takano diese Themen gleichzeitig jongliert, ist ein mutiger Kraftakt. Nicht alles fügt sich auf Anhieb zusammen. Besonders hervorzuheben ist der subtile, aber stetige Umgang mit Identität, nicht nur im geschlechtlichen oder gesellschaftlichen Sinn, sondern auf existenzieller Ebene: Wer bin ich, wenn mir jemand meine Geschichte erzählt, an die ich mich nicht erinnern kann? Wer war ich wirklich, und wer entscheidet das?
Grafisch bewegt sich Gene Bride zwischen reduziertem Shojo-Stil und expressiven, fast groben Josei-Elementen. Die Figuren wirken manchmal etwas leblos, was jedoch zum Ton der Geschichte passt. Takano arbeitet mit Panels, die oft klaustrophobisch wirken, enge Bildausschnitte, viel Schwarzfläche, wenig Hintergrund. Emotionen werden durch überzeichnete Mimik gezeigt, manchmal karikaturenhaft (z. B. die “Ichi zum Ausmalen”-Szenen), was dem ernsten Ton aber hin und wieder wohltuende Leichtigkeit verleiht.
Von Seven Seas wird der Titel in einem Großformat herausgebracht. Fans dürfen sich zu Beginn des Bandes über eine doppelseitige Farbseite freuen.
Fazit
Gene Bride ist kein leicht zugänglicher Manga. Er fordert Geduld, Aufmerksamkeit, Empathie und er mutet dem Publikum einiges zu. Doch genau das macht ihn so faszinierend. Hitomi Takano beweist Mut zur Komplexität und zum Risiko. Der Manga behandelt nicht nur Missstände, sondern fühlt sie, er macht sie körperlich spürbar.
Die Reihe ist für alldiejenigen ein Blick wert, die sich für feministische Erzählungen interessieren und die bereit sind, sich auf eine Geschichte einzulassen, die sich erst im Lauf der Zeit ganz offenbart.

Der Manga wurde mir freundlicherweise von Walt’s Comic Shop zur Verfügung gestellt. Die Kooperation hat wie immer keinerlei Einfluss auf meine Meinung zu dem Titel. Walt’s Comic Shop gehört zu den größten Online-Shops für US-Comics in Europa und ist in Berlin ansässig. Der Shop bietet eine breite Palette von Comics, Manga und Graphic Novels in englischer Sprache an.
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