[Anzeige, da Rezensionsexemplar]
Taiwan, Qing-Dynastie, Tainan. Die älteste Stadt des Landes ist nicht nur reich an historischen Stätten, sondern auch an überlieferten Mythen, Legenden und tragischen Frauenschicksalen. Der Manga “Guardienne” der taiwanischen Künstlerin Nownow führt uns tief in diese Welt und verwebt lokale Überlieferung mit feministischer Gesellschaftskritik zu einer vielschichtigen Erzählung.
Im Original erschien der Titel von 2019 bis 2022 und umfasst zwei Bände. Egmont Manga veröffentlicht das Werk auf dem Deutschen Markt in einem Doppelband.

Story&Zeichnungen: Nownow | Originaltitel: Tan-Tsiu-Niu | Übersetzung: Monika Li | Genre: Drama, Fantasy, Historisch | Verlag: Egmont Manga | Preis: 15,00€ | Der Manga im Verlagsshop

Wie war’s?
Im Zentrum des Mangas steht die Figur der Chen Shouniang, die nach dem frühen Tod ihres Ehemanns von ihrer Schwiegermutter zur Wiederverheiratung gezwungen, schließlich gefoltert und ermordet wurde. Ihr Geist soll daraufhin die Verantwortlichen heimgesucht haben und sogar Götter konnten sie nicht besänftigen, bis Guanyin persönlich eingriff. Noch heute wird sie in einem Schrein in Tainan verehrt.
Doch der Manga erzählt nicht einfach diese Legende nach, sondern nähert sich ihr auf raffinierte Weise durch eine neue Hauptfigur: Chieh, ein junges Mädchen aus gutem Hause, das lesen und schreiben kann und – untypisch für die Zeit – keine gebundenen Füße hat. Das sogenannte Fußbinden war eine weitverbreitete Praxis im kaiserlichen China, bei der jungen Mädchen die Füße über Jahre hinweg schmerzhaft abgebunden wurden, um sie möglichst klein zu halten. Kleine Füße galten als Schönheitsideal und Voraussetzung für eine „gute“ Heirat, waren aber mit lebenslangen gesundheitlichen Folgen verbunden.
Ihre Weigerung zu heiraten entspringt dem Leid, das sie bei ihrer Schwägerin beobachtet, die durch Aberglauben und gesellschaftlichen Druck fast daran zerbricht, einen Sohn gebären zu müssen.
Um Chieh als Protagonistin entfaltet sich ein fein gesponnenes Geflecht weiblicher Figuren: Von der abergläubischen Schwägerin über das Dienstmädchen bis hin zur charismatischen Tempelpriesterin, jede Frau steht sinnbildlich für einen bestimmten Aspekt weiblichen Lebens im patriarchalen Qing-Taiwan. Ihre Lebenswelten unterscheiden sich drastisch, doch sie alle verbindet die permanente Unsicherheit ihrer Existenz und die Abhängigkeit von sozialen Rollenbildern, die kaum Spielraum für Selbstbestimmung lassen.
Chieh begegnet schließlich einem geheimnisvollen Geist, oder ist es eine Göttin? Die Frage, wer oder was genau „Shouniang“ in dieser Erzählung ist, bleibt zunächst offen und bildet einen zentralen Spannungsbogen, der subtil angedeutet erzählt wird.
“Guardienne” gelingt dabei eine Balance zwischen sozialhistorischem Realismus und Geistergeschichte. Es geht nicht nur um Spuk und Rache, sondern um die Konsequenzen struktureller Gewalt. Viele Frauen in der Geschichte erleben Formen von Verlust, Verrat, Unsichtbarkeit oder ökonomischer Ausbeutung. Der Manhua zeigt dies nicht in plakativem Elend, sondern über genaue Beobachtungen und dichte Dialoge. Auch Themen wie Kindstötung, Zwangsheirat, Fußbinden oder der Status unehelicher Kinder werden nicht ausgespart, sondern klug in die Handlung eingebettet.
Der Manhua ist auch die subtile Kritik daran, dass Frauen in jener Zeit nur durch den Tod Gehör finden konnten, während ihr lebendiges Leid ignoriert wurde. Erst als Geister, als zornige Ahnen, erhalten sie eine Stimme. Der Manga stellt dies nicht nur als Tragik dar, sondern auch als bittere Ironie, die bis heute nachhallt.
Visuell überzeugt der Manhua mit detailreichen, atmosphärischen Zeichnungen, die historische Schauplätze wie Tempel, Gassen oder Innenräume stimmig inszenieren. Kleidung, Haartracht und Accessoires sind präzise wiedergegeben. Besonders gelungen ist die Darstellung der Geisterszene, bei der sowohl subtiler Horror als auch emotionale Intensität zum Tragen kommen.
Die Sprache des Manhuas ist zugänglich, gleichzeitig sensibel und poetisch. Dialoge sind oft zurückhaltend und vielsagend, und die Gedanken der Figuren tragen stark zur inneren Dynamik der Erzählung bei. Religiöse Begriffe oder historische Bezeichnungen werden im Kontext erklärt oder visuell vermittelt, sodass man ohne Vorwissen dem Geschehen folgen können.
Von Egmont Manga wurden die beiden Bände zu einem dicken Doppelband zusammengefasst, womit 15,00 Euro durchaus gerechtfertigt sind. Darüberhinaus erhält der Band einige Farbseiten sowie eine Klappenbroschur als weiteres Verarbeitungsextra.
Fazit
“Guardienne” ist ein Werk, das taiwanische Geschichte nicht nur vermittelt, sondern mit kritischer Tiefe beleuchtet. Es macht sichtbar, was Frauen in vergangenen Jahrhunderten durchlitten haben, und erinnert daran, dass viele dieser Ungleichheiten bis heute nachwirken. Dabei wird keine Heldinnengeschichte im klassischen Sinne erzählt. Vielmehr ist es eine vielstimmige Chronik weiblicher Überlebenskunst, die mal wütend, mal zart, oft erschütternd, aber immer nahbar ist.
Wer Interesse an asiatischer Geschichte, feministischer Literatur oder kulturellen Identitäten hat, sollte diesem Titel unbedingt eine Chance geben.

Bei diesem Manga handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Egmont Manga zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!



