Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

The Horizon

The Horizon (Band 1)

[Anzeige, da Rezensionsexemplar]

Zugegeben, ich habe in meiner Sammlung nur wenige Manhwa, die ursprünglich als Webtoon veröffentlicht wurden. Ich habe es zwar häufiger ausprobiert, aber oft festgestellt, dass sich der Lesefluss für mich nicht so flüssig anfühlt wie bei Manga, was sicherlich auch daran liegt, dass Webtoons vorwiegend für ein anderes Lesemedium geschaffen wurden.

Auf “The Horizon” war ich dennoch neugierig. Nicht nur, weil ich Autor und Zeichner JH bereits durch “The Boxer” kannte, der hierzulande in der Printausgabe bei Altraverse erscheint, sondern auch, weil mir “The Horizon” beim Stöbern auf dem US-Markt immer wieder begegnet ist und dort sehr gute Kritiken erhalten hat. Als die Ankündigung von Manhwa Cult kam, war für mich schnell klar, dass ich mal wieder das Wagnis Webtoon im Printformat angehen wollte.

In Südkorea erschien die Geschichte von JH zwischen März und Juli 2016 unter dem Originaltitel “Supyeongseon” bei Naver Series. International ist der Titel digital auch auf der bekannten WEBTOON-Plattform verfügbar. Die gedruckte Fassung umfasst insgesamt drei Bände.

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Story & Zeichnungen: JH | Originaltitel: Supyeongseon | Übersetzung: Denise Hedrich| Genre: Drama | Verlag: Mahnwa Cult | Preis: 18,00€ | der Manhwa auf der Verlagsseite

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Wie war’s?

Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass “The Horizon” weniger die Geschichte klassisch erzählen möchte, sondern sich das Ziel gesetzt hat, sie mit wenigen Mitteln erzählbar zu machen. Die Geschichte setzt in einer zerstörten Welt ein, deren Ursprung im Dunkeln bleibt. Krieg, Chaos und Tod bestimmen das Bild, doch statt großer Erklärungen konzentriert sich die Erzählung auf das unmittelbare Erleben zweier Kinder, die versuchen, inmitten dieser Trümmer zu überleben.

Der Einstieg ist dabei schonungslos. Wie sehen einen kleiner Junge der seine Mutter auf brutale Weise verliert und völlig allein zurückbleibt. Die Szene, in der er versucht, die Realität nicht zu akzeptieren und verzweifelt handelt, ist verstörend und emotional schwer. Dennoch wird ebenso schnell klar, dass der Manhwa nicht alleine auf Schockmomente setzen möchte, sondern sie nutzt, um vielmehr die psychologischen Folgen von Gewalt sichtbar macht.

Auf seiner ziellosen Wanderung trifft der Junge ein Mädchen in ähnlichem Alter. Von diesem Moment an trägt der Band eine neue Dynamik in sich. Die beiden Kinder bleiben namenlos, ebenso wie ihre Vergangenheit weitgehend im Dunkeln liegt. Diese Entscheidung verstärkt den Eindruck einer universellen Geschichte, die überall spielen und sich so zutragen könnte. In jedem Krieg, zu jeder Zeit. Ihre Beziehung lebt von kleinen Gesten und leisen Momenten. Besonders das Mädchen verkörpert Hoffnung und einen beinahe trotzigen Glauben an das Gute im Menschen, während der Junge zunehmend von Angst und Misstrauen geprägt ist. Dass er nun jemanden beschützen möchte, verändert seine Sicht auf das Überleben grundlegend. War es ihm vorher egal, ob er stirbt, hat er nun einen Sinn in seinem Überleben.

Die Erzählweise ist auffallend ruhig. Dialoge sind selten, viele Seiten funktionieren beinahe wie stumme Sequenzen. Der Künstler zeigt, dass er es versteht, eine Geschichte ohne große Worte zu erzählen. Er lässt stattdessen Bilder und Kompositionen sprechen. Der Zeichenstil wirkt dabei roh, teilweise skizzenhaft, mit bewusst unruhigen Linien und starkem Kontrast. Doch gerade diese scheinbare Unsauberkeit erzeugt eine intensive Atmosphäre aus Unsicherheit und Bedrohung. Doppel- und Splashpages werden gezielt eingesetzt, um Leere, Weite oder plötzliche Gewalt spürbar zu machen. Besonders wirkungsvoll sind die seltenen Farbeinsätze, die wie emotionale Schläge wirken und bestimmte Momente symbolisch hervorheben.

Etwas schade ist in der Umsetzung, dass Figuren auf Splashseiten im Printformat häufig im Buchknick verschwinden. Um sie vollständig erkennen zu können, muss man den Band sehr weit aufschlagen.

Ein zusätzlicher Spannungsfaktor entsteht durch die Begegnung mit einem rätselhaften Mann, der beginnt den Kindern zu folgen. Seine Präsenz verstärkt die unterschwellige Angst des Bandes. Während das Mädchen versucht, Vertrauen aufzubauen, bleibt der Junge wachsam und bewaffnet sich schließlich sogar.

Thematisch kreist der Band stark um die Frage nach dem Wert des Lebens. Warum weitergehen, wenn die Welt offensichtlich verloren ist? Die Kinder finden darauf keine klare Antwort, aber gerade ihr gemeinsamer Weg wird zu einem stillen Akt des Widerstands. Zwischen all der Dunkelheit entstehen kleine Momente der Schönheit. Sie blicken in einen Sternenhimmel, erleben ein ruhiger Augenblick.

Gleichzeitig ist “The Horizon” kein leicht zugänglicher Titel. Die stark atmosphärische Erzählweise und die teilweise sehr symbolische Darstellung sind sicherlich insbesondere dann nicht einfach, wenn man eher im Mainstream liest. Wer klare Erklärungen oder klassische Dramaturgie erwartet, könnte sich stellenweise verloren fühlen. Doch genau darin liegt aus meiner Sicht auch die Stärke des Werks.

Die Printausgabe überzeugt durch eine qualitative Verarbeitung. Die Umsetzung des ursprünglich vertikal angelegten Webtoons ins Seitenlayout funktioniert dabei überraschend gut und nutzt die Möglichkeiten des Mediums gut aus.

Fazit

Der erste Band von “The Horizon” ist für mich ein eher ungewöhnlicher Webtoon, der es schafft, dass das Format, was aus meiner Sicht häufig vor allem am Bilschrim funktioniert, nahtlos und ebenso intensiv im Prinformat abzuliefern.

Der Band lebt weniger von Handlung als von seiner dichten Atmosphäre und dem visuellen Erzählen. Die Geschichte wirkt gleichzeitig hoffnungslos und hoffnungsvoll. Es ist zweifelsohne kein Wohlfühl-Manga und man sollte die Warnungen von Manhwa Cult vor dem Lesen auf jeden Fall beachten.

Ich bin aber auf jeden Fall neugierig, auf die Fortsetzung.

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Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Manhwa Cult zur Verfügung gestellt worden ist. 

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