Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … du schräge Culture-Clash-Geschichten mit viel Tempo und Chaos magst
- … du explosive Figurenkonstellationen und eine mögliche Enemies-to-Lovers-Dynamik suchst
- … du selbstbewusste, impulsive und moralisch nicht immer einfache Frauenfiguren schätzt
- … du expressive Zeichnungen und überdrehte Comedy gern liest
Eher nicht für dich, wenn …
- … du eine langsam aufgebaute Romanze mit vielen zärtlichen Momenten erwartest
- … dir aggressive Figuren und laute Konflikte schnell anstrengend werden
- … du bereits im ersten Band klare Antworten zur Welt und den Regeln der Hexen möchtest
- … du einen ruhigen, harmonischen oder besonders feinfühligen Yuri-Manga suchst
Mit Wicked Spot legt Sal Jiang einen sehr lauten, chaotischen und modernen Auftakt vor, der Hexenfantasy, Social-Media-Satire, Comedy und eine angedeutete Hassliebe-Dynamik miteinander vermischt.
Wicked Spot erschien seit Oktober 2024 im Magazin CandleA und wird in der Summe zwei Bände umfassen. Für Mangaka Sal Jiang ist es nicht die erste Veröffentlichung auf dem US-Markt. Ayaka is in Love with Hiroko! von Tokyopop und Tough Love at the Office bei Seven Seas gehen auf ihr Konto. Letzterer Titel ist auch in Deutschland bei bei Egmont unter dem Reihentitel Hiebe auf den ersten Blick erschienen.
Wie war’s?
Im Mittelpunkt steht Sadako, eine Hexe, die seit fast einem Jahrhundert abgeschieden in einer heruntergekommenen Hütte tief im Wald lebt. Ihr wurde eingebläut, dass Menschen gefährlich sind und Hexen sich besser von ihnen fernhalten sollten. Doch nach Jahrzehnten der Isolation ist Sadako vor allem eines: gelangweilt.
Als sie zufällig ein Smartphone entdeckt, verändert sich ihre Welt schlagartig. Plötzlich liegt vor ihr nicht nur die moderne Gesellschaft, sondern auch die schillernde, absurde und süchtig machende Welt der sozialen Medien. Sadako ist sofort fasziniert. Statt sich weiter zu verstecken, beschließt sie, selbst sichtbar zu werden. Sie will bewundert werden, Aufmerksamkeit bekommen und endlich mit Menschen in Kontakt treten.
Das ist als Ausgangspunkt absurd und funktioniert gerade deshalb so gut. Wicked Spot beginnt wie eine typische Culture-Clash-Geschichte, in der eine weltfremde Figur auf die moderne Gesellschaft trifft. Doch Sadako ist nicht die übliche naive Heldin, die an jeder Kleinigkeit scheitert. Sie versteht erstaunlich schnell, wie Social Media funktioniert. Sie ist direkt, impulsiv und in vielen Dingen unerfahren, aber keineswegs dumm. Genau das macht sie so unterhaltsam. Sie stolpert nicht hilflos durch die Gegenwart, sondern stürzt sich mit Begeisterung hinein.
Besonders witzig ist, wie schnell Sadako den Mechanismus von Aufmerksamkeit begreift. Sie inszeniert sich, sammelt Follower und genießt die Reaktionen. Für jemanden, der fast sein ganzes Leben ohne soziale Kontakte verbracht hat, ist das Internet ein gewaltiger Rausch. Es gibt ihr Sichtbarkeit, Bestätigung und die Illusion von Nähe. Gleichzeitig zeigt der Manga sehr deutlich, wie fragil diese Bewunderung ist. Solange Sadako ein aufregendes, hübsches und rätselhaftes Online-Phänomen bleibt, wird sie gefeiert. Doch als sie öffentlich sagt, dass sie eine Hexe ist, kippt die Stimmung.
Hier wird Wicked Spot überraschend aktuell. Der Manga spielt sehr direkt mit der Dynamik sozialer Medien: Idealisierung, Projektion, Enttäuschung, Hasskommentare und die Geschwindigkeit, mit der Bewunderung in Ablehnung umschlagen kann.
Eine zentrale Rolle spielt dabei Hanako. Sie war zunächst eine von Sadakos Unterstützerinnen, fast schon eine Bewunderin. Doch als Sadako sich als Hexe bezeichnet, schlägt Hanakos Faszination in Hass um. Der Begriff „Hexe“ ist für sie tief verletzend, weil sie selbst ihr Leben lang wegen ihrer übermenschlichen Kraft so genannt und ausgegrenzt wurde. Aus der Fan-Perspektive wird Ablehnung, aus Bewunderung wird Trollverhalten.
Diese Dynamik ist einer der spannendsten Aspekte des Bandes. Hanako projiziert zunächst etwas auf Sadako, das mit der echten Sadako wenig zu tun hat. Sobald diese Projektion bricht, reagiert sie mit Wut. Das ist unbequem, aber sehr menschlich. Der Manga zeigt damit, wie stark parasoziale Bewunderung und Enttäuschung miteinander verbunden sein können.
Gleichzeitig ist Hanako der schwierigere Teil des Auftakts. Ihre Verletzungen sind nachvollziehbar, und ihre Vergangenheit gibt ihrem Verhalten eine klare Grundlage. Dennoch ist ihre Wut zeitweise sehr dominant. Nachdem sie sich gegen Sadako wendet, kippt sie fast vollständig in aggressives Verhalten, was stellenweise anstrengend wirkt. Der Manga erklärt zwar, warum sie so reagiert, gibt dem Schmerz hinter dieser Wut aber zunächst etwas zu wenig Raum. Dadurch kratzt ihre Figur an der Grenze zwischen verletzter Gegenspielerin und schlicht unangenehmer Person.
Besser funktioniert Hanako, sobald Sadako direkt mit ihr konfrontiert wird. Sadakos unbeeindruckte, chaotische Art fängt Hanakos Härte gut auf. Zwischen den beiden entsteht eine Energie, die stark von Reibung lebt. Es ist keine sanfte Annäherung, sondern eher ein Aufeinanderprallen zweier Frauen, die beide aus sehr unterschiedlichen Gründen nicht in die Welt passen. Sadako will gesehen werden. Hanako will nicht mehr verletzt werden. Beide haben ein schwieriges Verhältnis zu dem Wort „Hexe“, nur aus völlig entgegengesetzten Richtungen.
Diese Hassliebe-Dynamik besitzt durchaus Potential. Der Manga ist als Yuri-Titel interessant, auch wenn die romantische Komponente im ersten Band noch nicht wirklich ausgespielt wird. Stattdessen steht zunächst die explosive Beziehung zwischen Sadako und Hanako im Vordergrund. Da die Reihe bereits nach Band zwei beendet werden musste, bleibt abzuwarten, wie sehr ihre Beziehung sich überhaupt entwickeln darf und kann.
Der erste Band hat ohnehin viel Tempo. Wicked Spot springt schnell von Sadakos Isolation zur Entdeckung des Internets, vom Influencerinnen-Traum zum Shitstorm, von Hanakos Alltag zu einer direkten Konfrontation und schließlich zu weiteren Hexen, die Sadakos öffentliches Auftreten alles andere als begeistert aufnehmen. Es passiert sehr viel in kurzer Zeit. Das sorgt dafür, dass der Band nie langweilig wird, kann aber auch etwas überfordernd wirken.
Kritisch bleibt allerdings, dass manche Entwicklungen sehr plötzlich kommen. Hanakos Umschwung vom Fan zum Troll ist nachvollziehbar, aber in seiner Intensität etwas heftig. Auch Sadakos Aufstieg auf Social Media geht sehr schnell. Der Manga interessiert sich weniger für realistische Entwicklung als für Wirkung und Eskalation. Das kann Spaß machen, aber es nimmt manchen Momenten etwas Gewicht.
Ebenso bleibt die Welt der Hexen im ersten Band noch recht vage. Es gibt Andeutungen, Konflikte und Figuren, die später wichtig werden könnten, aber noch fehlt ein klares Verständnis der Regeln. Warum müssen Hexen verborgen leben? Welche Konsequenzen hat Sadakos öffentliche Enthüllung wirklich? Was genau unterscheidet sie von anderen Hexen? Diese Fragen machen neugierig, bleiben aber zunächst offen.
Grafisch ist Wicked Spot sehr markant. Sal Jiangs Stil ist dynamisch, locker und voller Bewegung. Figuren verdrehen sich, rennen, fluchen, schreien, reagieren übertrieben und wirken dabei ständig lebendig. Nicht jeder dürfte mit diesem Stil warm werden. Die Zeichnungen sind nicht glatt oder zurückhaltend, sondern expressiv und manchmal bewusst überdreht.
Kodansha bringt den Manga in seinem Vertical-Imprint heraus, weshalb man mit einem kleineren Format rechnen muss.
Fazit
Wicked Spot ist ein Manga mit viel Pepp und einigen Ecken. Die Geschichte ist schnell, manchmal etwas zu voll, und Hanakos Wut hätte mehr traurige Zwischentöne vertragen. Dennoch funktioniert der Band durch Sadakos Charisma, die aktuelle Social-Media-Thematik und den lebendigen Zeichenstil ausgesprochen gut.
Etwas schade ist aus meiner Sicht, dass bereits vor Band zwei klar ist, dass es der letzte Band der Reihe sein wird. Die Mangaka gab kürzlich über Twitter bekannt, dass sie die Reihe abgebrochen wird und sie sie vorzeitig beenden muss.
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