Mit “Der Palast der Assassinen” erscheint bei Carlsen Manga jüngst ein neuer Action-Manga, der sich rund um das aktuell beliebte Thema kaiserlicher Hof dreht. Die Reihe aus der Feder von Tabasa Iori, von der auf dem deutschen Mark bereits die dreibändige Reihe “Surviving Wonderland!” bei Manga Cult erschienen ist, wird in Japan seit August 2021 unter dem Originaltitel “Ansatsu Koukyuu: Ansatsu Nyokan Karin wa Yuttari Ikitai” im Magazin “Monthly Big Comic Spirits” veröffentlicht.
Aktuell umfasst die Reihe in Japan neun Bände.

Story & Zeichnungen: Tabasa Iori| Originaltitel: Ansatsu Koukyuu: Ansatsu Nyokan Karin wa Yuttari Ikitai | Übersetzung: Carina Dallmeier | Genre: Action, Humor, Mystery | Demografische Zielgruppe: Seinen | Verlag: Carlsen Manga | Preis: 8,00€ | mehr Informationen auf der Verlagsseite

Wie war’s?
Der Palast der Assassinen setzt auf ein Setting, das seit dem Erfolg von “Die Tagebücher der Apothekerin” große Aufmerksamkeit genießt: eine intrigengeschwängerte kaiserliche Residenz, in der Machtspiele, Hinterhalte und geheime Allianzen zum Alltag gehören. Doch obwohl die Parallelen sofort ins Auge fallen, schlägt dieser Manga einen anderen Weg ein. Statt eines stärker detektivischen oder politischen Tons entscheidet sich die Reihe für eine Comedy-Richtung.
Im Zentrum steht O’Karin, Tochter eines gefürchteten Beamten, dessen Ruf als Folterer und Auftragsmörder im ganzen Reich bekannt ist. Ihre Kindheit bestand aus Lektionen über lautlose Tötung, Fallenbau und die Kunst des Überlebens. Dass sie unter solchen Umständen eine sanfte Wunschvorstellung entwickelt hat, einfach nur Freunde zu finden, ist gleichermaßen absurd wie rührend. Genau dieser Gegensatz bildet den Kern des Humors und der emotionalen Spannung.
Karin tritt als neue Dienstmagd im Palast an, doch ihr Ruf eilt ihr voraus. Ihr Anblick lässt selbst hartgesottene Palastdiener zusammenzucken. Der Manga versteht es, diese Diskrepanz immer wieder als comedic beat einzusetzen: Karin möchte dazugehören, aber die jahrelange Ausbildung zur perfekten Killerin lässt sie unbeabsichtigt wie die Bedrohung des Tages wirken.
Der Manga präsentiert eine Reihe klassischer Hofintrigen: nächtliche Einbrüche, vergiftete Zeremonien, exotische, mutmaßlich tödliche Tiere. Doch statt komplexer Spurensuche geht es vor allem um die kreative Umsetzung. Karin löst jeden Zwischenfall mit einer Mischung aus Effizienz und völliger sozialer Ahnungslosigkeit.
Gerade diese Leichtigkeit sorgt für Charme, birgt aber auch Schwächen. Die Fälle sind meist schnell abgehandelt und lassen kaum Raum für echte Spannung. Oft wirkt es, als hangele sich die Geschichte von einem Gag zur nächsten Slapstick-Situation. Wer tiefgehende Ermittlungen oder eine komplexe Charakterentwicklung erwartet, wird hier nicht fündig.
Während Karin als Comedy-Heldin gut funktioniert, bleibt ihre Figur dennoch begrenzt. Vieles an ihr wird eher angedeutet als wirklich erforscht: das Trauma ihrer Erziehung, ihr moralischer Kompass oder ihre ambivalente Beziehung zum Vater. Das humoristische Timing steht klar im Fokus und geht oft auf Kosten einer emotionalen Vertiefung.
Nebenfiguren bleiben ebenfalls recht schemenhaft. Die Palastdienerinnen, mit denen Karin sich eigentlich anfreunden möchte, erhalten nur minimale Charakterisierung. Erst eine überraschende Begegnung mit einer höhergestellten Person bringt ein wenig frischen Wind in die Handlung, aber auch hier bleibt der Eindruck, dass die Figuren eher Funktionen als Persönlichkeiten darstellen.
Der Ton ist durchweg locker und verspielt. Gerade die überzeichneten Gesichtsausdrücke, die dynamische Mimik und die kleinen visuellen Gags vermitteln eine angenehme Leichtigkeit. Doch diese Stärke bringt auch Herausforderungen mit sich: Der Manga setzt so stark auf wiederkehrende Muster, dass die Gefahr eintritt, dass sich das Grundprinzip schnell abnutzt.
Die Episodenfolge ist sehr schnell getaktet. Kaum hat man sich auf einen Handlungsabschnitt eingelassen, springt die Geschichte schon zum nächsten Attentat. Das ist unterhaltsam, wirkt aber mitunter oberflächlich. Tiefe entsteht selten, und langfristige Entwicklungen werden nur angerissen.
Optisch überzeugt der Manga mit einem klaren, feinen Strich und hübsch gestalteten Kostümen. Besonders Karins Design mit ihren katzenartigen Haaraccessoires und den dunklen Augenringen ist liebevoll umgesetzt. Die Bildsprache spielt oft mit Kontrasten: bedrohliche Silhouetten werden plötzlich durch komödiantische Reaktionen gebrochen.
Von Carlsen Manga wird der Titel im handelsüblichen Taschenbuchformat veröffentlicht.
Fazit
Es ist fast unmöglich, das Werk zu lesen, ohne an die Apothekerin zu denken. Doch je länger man sich mit “Der Palast der Assassinen” beschäftigt, desto deutlicher wird, dass es auf ein anderes Zielpublikum abzielt, auch wenn beide Titel in Seinen-Magazinen veröffentlicht werden. Hier stehen Humor, Leichtfüßigkeit und der Kontrast zwischen tödlichem Wissen und sozialer Unbeholfenheit im Vordergrund.
Wer allerdings Tiefgang, politisch fein ausgearbeitete Intrigen oder einen festen roten Faden erwartet, könnte enttäuscht sein. Ebenso kann die wiederkehrende Struktur der Attentats-Episoden auf Dauer monoton wirken.

Bei diesem Manga handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Carlsen zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!



