[Anzeige, da Rezensionsexemplar]
Shiro Kuroi lieferte mit Leviathan einen düsteren Science-Fiction-Auftakt für den europäischen Markt ab. Nun bringt Carlsen ein weiteres Werk des Mangaka heraus: Dragon Hunt Tribe. Wie schon Leviathan hat auch diese Reihe ihren Ursprung in Frankreich. Dort erschien sie von Juli 2024 bis September 2025 bei ki-oon und basiert auf dem gleichnamigen zweiteiligen Doujinshi aus dem Jahr 2020. Insgesamt umfasst Dragon Hunt Tribe sechs Bände.

Story & Zeichnungen: Shiro Kuroi | Originaltitel: Dragon Hunt Tribe | Übersetzung: Antje Bockel | Genre: Fantasy | Verlag: Carlsen Manga | Preis: 12,00€ | In sechs Bänden abgeschlossen | mehr Informationen auf der Verlagsseite

Wie war’s?
Mit Dragon Hunt Tribe legt Shiro Kuroi nach Leviathan ein Werk vor, das auf den ersten Blick in eine völlig andere Richtung geht. Statt beklemmender Science-Fiction in den engen Gängen einer Raumstation erwartet uns diesmal ein Fantasy-Setting voller Drachen, Jägern und Stammesstrukturen. Der Ton bleibt allerdings vertraut: düster, angespannt, brutal und immer wieder unangenehm in seiner Darstellung einer Welt, in der Überleben wichtiger ist als Moral.
Zu Beginn folgen wir Rudora, ein erfahrener Drachenjäger, der in einer Höhle nach verwertbarem Material für sein Dorf sucht. Dort trifft er nicht nur auf junge Drachen, sondern auch auf ein Mädchen, das offenbar unter ihnen aufgewachsen ist und sich selbst eher als Drache denn als Mensch begreift. Rudora tötet mehrere der Tiere, nimmt einen jungen Drachen gefangen und bringt auch das Mädchen mit ins Dorf zurück. Dort erhält sie den Namen Nato und soll an ein menschliches Leben gewöhnt werden.
Nato wird nicht gerettet, sondern aus ihrer bisherigen Welt herausgerissen. Für die Menschen ist sie ein nützliches Wesen, das man erziehen, beobachten und vielleicht später für eigene Zwecke einsetzen kann. Für Nato wiederum sind die Menschen nicht ihre Retter, sondern die Mörder ihrer Familie. Entsprechend groß ist ihre Ablehnung, als sie im Dorf der Drachenjäger landet und begreift, was dort mit den Körpern der Drachen geschieht.
Shiro Kuroi erzählt keine einfache Geschichte von guten Menschen und bösen Monstern. Seine Welt spielt mit Grautönen. Die Drachen sind gefährlich töten Menschen, doch die Jäger sind ebenfalls brutal, berechnend und rücksichtslos. Nato steht zwischen diesen Welten. Sie ist ein Mensch, emotional aber eng mit den Drachen verbunden.
Vieles bleibt zunächst unklar. Wie kam Nato zu den Drachen? Warum wurde sie von ihnen aufgenommen? Was genau wollen Rudora und sein Dorf mit ihr erreichen? Ist Rudora wirklich so fürsorglich, wie es stellenweise scheint, oder handelt er vor allem aus Kalkül? Diese offenen Fragen machen den Band reizvoll, weil sich die Richtung der Geschichte nicht sofort vorhersagen lässt.
Gleichzeitig hat diese Unklarheit bei mir aber auch dazu geführt, dass ich den ersten Band nicht wirklich einschätzen konnte und mir der Auftakt relativ zügig erzählt vorkam. Der Manga springt nach der Einführung schnell von der Entdeckung Natos zur Eingliederung ins Dorf, weiter zu einem Fluchtversuch und schließlich zu einem dunkleren Erzählstrang mit Misstrauen, Gewalt und Ermittlungsatmosphäre. Gleichzeitig ist der Auftakt durchaus schnell erzählt.
Es wirkt stellenweise, als würde der Manga selbst noch nach seiner endgültigen Form suchen. Möchte Dragon Hunt Tribe eine Abenteuer-Fantasy über Drachenjagd erzählen? Eine düstere Coming-of-Age-Geschichte über ein Mädchen zwischen zwei Spezies? Oder eine Mystery-Handlung mit Mordfällen und Intrigen? All diese Ansätze sind vorhanden, aber noch nicht vollständig zusammengeführt.
Thematisch hat der Band allerdings viel zu bieten. Besonders interessant ist Natos Blick auf die Menschen. Sie kommt aus einer Welt, in der Drachen ihre Familie waren. Als sie im Dorf der Jäger landet, sieht sie zunächst nur Grausamkeit, Ausbeutung und Heuchelei. Die Menschen wollen sie „zivilisieren“, während sie gleichzeitig Drachen schlachten, zerlegen und an ihnen experimentieren. Die Frage, wer hier eigentlich zivilisiert ist, stellt sich damit sehr schnell.
Der Vergleich zu Leviathan drängt sich beim Lesen allerdings spätestens ab der Mitte des Bandes auf, auch wenn das Genre ein anderes ist. Die klaustrophobische Spannung des Vorgängers wird hier in ein größeres Fantasy-Setting übertragen.dass der Autor seine Komfortzone noch nicht ganz verlassen hat. Obwohl Dragon Hunt Tribe äußerlich nach epischer Fantasy aussieht, kehrt die Geschichte schnell zu dunklen, beinahe thrillerhaften Elementen zurück. Das ist nicht schlecht, aber es wirft die Frage auf, ob der Manga sein weites Drachen-Setting wirklich ausnutzt oder am Ende doch wieder vor allem über beklemmende Gewaltszenen und Misstrauen funktioniert.
Am stärksten ist der Band aus meiner Sicht nämlich dann, wenn er moralische Widersprüche sichtbar macht. Menschen brauchen Drachen, um zu überleben, behandeln sie aber wie Material. Drachen können grausam sein, sind aber nicht bloß Monster. Nato soll Mensch werden, obwohl das Menschliche, das sie kennenlernt, oft alles andere als vorbildlich ist. Der zweite Teil des Bandes mit thriller- bzw. horrorähnlichen Elementen hat mir hingegen weniger zugesagt.
Shiro Kurois Stil ist sofort wiedererkennbar: sorgfältig, schattig, düster und mit einem Hang zu schweren, massiven Bildern. Diese Art passt sehr gut zu den beklemmenden Szenen, zu Höhlen, Schlachtorten und Momenten der Gewalt. Die Welt wirkt dadurch rau und körperlich. Gleichzeitig erscheinen Figuren und Kreaturen stellenweise etwas steif. Die Zeichnungen haben Kraft, aber nicht immer Beweglichkeit. Besonders bei den Drachen fällt diese Massivität auf. Sie wirken wuchtig und bedrohlich, aber manchmal fast wie aus Stein. Ihnen fehlt etwas von jener Lebendigkeit, die sie als Tiere noch faszinierender machen könnte. Während die dunklen Szenen stark wirken, fehlt es in Actionmomenten zudem teilweise an Dynamik.
Von Carlsen Manga wird der Band im Großformat herausgegeben. Der Preis für den Band ist mit zwölf Euro vergleichsweise hoch angesetzt. Als Extra gibt es einen Artprint sowie Farbseiten.
Fazit
Für den ersten Band bleibt bei mir ein gemischter Eindruck zurück. Dragon Hunt Tribe ist kein perfekter Auftakt, aber einer mit vielen soliden Ansätzen. Der Manga erzeugt Atmosphäre und Spannung. Der Handlungsbogen der im zweiten Teil aufgemacht wird, spricht mich allerdings weniger an. Hier wäre ich lieber bei moralischen Grauzonen und Coming-of-Age geblieben als bei Spionage-Thriller/Horror.
Wer eine helle, abenteuerliche Drachenfantasy sucht, ist hier falsch. Wer dagegen raue Welten, moralische Grauzonen, Gewalt und Misstrauen mag, findet in Dragon Hunt Tribe einen interessanten Titel.

Bei diesem Manga handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Carlsen zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!



