Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

Manga-Review: Stray

Stray

Stray ist ein in sich abgeschlossener Krimi-Manga, der klassische Yakuza-Motive mit politischem Thriller und ungewöhnlicher Familienkonstellation verbindet. Die Geschichte stammt von Ryu Kamio, die Zeichnungen von Yu Nakahara. Ein Duo, welches vor allem für seinen Baseball Manga “Last Inning” bekannt sein dürfte, welcher von über zehn Jahre und mit 44 Bänden in der Big Comic Spirits lief.

“Haguremono”, wie der Manga im Originalen heißt, erschien auf dem japanischen Markt von 2024 in der “Maga Goraku”.

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Story: Ryu Kamio | Zeichnungen: Yu Nakahara | Originaltitel: Haguremono | Übersetzung: Molly Rabbitt | Genre: Mystery | Demografische Zielgruppe: Seinen | Verlag: Titan Comics | Aktueller Preis: ~11,99€ |

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Wie war’s?

Im Mittelpunkt steht Hachiya Ken, ein ehemaliger Yakuza, der nach neun Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wird. Er hatte einst einen Mann getötet, den er als seinen Bruder betrachtete, angeblich aus Loyalität zu seinem Clan. Schon in den ersten Seiten wird jedoch deutlich, dass die Wahrheit weit komplizierter ist. Anstelle der erwarteten Begrüßung durch seine Yakuza-Familie wartet am Gefängnistor nur ein neunjähriges Mädchen auf ihn. Hana ist die Tochter des Mannes, den Ken getötet hat, und fordert ihn kurzerhand dazu auf, Verantwortung zu übernehmen und ihr zu helfen, ihre verschwundene Mutter zu finden.

Was zunächst wie ein persönliches Drama wirkt, entwickelt sich rasch zu einer weitreichenden Verschwörungsgeschichte. Ken und Hana geraten zwischen Yakuza, korrupte Polizisten und einen skrupellosen Politiker, dessen Einfluss bis in die höchsten Ebenen reicht. Der Manga entfaltet ein dichtes Netz aus Verrat, Machtmissbrauch und gebrochenen Idealen, in dem nahezu alle Erwachsenen ihre moralischen Grundsätze längst aufgegeben haben.

Eine der größten Stärken von Stray liegt in seiner Atmosphäre. Die Geschichte fühlt sich wie ein klassisches Krimi-Drama an. Das Tempo ist hoch, stellenweise fast atemlos, was gut zur Veröffentlichung in einem Band passt. Trotz der vielen Figuren und Handlungsstränge bleibt der Manga erstaunlich gut lesbar und verliert selten den roten Faden. Besonders die Verfolgungsjagdstruktur, bei der Ken und Hana ständig auf der Flucht sind, sorgt für Spannung und Dynamik.

Emotional getragen wird die Geschichte von der Beziehung zwischen Ken und Hana. Beide sind auf unterschiedliche Weise von Erwachsenen im Stich gelassen worden. Hana wurde von ihrer Mutter zurückgelassen und versucht verzweifelt zu verstehen, warum. Ken wiederum wurde bereits als Jugendlicher von seinen Eltern verlassen und fand in der Yakuza eine Ersatzfamilie, die ihn letztlich ebenfalls verriet. Ihre Verbindung wirkt nicht kitschig, sondern funktional und glaubwürdig. Hana ist kein bloßes Maskottchen, sondern eine erstaunlich scharfsinnige, manchmal vorlaute, aber sehr entschlossene Figur, die Ken immer wieder zwingt, sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Thematisch zieht sich vor allem ein Motiv durch den Manga. Kens persönlicher Ehrenkodex steht im Mittelpunkt, insbesondere seine Weigerung, Waffen zu benutzen. Für ihn ist der Faustkampf Ausdruck von Ehrlichkeit, während der Einsatz von Waffen den moralischen Verfall der Yakuza symbolisiert. Dieser Kontrast zwischen altem Ehrenverständnis und moderner, skrupelloser Machtpolitik funktioniert dabei gut.

Allerdings ist Stray nicht frei von Schwächen. Gerade weil der Manga in einem einzigen Band sehr viel erzählen möchte, wirkt die Handlung stellenweise überladen. Einige Figuren bleiben trotz ihres Potenzials eher Skizzen, da ihnen schlicht die Zeit fehlt, sich zu entfalten. Manche Wendungen erscheinen konstruiert, um die Geschichte zügig voranzutreiben. Besonders das Ende fällt vergleichsweise idealistisch aus.

Zeichnerisch überzeugt Stray durchgehend. Nakaharas klare Linien, die ausdrucksstarken Gesichter und die filmische Inszenierung der Szenen passen hervorragend zum Genre. Die Gewalt wird zwar nicht ausgespart, bleibt aber vergleichsweise zurückhaltend inszeniert und setzt stärker auf Spannung als auf explizite Brutalität. Yu Nakaharas Stil erinnert dabei deutlich an Naoki Urasawa, für den Nakahara als Assistent tätig war.

Enthalten ist in dem Band auch eine weitere Kurzgeschichte. Obwohl die Geschichte für sich genommen solide erzählt ist und thematisch ebenfalls Loyalität, Freundschaft und moralische Entscheidungen behandelt, wirkt sie im Kontext von Stray deplatziert. Als Epilog funktioniert sie kaum, da sie keine Verbindung zu Ken und Hana herstellt. Man kann sie vielmehr als Bindeglied zwischen der bekannten Sportserie “Last Inning” des Duos und dieser Thematik verstehen.

Fazit

Stray ist ein kurzweiliges, spannendes Krimi-Drama, das in einem einzigen Band erstaunlich viel erreicht. Die Mischung aus Yakuza-Geschichte, politischem Thriller und Gangster-Kind-Dynamik funktioniert größtenteils sehr gut. Trotz einiger Überfrachtung, eines etwas zu glatten Endes bleibt Stray ein empfehlenswerter Manga für Fans von Kriminalgeschichten. Es ist sicherlich kein Meisterwerk, aber defintiv geeignet, wenn man sich nun keiner großen Geschichte über viele Bände widmen möchte.

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