Streifzüge durch New York (Band 1)

Streifzüge durch New York (Band 1)

Werbung/Rezensionsexemplar
9. August 2026 · Deutsche Manga
Streifzüge durch New York (Band 1)

Manchmal reicht es schon, auf dem Weg zur Münzwäscherei die Straßenseite zu wechseln. Plötzlich sieht selbst die vertraute Nachbarschaft ein wenig anders aus. Genau aus solchen kleinen Verschiebungen setzt Akino Kondoh ihre Streifzüge durch New York zusammen.

Manga-Daten

Originaltitel
New York de Kangae-chū
Mangaka
Akino Kondoh
Verlag
Reprodukt
Veröffentlichung
06.07.2026
Seitenzahl
164 Seiten
ISBN
9783956405136
Sprache / Ausgabe
Deutsch
Übersetzung
Verena Maser
Genre
Biografisch, Slice of Life
Preis
20,00 €

Passt der Manga zu dir?

Für dich, wenn …

  • … Du liest gerne autobiografische Manga und Comic-Essays über ganz alltägliche Erlebnisse.
  • … Dich interessieren die kleinen kulturellen Unterschiede zwischen Japan und den USA.
  • … Du magst kurze Episoden, die sich gut zwischendurch lesen lassen.
  • … Zurückhaltender Humor und genaue Alltagsbeobachtungen reichen dir vollkommen aus.
  • … Du möchtest New York aus einer sehr persönlichen und nicht touristischen Perspektive kennenlernen.

Eher nicht für dich, wenn …

  • … Du erwartest einen Reiseführer mit Sehenswürdigkeiten, Geheimtipps oder praktischen Hinweisen.
  • … Eine fortlaufende Handlung und ein klarer Spannungsbogen sind dir wichtig.
  • … Sehr kurze Kapitel empfindest du auf Dauer schnell als eintönig.
  • … Ein bewusst schlichter, teilweise fast kindlich wirkender Zeichenstil spricht dich wenig an.

Stimmung

alltäglich · beobachtend · humorvoll

Themen

Fremdsein · Alltag · kulturelle Unterschiede · Selbstständigkeit · Heimat

Reprodukt gehört inzwischen zu den Verlagen, bei denen sich ein genauer Blick ins Manga-Programm lohnt. Neben bekannten Namen wie Taiyō Matsumoto erscheinen dort Werke, die weit abseits der üblichen Mainstream-Reihen liegen: Klassiker des alternativen Manga, autobiografische Comics und immer häufiger Essaymanga. Mit Akino Kondoh nimmt Reprodukt nach Fumiko Takano, der Mangaka von Am Anfang ist der Strich, allerdings erst die zweite japanische Zeichnerin ins Programm auf. Da darf in den kommenden Jahren gerne noch einiges folgen.

Streifzüge durch New York passt jedenfalls sehr gut in diese kleine, etwas eigenwillige Manga-Ecke. Akino Kondoh erzählt darin von ihrem Leben als Japanerin in New York. Wer nun eine große Liebeserklärung an die Metropole oder einen gezeichneten Reiseführer erwartet, sollte seine Erwartungen jedoch ein wenig zurückschrauben. Kondoh interessiert sich für die kleinen Dinge. Manchmal sogar für sehr kleine Dinge. Etwa amerikanische Papierformate, die einfach nicht in ihre japanischen Klarsichthüllen passen.

Akino Kondoh wurde 1980 in der Präfektur Chiba geboren und studierte Grafikdesign an der Tama Art University. Sie arbeitet nicht nur als Mangaka, sondern auch als Malerin, Illustratorin und Animationskünstlerin. 2008 kam sie über ein Auslandsprogramm der japanischen Kulturbehörde nach New York. Eigentlich sollte ihr Aufenthalt nur ein Jahr dauern. Kondoh entschied sich jedoch, in der Stadt zu bleiben, und lebt bis heute dort.

Die kurzen Episoden aus Streifzüge durch New York wurden ab 2012 online veröffentlicht. Der erste japanische Sammelband erschien 2015 und enthält 70 dieser Beiträge sowie einen neu gezeichneten Prolog und Epilog. Die Reihe läuft in Japan weiterhin. Zum Start der deutschen Ausgabe sind dort bereits vier Bände erschienen, Band 5 ist für August 2026 angekündigt.

Fans von Akino Kondoh kennen sie vielleicht auch durch A-ko’s Boyfriends. Die siebenbändige Reihe ist bisher allerdings nicht auf Deutsch erhältlich. Umso schöner, dass Reprodukt nun zumindest mit ihrem autobiografischen Essaymanga beginnt.

Worum geht es?

Die meisten Kapitel bestehen aus gerade einmal zwei gegenüberliegenden Seiten. Kondoh erzählt darin von Weihnachten und Thanksgiving, von der New Yorker Subway, von Kleidung, Schuhen, Handtüchern und unterschiedlichen Vorstellungen davon, wann es draußen eigentlich kalt ist. Sie vermisst ein japanisches Frühstück, kämpft mit der englischen Sprache und beobachtet die Menschen, denen sie in der Stadt begegnet.

In einer der Episoden wechselt Kondoh auf dem Weg zum Waschsalon die Straßenseite. Dabei fällt ihr auf, dass sie diesen Weg sonst immer genau gleich läuft und viele Orte in ihrer unmittelbaren Umgebung noch nie besucht hat. Zunächst erklärt sie sich das damit, dass New York noch neu für sie ist. Dann erinnert sie sich an all die Straßen und Plätze in Japan, an denen sie ebenfalls jahrelang vorbeigelaufen ist.

Solche Gedanken können vermutlich überall entstehen. New York ist der Rahmen, aber häufig geht es einfach um Gewohnheiten, Unsicherheiten und Kondohs Blick auf sich selbst.

Meine Meinung

Am besten haben mir die Kapitel gefallen, in denen eine zunächst nebensächliche Beobachtung doch noch etwas über Kondoh erzählt. Sie berichtet nicht nur davon, was Amerikaner anders machen als Japaner. Immer wieder bemerkt sie auch, wie sie selbst sich verändert. Ihre Sprache, ihre Routinen und sogar ihr Verhältnis zu Japan verschieben sich langsam.

Dabei ist Kondoh angenehm ehrlich. Sie gibt zu, wenn sie etwas nicht versteht, sich unwohl fühlt oder plötzlich Heimweh bekommt. Manchmal möchte sie einer amerikanischen Freundin eine lustige Geschichte erzählen und merkt erst währenddessen, dass ihr der komplette japanische Kontext fehlt. An anderer Stelle geht es wirklich nur um Papiergrößen. Ich mochte diese Mischung, weil man nie genau weiß, welche Kleinigkeit Kondoh als Nächstes beschäftigen wird.

Ihr Humor bleibt eher zurückhaltend. Kondoh macht sich weder über die USA noch über Japan lustig, sondern meistens über die Situation oder über sich selbst. Sie beobachtet, wundert sich kurz und geht weiter. Das hat durchaus Charme.

Allerdings hat mich nicht jede dieser Beobachtungen gleich interessiert. Manche Episoden enden bereits in dem Moment, in dem ich dachte, dass Kondoh nun etwas tiefer in das Thema einsteigen würde. Dann folgt auf der nächsten Seite schon das nächste Erlebnis. Ein Kapitel über die Subway, danach eines über Kleidung, anschließend ein Gedanke über ihre Arbeit als Zeichnerin. Dadurch wirkt der Band stellenweise recht sprunghaft.

Bei 70 kurzen Episoden macht sich außerdem irgendwann eine gewisse Eintönigkeit bemerkbar. Obwohl mehrere Jahre vergehen, hatte ich selten das Gefühl, Kondohs Entwicklung wirklich verfolgen zu können. Die einzelnen Anekdoten besitzen ihren eigenen kleinen Reiz, verbinden sich aber nur locker miteinander. Ein etwas deutlicherer roter Faden hätte mir gut gefallen.

Einfacher, passender Zeichenstil

Kondoh zeichnet ihre Figuren mit wenigen klaren Linien. Die Gesichter sind stark reduziert, Emotionen lassen sich trotzdem problemlos erkennen. Oft reicht eine veränderte Augenbraue oder eine etwas steifere Körperhaltung. Der Stil wirkt stellenweise fast kindlich, passt aber gut zu Kondohs vorsichtiger und manchmal unsicherer Art.

Gegenstände, Essen und die Umgebung bekommen etwas mehr Aufmerksamkeit. Auch hier überlädt Kondoh ihre Seiten nicht mit Details. Sie zeichnet genau das, was sie für ihre Beobachtung benötigt. Kleine humorvolle Übertreibungen lockern die Kapitel zusätzlich auf.

Wer den üblichen Manga-Look mit aufwendigen Charakterdesigns und großen Gefühlsausbrüchen erwartet, wird sich vermutlich erst an Kondohs Zeichnungen gewöhnen müssen. Für diese kurzen Alltagsepisoden funktioniert die reduzierte Gestaltung meiner Meinung nach jedoch recht gut.

Fazit

Streifzüge durch New York ist ein sympathischer Essaymanga über das Leben in einem fremden Land und die vielen Kleinigkeiten, über die man erst nachdenkt, wenn sie plötzlich anders funktionieren als gewohnt. Besonders schön fand ich, dass Kondoh nicht nur kulturelle Unterschiede sammelt. Häufig lernt sie bei ihren Beobachtungen auch etwas über ihre eigenen Gewohnheiten.

Ganz gefesselt hat mich der Band trotzdem nicht. Dafür sind mir viele Kapitel zu kurz und auf Dauer auch etwas zu ähnlich. Ein klarerer roter Faden hätte den einzelnen Erlebnissen meiner Meinung nach mehr Gewicht gegeben. Am besten funktioniert Streifzüge durch New York deshalb für mich in kleinen Portionen: ein paar Kapitel lesen, den Band wieder zur Seite legen und später zurückkommen.

Wer konkrete Reisetipps oder ein ausführliches Porträt von New York sucht, ist hier eher falsch. Wenn ihr autobiografische Essaymanga mögt und Freude an unscheinbaren Alltagsbeobachtungen habt, könnte Akino Kondohs zurückhaltender Humor aber genau euren Geschmack treffen. Ein netter Band, bei dem die Straßenseite manchmal interessanter ist als die große Sehenswürdigkeit daneben.

Transparenzhinweis

Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Reprodukt zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.

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