Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … du klassische Dungeon-Fantasy mit Rittern, Magiern, Untoten und grotesken Monstern magst.
- … du dich von gewaltiger Architektur und bildgetriebenem Worldbuilding in eine fremde Welt ziehen lässt.
- … du Rollenspielstrukturen mit Stockwerken, Fallen, Erkundung und beinahe bossartigen Gegnern unterhaltsam findest.
- … du Geschichten magst, die ihre Geheimnisse durch kleine Details statt durch lange Erklärungen andeuten.
Eher nicht für dich, wenn …
- … du eine besonders originelle Ausgangslage oder viele überraschende Wendungen erwartest.
- … du bereits im ersten Band eine komplexe Handlung und ausführliches Worldbuilding brauchst.
- … du schnell enge Beziehungen zu den Figuren aufbauen möchtest.
Eine entführte Prinzessin, ein unerfahrener Bauernjunge und ein Drachenturm mit einhundert Stockwerken: Tsutomu Nihei zeigt in Tower Dungeon nicht unbedingt das, was Fantasy-Fans völlig überraschen dürfte. Ritter, Magier, Untote, Fallen und Monster, die wie die Bosse eines Rollenspiels auftreten zeigen gleich im ersten Band, wohin die Richtung gehen könnte. Besonders originell wirkt die Ausgangslage auf mich damit erst einmal nicht. Sobald Yuva den Turm betritt, entwickelt die Geschichte allerdings durchaus einen gewissen Sog. Nihei braucht dafür keine komplizierte Handlung. Er lässt vor allem seine Bilder arbeiten.
Tower Dungeon läuft seit Oktober 2023 in Kodanshas Magazin Monthly Shonen Sirius und ist in Japan noch nicht abgeschlossen. Derzeit umfasst die Reihe sechs Bände. Manga Cult veröffentlicht die deutsche Ausgabe seit Juli 2026.
Worum geht’s?
Der König wird ermordet und die Prinzessin in den Drachenturm verschleppt. Die königlichen Ritter versuchen seitdem, den Turm zu erklimmen und die Prinzessin zu retten. Besonders erfolgreich sind sie dabei bislang nicht. Viele Soldaten wurden getötet oder schwer verletzt, weshalb in den umliegenden Dörfern nach neuen Kräften gesucht wird.
So landet schließlich Yuva bei der Truppe. Er stammt aus einer Bauernfamilie, besitzt keinerlei Erfahrung im Kampf und reist zunächst mit einer ziemlich überschaubaren Ausrüstung an. Ein umgedrehter Topf dient ihm als Helm, ein Stück Feuerholz als Waffe. Damit sorgt er bei den ausgebildeten Soldaten nicht unbedingt für Begeisterung. Yuva hat durch die Arbeit für seine Familie allerdings eine erstaunliche körperliche Kraft entwickelt. Als er beinahe mühelos einen gewaltigen Felsbrocken anhebt, wird schnell klar, dass er der Expedition durchaus von Nutzen sein kann.
Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe steigt Yuva in den Turm hinauf. Dort warten eingestürzte Treppen, dunkle Gänge, Untote, seltsame Wächter und Kreaturen, die kaum noch etwas Menschliches an sich haben. Die Ritter kennen den Turm selbst nur bruchstückhaft.
Meine Meinung
Tower Dungeon beginnt bewusst mit einer sehr einfachen Geschichte. Die Prinzessin muss gerettet und der Turm erklommen werden. Fertig. Nihei verbringt nicht viel Zeit damit, das Königreich, seine Geschichte oder die beteiligten Figuren ausführlich vorzustellen. Nach einem kurzen Blick auf die Entführung folgt der Manga hauptsächlich Yuva, der ebenso wenig über die Situation weiß wie wir.
Das kann anfangs etwas verwirrend sein, funktioniert für die Atmosphäre aber erstaunlich gut. Die Figuren bewegen sich durch einen Ort, dessen Regeln sie kaum verstehen. Selbst erfahrene Mitglieder der königlichen Truppe wirken innerhalb des Turms nicht besonders sicher und zuweilen überfordert. Sie wissen, wie sie ihre Waffen einsetzen und welche Gefahren auf früheren Expeditionen aufgetaucht sind. Viel weiter reicht ihr Wissen allerdings nicht.
Die Struktur von Band 1 hat mich schnell an ein Rollenspiel erinnert. Die Gruppe steigt einige Stockwerke hinauf, stößt auf ein Hindernis, kämpft gegen eine Kreatur und muss anschließend entscheiden, ob sie weitergeht oder sich zurückzieht. Manche Gegner werden sogar so aufgebaut, als hätte die Truppe gerade einen neuen Bossraum betreten. Mir hat diese klare Form grundsätzlich gefallen, auch wenn die eigentliche Handlung dadurch noch recht dünn bleibt. Wer bereits im ersten Band eine komplexe Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen erwartet, dürfte etwas enttäuscht sein.
Yuva ist ein sympathischer Einstieg in diese Welt. Er ist freundlich, zuverlässig und so unerfahren, dass er nicht einmal auf die Idee kommt, seine ungewöhnliche Kraft besonders wichtig zu nehmen. Seine provisorische Ausrüstung unterstreicht das ziemlich schön. Während die anderen in aufwendigen Rüstungen herumlaufen, taucht er mit einem Topf auf dem Kopf auf. Das ist ein netter kleiner Witz, ohne Yuva zur reinen Witzfigur zu machen.
Seine enorme Kraft verschafft ihm schnell Aufmerksamkeit, trotzdem erhält er keine Sonderbehandlung. Für die Ritter ist er zunächst nur ein weiterer Rekrut, der sich im Turm beweisen muss. Diesen Umgang mit ihm mochte ich. Yuva entspricht zwar grundsätzlich dem bekannten jungen Helden, der vermutlich noch eine größere Rolle spielen wird, aber Band 1 erklärt ihn nicht sofort zum großartigen Auserwählten.
Viel Tiefe besitzt er bisher allerdings nicht. Man erfährt, dass er seiner Familie hilft, sehr stark ist und auch in gefährlichen Situationen nicht aufgibt. Darüber hinaus bleibt er recht still. Seine Beziehungen zu den anderen Mitgliedern der Gruppe entwickeln sich ebenfalls kaum. Einige Soldaten fallen durch ihre Rüstungen, Verletzungen oder Fähigkeiten auf, emotional bleiben sie jedoch auf Abstand. Gerade die vielen Verbände und fehlenden Gliedmaßen machen deutlich, wie gefährlich die früheren Expeditionen gewesen sein müssen. Kennengelernt habe ich diese Leute trotzdem noch nicht wirklich.
Der größte Pluspunkt des Manga ist ohnehin der Turm. Tsutomu Nihei ist vor allem für Science-Fiction-Reihen wie BLAME!, Biomega oder Knights of Sidonia bekannt. Tower Dungeon ist sein Ausflug in eine klassische Fantasywelt, aber seine Vorliebe für gewaltige, schwer verständliche Bauwerke hat er auch hierhin mitgenommen.
Schon die Außenansichten vermitteln, wie klein Yuva und seine Begleiter gegenüber diesem Gebäude sind. Der Turm verschwindet in den Wolken, und selbst die Festung an seinem Fuß wirkt im Vergleich beinahe unbedeutend. Im Inneren warten endlose Treppen, riesige Säulen, schmale Wege und offene Flächen, bei denen man lieber nicht zu genau darüber nachdenkt, wie weit es nach unten geht. Nihei nutzt große Bilder und ungewöhnliche Blickwinkel, um diese Höhe spürbar zu machen. Einige Ansichten haben mich länger beschäftigt als die eigentliche Handlung.
Sein Strich wirkt dabei recht fein und teilweise fast wie eine Skizze. Viele Seiten enthalten große weiße Flächen, die den Bildern eine überraschende Klarheit geben. In den dunklen Bereichen arbeitet Nihei dagegen mit schweren schwarzen Flächen. Manchmal ist nicht zu erkennen, was sich in einer Ecke oder hinter einem Durchgang verbirgt. Sobald dort eine helle, seltsam verformte Kreatur auftaucht, verändert sich die Stimmung sofort.
Die Monster passen gut in diese Umgebung. Es gibt untote Soldaten, groteske Körper und Wesen, deren ursprüngliche Form nur noch zu erahnen ist. Ihre Designs wirken fremd, ohne dass der Manga jedes Detail erklären müsste. Besonders unangenehm sind jene Begegnungen, bei denen eine Kreatur zunächst nur als Umriss in der Dunkelheit zu sehen ist. Nihei lässt sich bei solchen Bildern mehr Zeit als bei den Gesprächen zwischen den Figuren. Das ist vermutlich auch die richtige Entscheidung.
Überhaupt erzählt der Turm viel über seine Vergangenheit, obwohl kaum jemand offen darüber spricht. Alte Leichen liegen seit unbestimmter Zeit in den Gängen, beschädigte Treppen wurden offenbar von früheren Eindringlingen gebaut und manche Pflanzen können von den Soldaten genutzt werden. Ein Wächter spricht eine Sprache, die niemand versteht. Solche kleinen Details haben mir deutlich besser gefallen als eine lange Erklärung über die Entstehung des Gebäudes. Man spürt, dass vor Yuva schon viele Menschen hier waren und dass der Turm viel älter ist als das Wissen des Königreichs über ihn.
Diese Zurückhaltung hat allerdings ihren Preis. Band 1 beantwortet fast nichts und verlässt sich sehr stark auf seine Stimmung. Auch das Tempo ist stellenweise recht hoch. Die Gruppe trifft auf eine Gefahr, reagiert darauf und bewegt sich schon zum nächsten Bereich. Für ruhigere Gespräche oder eine genauere Beschäftigung mit den Figuren bleibt wenig Raum. Dadurch kann der Manga trotz seiner starken Bilder etwas kühl wirken.
Erst im letzten Teil werden mehrere größere Fragen angedeutet. Einzelne Mitglieder der königlichen Truppe scheinen besondere Fähigkeiten oder eine bislang verschwiegene Herkunft zu besitzen. Gleichzeitig zeichnen sich Konflikte um die Nachfolge des getöteten Königs ab. Plötzlich geht es also nicht mehr allein darum, möglichst viele Stockwerke zu überwinden. Diese Entwicklungen sind bisher kaum ausgearbeitet, haben mein Interesse an der Reihe aber noch einmal deutlich gesteigert. Der Turm bietet bereits genug Stoff, doch ein wenig Politik und Streit innerhalb des Königreichs könnten der Geschichte die Tiefe geben, die ihr im ersten Band noch fehlt.
Fazit
Tower Dungeon startet mit einer sehr klassischen Fantasygeschichte und noch recht blassen Figuren. Tsutomu Niheis Zeichnungen verhindern jedoch, dass sich der Manga wie eine weitere beliebige Dungeon-Reihe anfühlt. Der gewaltige Turm, seine dunklen Gänge und die grotesken Kreaturen tragen diesen ersten Band fast allein.
Wer vor allem eine ausgearbeitete Handlung oder enge Beziehungen zwischen den Charakteren sucht, muss vermutlich noch etwas Geduld haben. Fans von Niheis Architektur, düsterer Fantasy und Geschichten, die ihre Welt lieber durch Bilder als durch lange Erklärungen aufbauen, sollten sich den Auftakt aber ansehen. Die letzten Kapitel deuten außerdem an, dass hinter der einfachen Rettungsmission noch einiges wartet. Ich bin auf jeden Fall neugierig, wie weit Nihei diesen Turm noch öffnen wird.
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