Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … Du magst Thriller, die ihre Figuren möglichst lange verdächtig erscheinen lassen.
- … Du hast Spaß an Geschichten über Selbstjustiz und drastische Bestrafungen.
- … Dich reizt der Gegensatz zwischen einem niedlichen Zeichenstil und brutalen Ereignissen.
- … Du möchtest einen schnellen Reihenauftakt mit mehreren Wendungen lesen.
- … Du magst undurchschaubare Hauptfiguren, deren Motive erst nach und nach enthüllt werden.
Eher nicht für dich, wenn …
- … Du erwartest einen Mystery-Manga, bei dem Hinweise nachvollziehbar zusammenspielen.
- … Dir sind moralisch vielschichtige Konflikte wichtiger als möglichst abscheuliche Täter.
- … Du möchtest früh eine emotionale Verbindung zu den Hauptfiguren aufbauen.
- … Dich stören übernatürliche Fähigkeiten, die fast jedes Problem bequem lösen können.
- … Du reagierst empfindlich auf Gewalt gegen Jugendliche und sexualisierte Bedrohungen.
Bei einem neuen Psychothriller von Hajime Inoryu werde ich natürlich hellhörig. Schließlich stammt von ihm bereits die Story zu The Killer Inside und A Suffocatingly Lonely Death, zwei Reihen, die mit verborgenen Abgründen, falschen Fährten und ziemlich kaputten Menschen nicht gerade sparsam umgehen.
Für Spica: Schuld und Sühne arbeitet Inoryu erstmals mit Chishio Seo zusammen. Die Reihe startete am 16. August 2024 unter dem Originaltitel Tsumi to Batsu no Spica auf der Webplattform Gekkan Maga Kichi von Kodansha. Für Seo ist es die erste längere Serie. Zuvor wurde er bereits für die Kurzgeschichten Kate und Happy Birthday, Sayonara beim Manga-Nachwuchspreis des Monthly Shonen Magazine ausgezeichnet. Der erste japanische Sammelband folgte im November 2024. Inzwischen sind in Japan sieben Bände erschienen und die Reihe läuft weiterhin.
Die Voraussetzungen klingen also erst einmal recht vielversprechend. Eine harmlose Schülerin, ein Lehrer mit Geheimnissen und eine Blumenvase, die plötzlich auf einem Schultisch steht: Spica: Schuld und Sühne weiß durchaus, wie man Misstrauen weckt. Leider verlässt sich der Auftakt danach für meinen Geschmack zu sehr auf Schockmomente und eine Hauptfigur, deren Niedlichkeit manches Mal ihre fehlende Tiefe verdecken soll.
Worum geht es?
Hatori arbeitet als Lehrer an einer Oberschule. Große Begeisterung für seinen Beruf strahlt er nicht gerade aus. Nach außen erledigt er seine Aufgaben jedoch ordentlich und scheint zumindest aufmerksam genug zu sein, um zu bemerken, wenn in seiner Klasse etwas nicht stimmt.
Eines Morgens steht auf dem Tisch seiner Schülerin Spica Tsumugi eine Blumenvase. Für sich genommen ist das ein recht harmloser Gegenstand. Im Klassenzimmer bekommt er allerdings schnell eine unangenehme Bedeutung, denn Hatori vermutet dahinter einen Fall von Mobbing.
Spica selbst wirkt davon kaum beeindruckt. Sie spricht langsam, schaut meist ein wenig verschlafen und scheint sich ohnehin nicht sonderlich dafür zu interessieren, was ihre Mitschülerinnen über sie denken. Als Hatori ihr versichert, dass er sich um die Sache kümmern werde, berührt sie plötzlich seine Hand. Kurz darauf bezeichnet sie ihn ruhig als Lügner.
Spica besitzt nämlich eine besondere Fähigkeit. Durch körperlichen Kontakt kann sie auf Dinge stoßen, die andere Menschen sorgfältig vor ihrer Umgebung verborgen halten.
Und manches davon sollte vielleicht tatsächlich verborgen bleiben.
Wie war’s?
Der Einstieg hat mir gut gefallen. Eine Blumenvase auf einem Schultisch ist kein sonderlich auffälliges Bild, bekommt im Zusammenhang mit möglichem Mobbing aber sofort etwas Unangenehmes. Man weiß noch nicht, ob Spica wirklich das Opfer ist, ob jemand ihr Angst machen möchte oder ob hinter der Sache etwas völlig anderes steckt. Diese Unsicherheit funktioniert.
Auch Hatori eignet sich zunächst recht gut als Perspektivfigur. Er ist kein Lehrer, der für seinen Beruf brennt, und vermutlich würde er selbst das nicht einmal behaupten. Trotzdem macht er sich Gedanken um Spica und versucht herauszufinden, was in seiner Klasse vor sich geht. Gleichzeitig lässt sich schwer einschätzen, wie ehrlich seine Fürsorge eigentlich ist. Genau daraus zieht der erste Teil seine Spannung.
Besonders mochte ich die Szene, in der Spica ihn fragt, warum er Lehrer geworden ist. Sie nimmt seine Hand, hört sich seine Antwort an und nennt ihn anschließend einfach einen Lügner. Mehr braucht es an dieser Stelle nicht. Innerhalb weniger Seiten kippt die Stimmung und Hatori wird von der vermeintlichen Vertrauensperson selbst zu jemandem, dem man besser nicht sofort glauben sollte.
Das Problem beginnt für mich, sobald der Manga seinen zentralen Mechanismus vollständig offengelegt hat. Spica berührt einen Menschen, erkennt dessen Geheimnisse und beschließt anschließend, einen falsch zugeknöpften Knopf sozusagen wieder zu richten. Was sie damit meint, wird recht schnell deutlich: Sie bestraft Menschen, die ihrer Ansicht nach ihrer eigentlichen Strafe entkommen sind.
Als Grundidee kann das auf jeden Fall funktionieren. In diesem ersten Band macht es sich die Geschichte damit allerdings etwas zu leicht. Spicas Fähigkeit liefert ihr immer genau das Wissen, das sie benötigt. Sie muss kaum ermitteln, niemanden überzeugen und schon gar nichts beweisen. Auch mit der Möglichkeit, eine Situation falsch verstanden zu haben, scheint sie sich nicht beschäftigen zu müssen. Ein kurzer Kontakt genügt und schon kennt sie Schuldige, Motive und verborgene Taten.
Für eine Reihe, die als Mystery-Thriller beworben wird, bleibt dadurch erstaunlich wenig Mystery übrig. Ich kann nicht gemeinsam mit den Figuren überlegen, Hinweise zusammensetzen oder meine eigene Vermutung noch einmal über den Haufen werfen. Spica weiß Bescheid. Ich muss ihr einfach folgen.
Hinzu kommt, dass die Täter derart abstoßend gezeichnet werden, dass kaum ein ernsthafter moralischer Konflikt entsteht. Ihre Handlungen sollen schockieren und wohl zugleich dafür sorgen, dass sich Spicas Reaktion irgendwie befriedigend anfühlt. Bei mir hat das nur bedingt funktioniert. Der Titel spricht schließlich von Schuld und Sühne. Bisher beschäftigt sich die Geschichte aber kaum damit, welches Verhältnis zwischen beidem bestehen sollte. Sie präsentiert eine möglichst große Schuld und liefert anschließend die passende Strafe.
Das kann als düstere Rachegeschichte durchaus unterhalten. Mir fehlte nur der Moment, in dem der Manga seine eigene Freude an dieser Bestrafung hinterfragt. Was passiert, wenn Spica sich irrt? Wer entscheidet, welche Strafe angemessen ist? Und weshalb besitzt ausgerechnet sie das Recht, über andere Menschen zu urteilen? Band eins streift diese Fragen höchstens am Rand.
Spica selbst bleibt ebenfalls erstaunlich blass. Ihr verschlafener Blick, ihre ruhige Sprechweise und die plötzliche Brutalität erzeugen zunächst einen wirkungsvollen Gegensatz. Nur ist dieser Gegensatz noch keine Persönlichkeit. Was denkt sie über die Menschen, die sie bestraft? Empfindet sie Wut, Abscheu oder vielleicht sogar Mitleid? Warum sieht sie deren Taten als falsch zugeknöpfte Knöpfe, die unbedingt gerichtet werden müssen? Zweifel oder Angst scheint sie jedenfalls nicht zu kennen.
Natürlich hält der Manga sie mit Absicht auf Abstand. Sie soll rätselhaft und nicht sofort durchschaubar bleiben. Trotzdem hätte ich gerne zumindest einen kleinen Riss in ihrer Fassade gesehen. Etwas, das mir vermittelt, dass sich hinter den rosigen Wangen und dem leeren Blick tatsächlich ein Mensch verbirgt.
Manches Mal hatte ich stattdessen den Eindruck, dass die Geschichte Spicas Niedlichkeit mit Vielschichtigkeit verwechselt. Sie sieht harmlos aus und tut erschreckende Dinge. Beim ersten Mal ist das überraschend. Danach braucht es allerdings mehr als einen weiteren unschuldigen Blick und den nächsten grausamen Täter.
Ähnlich ging es mir mit den Wendungen. Die erste größere Enthüllung ist ordentlich vorbereitet und lässt einige frühere Szenen in einem neuen Licht erscheinen. Das hat mir durchaus gefallen. Gleichzeitig wird sie so drastisch aufgeladen, dass von der betroffenen Figur kaum noch etwas übrig bleibt. Der Mensch hinter dem Geheimnis interessiert die Geschichte weniger als der Schock, den dieses Geheimnis auslösen soll.
Überhaupt legt Band ein immer noch ein weiteres „Geheimnis“ nach. Dadurch liest er sich schnell, das muss ich ihm lassen. Wirklich berührt oder nach dem Lesen länger beschäftigt hat mich davon jedoch wenig. Opfer und Täter bleiben hauptsächlich Funktionen innerhalb von Spicas persönlichem Strafsystem. Für einen Thriller über verborgene Abgründe ist mir das bisher zu oberflächlich.
Zeichnungen
Chishio Seos Zeichnungen gehören eindeutig zu den Stärken des Bandes. Vor allem Spicas Gesicht bleibt im Gedächtnis. Ihr weicher, beinahe niedlicher Ausdruck steht in einem starken Kontrast zu den dunkleren Momenten. Einige Blicke und kleine Veränderungen in ihrer Mimik erzeugen mehr Unbehagen als die eigentlichen Gewaltszenen.
Auch der Lesefluss stimmt. Die ruhigen Schulmomente wirken zunächst alltäglich. Dann werden die Bildausschnitte enger, Flächen dunkler und ein scheinbar harmloses Gespräch fühlt sich plötzlich unangenehm an. Seo versteht es auf jeden Fall, die Stimmung innerhalb weniger Panels kippen zu lassen.
Ganz entziehen kann sich die Inszenierung ihrem eigenen Effekt allerdings nicht. Der Gegensatz zwischen „süß“ und „grausam“ wird so häufig betont, dass er gegen Ende bereits ein wenig berechnet wirkt. Trotzdem bin ich gespannt, wie sich Seos Zeichnungen im Verlauf der Reihe entwickeln. Es ist immerhin die erste längere Serie und zeichnerisch steckt hier bereits einiges drin.
Fazit
Spica: Schuld und Sühne beginnt mit einer wirklich guten Situation. Die Blumenvase auf dem Schultisch, Hatoris nur schwer einzuschätzende Fürsorge und Spicas ruhige Frage nach seiner Vergangenheit haben mich zunächst neugierig gemacht. Auch die Zeichnungen passen gut zu diesem eigenwilligen Gemisch aus Schulalltag, Niedlichkeit und Gewalt.
Inhaltlich war mir Band eins jedoch zu sehr auf Schock und Bestrafung ausgerichtet. Spicas Fähigkeit löst einen Großteil der erzählerischen Probleme, die Täter bestehen hauptsächlich aus abscheulichen Eigenschaften und die versprochene Auseinandersetzung mit Schuld bleibt bislang recht dürftig. Vor allem Spica müsste als Figur noch erheblich mehr bieten, damit ihre Taten nicht irgendwann nur wie das nächste Kapitel derselben Rachefantasie wirken.
Wer drastische Geschichten mag, in denen unangenehme Menschen ihre Strafe erhalten, kann mit dem Auftakt sicherlich mehr anfangen. Für mich ist Spica: Schuld und Sühne bisher ein optisch ansprechender, aber ziemlich kalkulierter Thriller. Band zwei müsste Spicas Weltbild deutlich komplizierter machen und ihr vielleicht auch einmal Grenzen setzen. Dann könnte die Reihe noch interessant werden. Im Moment bin ich allerdings nur mäßig neugierig.
Transparenzhinweis
Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Panini Manga zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.
Austausch
Jetzt interessiert mich deine Meinung!
Wie siehst du das? Schreib mir deine Gedanken gerne unten in die Kommentare.