Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … du Magical-Girl-Geschichten mit Dämonen, Action und etwas märchenhaftem Horror magst.
- … du Freundschaften interessant findest, die nach den Regeln ihrer Welt eigentlich gar nicht existieren dürften.
- … du lieber moralische Grauzonen als eine saubere Trennung zwischen guten Magical Girls und bösen Dämonen hast.
- … du ausdrucksstarke Shōjo-Zeichnungen, starke Verwandlungen und einen bewaffneten Schirm zu schätzen weißt.
Eher nicht für dich, wenn …
- … du eine vollkommen neue oder besonders ungewöhnliche Zerlegung des Magical-Girl-Genres erwartest.
- … du bereits im ersten Band eine ausführlich erklärte Welt und eine große, ausgearbeitete Besetzung brauchst.
- … du wenig mit freundlichen, etwas unbedarften Heldinnen anfangen kannst, die niemals aufgeben.
- … du vorhersehbare Wendungen und einen offenen Cliffhanger möglichst vermeiden möchtest.
Ausgerechnet der Dämon, der Tanpopo seit ihrer Kindheit beschützt, soll plötzlich ihr Feind sein. Denn Tanpopo wird zum Magical Girl gewählt, und Magical Girls haben nun einmal Dämonen zu bekämpfen. So lauten die Regeln. Dass Shade ihr bester Freund ist, sich seit Jahren um sie kümmert und sie ihn für einen Helden hält, interessiert die zuständige Organisation eher wenig. Mich hatte die Reihe mit diesem Widerspruch ziemlich schnell, denn eine Freundschaft zwischen zwei Figuren, die laut ihrer Welt aufeinander losgehen müssten, ist erst einmal eine gute Idee.
Der Originaltitel lautet Mahō Shōjo Dandelion, geschrieben und gezeichnet wird der Manga von Kaeru Mizuho. Die Reihe startete am 20. August 2024 in Shogakukans Magazin Sho-Comi und läuft weiterhin. Aktuell sind in Japan fünf Sammelbände erschienen. Auf Deutsch soll Magical Girl Dandelion bei KAZÉ Manga im März 2027 starten. Auf Englisch erscheint der Manga bei VIZ.
Worum geht es?
Als Tanpopo Ohanami noch ein Kind war, wurden ihre Eltern von Dämonen getötet. Gerettet wurde sie damals ausgerechnet von einem anderen Dämon: Shade. Seitdem weicht er kaum von ihrer Seite, hält weitere Angreifer fern und ist für Tanpopo längst Freund und Familie in einem geworden. Andere Menschen können ihn allerdings nicht sehen, weshalb niemand von dieser ziemlich besonderen Verbindung weiß.
Jahre später erhält Tanpopo plötzlich das Angebot, ein Magical Girl zu werden. Sie nimmt an, weil sie Menschen helfen und gegen die Dämonen kämpfen möchte. Wenig überraschend ist aber Shade davon überhaupt nicht begeistert und versucht mit eher zweifelhaften Methoden, ihre neue Laufbahn möglichst schnell wieder zu beenden.
Aber auch Tanpopo wird nach ihrem ersten richtigen Einsatz schnell klar, dass die saubere Trennung zwischen guten Magical Girls und bösen Dämonen nicht so sauber ist, wie sie bisher gedacht hat. Und Tanpopo hat ohnehin ihre eigene Vorstellung davon, wen ein Magical Girl retten sollte.
Meine Meinung
Die Geschichte hat eine klare Stärke und das ist die Beziehung zwischen Tanpopo und Shade. Shade sieht mit seinen spitzen Zähnen und seinem breiten Grinsen wie jemand aus, dem man besser nicht im Dunkeln begegnet, gleichzeitig ist er sarkastisch, ziemlich lustig und deutlich fürsorglicher, als er zugeben möchte. Gerade seine Versuche, Tanpopo vor der Welt der Magical Girls zu schützen, sorgen für einige der komischen Momente im Band. Nett sind seine Methoden deshalb noch lange nicht. Er sabotiert sie, behandelt sie stellenweise von oben herab und kommt zwischendurch schlicht wie ein ziemlicher Idiot rüber.
Trotzdem verstehe ich, warum Shade sich so verhält. Tanpopo ist für ihn kein zufälliges Mädchen, das er irgendwann einmal gerettet hat. Die beiden sind tief im Leben des jeweils anderen verankert und ein kurzer Blick in Shades Vergangenheit reicht aus, um seiner Sorge Gewicht zu geben. Besonders gefällt mir, dass Tanpopo ihn nie als das Monster betrachtet, das alle anderen in ihm sehen. Für sie ist Shade derjenige, der geblieben ist und sie beschützt hat. Sie muss nicht erst lernen, hinter seinen Zähnen einen guten Kern zu entdecken, denn sie kennt diesen Teil von ihm längst. Das gibt ihrer Freundschaft etwas sehr Selbstverständliches.
Meine anfängliche Sorge war, dass der Manga Tanpopo nun möglichst schnell gegen Shade stellt und daraus ein langes, künstlich aufgeblasenes Drama macht. Der erste Band wählt zum Glück einen anderen Weg. Natürlich geraten die beiden aneinander, weil Shade ihre Entscheidung nicht respektieren kann und Tanpopo sich nicht mehr nur beschützen lassen möchte. Doch der Streit löscht ihre Nähe nicht einfach aus. Shade muss akzeptieren, dass Tanpopo selbst handeln kann, und sie bleibt bei ihrem Wunsch, Menschen zu retten, auch wenn er sie damit am liebsten wieder nach Hause schicken würde. Das fühlt sich wesentlich passender an als ein plötzlicher Bruch.
Tanpopo selbst ist dabei nicht die überraschendste Heldin. Sie ist freundlich, etwas unbedarft und besitzt genau diese beinahe unerschöpfliche Entschlossenheit, die man aus vielen Manga kennt. Ihr besonderes Talent könnte man tatsächlich mit „nicht aufgeben“ zusammenfassen. Wirklich neu ist das nicht. Aber es passt zu dieser Geschichte, weil Tanpopo den Auftrag eines Magical Girls sehr wörtlich nimmt: Sie will retten. Nicht nur die Menschen, die von den Dämonen angegriffen werden, sondern möglichst alle Beteiligten.
Das zeigt sich besonders deutlich, als ihr Großvater selbst zur Gefahr wird und Peony, ein Magical Girl aus ihrer Truppe, ihn einfach beseitigen will. Tanpopo stellt sich dazwischen, obwohl sie gerade erst mit ihren Kräften umgehen lernt und kaum weiß, was eigentlich passiert. Diese Szene funktioniert für mich, weil ihre Haltung nicht in einer großen Rede verschwindet. Sie handelt einfach. Damit gibt Kaeru Mizuho ihr trotz aller bekannten Eigenschaften einen festen Platz neben dem wesentlich auffälligeren Shade. Tanpopo ist nicht bloß die gut gelaunte Hauptfigur, die er ständig retten muss.
Ein bisschen schade ist allerdings, dass fast alle anderen Figuren bisher kaum über ihre Aufgabe hinauskommen. Peony darf als harte, erfahrene Kämpferin auftreten und Tanpopo erklären, wie diese Welt angeblich funktioniert, viel mehr erfahren wir über sie aber noch nicht. Tanpopos Freunde sind sympathisch, schauen jedoch nur kurz vorbei, bevor der nächste Angriff beginnt. Auch die Organisation der Magical Girls und ihre Regeln bleiben im Auftakt der Reihe noch recht blass. Der Band wirft interessante Fragen auf, gibt Shade und Tanpopo aber so viel Raum, dass der Rest manchmal wie eine noch nicht aufgebaute Kulisse wirkt.
Ähnlich geht es mir mit einigen Wendungen. Die große Grundidee trägt den Band, doch abseits davon folgt die Geschichte oft bekannten Wegen, und manche Enthüllung lässt sich recht früh erahnen. Wer schon mehrere düstere Magical-Girl-Reihen kennt, wird hier vermutlich nicht ständig überrascht werden. Das ist für mich noch kein großes Problem, weil das Erzähltempo stimmt und die einzelnen Szenen Spaß machen. Für die nächsten Bände wünsche ich mir aber etwas mehr Eigenes, besonders bei den Gegnern und bei der Welt hinter den Kämpfen.
Die Mischung aus düsteren und lockeren Momenten bekommt Mizuho dafür erstaunlich gut hin. Der Tod von Tanpopos Eltern, die Herkunft der Dämonen und einzelne Verwandlungen geben der Geschichte eine unangenehme Seite, ohne dass der Manga nur noch Leid und Schockbilder aufeinanderstapelt. Dazwischen stehen Shades schlechte Laune, Tanpopos direkte Art und einige kleinere Späße.
Zum Ende hin wird es mit einem neuen Gegner, Spiegeln und deutlichen Anklängen an Alice im Wunderland noch einmal unheimlicher. Dieser Teil ist noch nicht abgeschlossen, bringt aber frischen Schwung hinein und endet an einer Stelle, an der ich durchaus weiterlesen möchte. Der Cliffhanger erfüllt also seinen Zweck.
Sehr viel trägt dabei der Zeichenstil. Die großen, ausdrucksstarken Augen und die eleganten Linien passen klar zum Shojo-Manga, während die breiten Münder, spitzen Zähne und dunklen Schatten für den nötigen Kontrast sorgen. Shade besitzt schon durch sein Design eine starke Präsenz, doch auch Tanpopos Verwandlung kann sich sehen lassen. Ihr Kostüm ist verspielt, ohne in den Actionszenen fehl am Platz zu wirken, und ihr Schirm als Waffe ist ein schönes Detail. Ein bewaffneter Schirm bekommt von mir ohnehin einen kleinen Bonus.
Auch die Kämpfe lassen sich gut verfolgen und wirken beweglicher, als ich bei den feinen Zeichnungen zunächst erwartet hätte. Mizuho kann sowohl große Auftritte als auch kurze körperliche Treffer gut inszenieren. Besonders die späteren Seiten mit ihrem märchenhaften Horror zeigen, wie viel Atmosphäre in diesem Zeichenstil steckt. Optisch ist der Manga schon jetzt weiter als manche Teile seiner Geschichte.
Fazit
Magical Girl Dandelion startet mit einem sehr guten Duo, schönen Zeichnungen und genau der richtigen Menge an düsterer Stimmung, ohne seine lockeren Seiten zu verlieren. Wer Magical Girls mag, aber gern einen Dämon im Heldenteam und ein wenig Horror dabeihätte, sollte sich die Reihe merken.
Wer dagegen eine völlig neue Zerlegung des Genres oder sofort eine große, ausgearbeitete Besetzung erwartet, könnte den ersten Band noch etwas zu vertraut finden. Ich möchte auf jeden Fall weiterlesen, bevor ich Shade und Tanpopo ganz oben auf meine Empfehlungsliste setze.
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