Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … Du magst ruhige Liebesgeschichten, in denen gemeinsame Alltagsmomente wichtiger sind als großes Drama.
- … Du möchtest eine queere Romanze mit erwachsenen Figuren und einer angenehm natürlichen körperlichen Anziehung lesen.
- … Du kannst mit einer Geschichte etwas anfangen, in der die COVID-19-Pandemie nicht ausgeblendet wird.
- … Du suchst einen abgeschlossenen Einzelband für einen gemütlichen Lesenachmittag.
Eher nicht für dich, wenn …
- … Du möchtest eine konfliktreiche oder besonders überraschende Liebesgeschichte.
- … Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Identität und sexueller Orientierung ist dir besonders wichtig.
- … Geschichten über die Zeit der Pandemie möchtest du derzeit lieber vermeiden.
- … Du brauchst eine größere Nebenbesetzung und mehrere Handlungsstränge.
- … Ausführlich gezeichnete Mahlzeiten lösen bei dir eher Langeweile als Hunger aus.
Ein ganzer Karton Kohl ist vermutlich nicht der romantischste Anlass, um jemanden zum Essen einzuladen. Für Akira und Koji reicht er trotzdem. Erst wird gemeinsam gegessen, dann schaut man noch einen Film und irgendwann braucht es eigentlich überhaupt kein Gemüse mehr als Vorwand. Nur müssen die beiden das selbst erst einmal bemerken.
Ich mag solche Geschichten. Zwei erwachsene Figuren, die nicht sofort von ihren Gefühlen überrollt werden, sondern sich langsam näherkommen. Viel geredet wird darüber natürlich trotzdem nicht. Lieber bringt Akira noch ein paar Auberginen vorbei. Sicher ist sicher.
Fish and Water begann im Mai 2022 als Kurzgeschichte auf Futabashas Manga-Plattform Web Action. Ab Oktober desselben Jahres wurde daraus eine kleine Serie und im Mai 2023 erschienen die Kapitel unter dem japanischen Titel Uo to Mizu gesammelt in einem Band.
Für Gengoroh Tagame ist es nach My Brother’s Husband und Our Colors das dritte Werk, das sich an ein allgemeines Publikum richtet. Bekannt wurde er allerdings schon deutlich früher als einer der einflussreichsten Künstler des japanischen Gay Manga. Seit den 1980er-Jahren veröffentlichte er in japanischen Gay-Magazinen, arbeitete zunächst als Art Director und war Mitbegründer des Magazins G-Men. Mit My Brother’s Husband wandte er sich später einem breiteren Publikum zu. Die US-Ausgabe erhielt 2018 einen Eisner Award.
Am 23. Juni 2026 ist Fish and Water bei Pantheon auf Englisch erschienen. Übersetzt wurde der Manga von Anne M. Ishii, die bereits mehrere Werke Tagames ins Englische übertragen hat.
Worum geht es?
Akira arbeitet im Vertrieb und besucht regelmäßig landwirtschaftliche Betriebe. Eines Tages schenkt ihm ein Kunde einen ganzen Karton frisch geernteten Kohl. Nett gemeint, nur kann Akira überhaupt nicht kochen und im Büro möchte das Gemüse ebenfalls niemand haben.
Da fällt ihm Koji ein. Die beiden kennen sich von der Hochzeit eines gemeinsamen Freundes und verstehen sich recht gut, auch wenn sie bislang nicht besonders viel miteinander unternommen haben. Koji arbeitet als freier Autor von zu Hause aus und kocht leidenschaftlich gerne. Er nimmt den Kohl dankbar an und lädt Akira gleich zum Essen ein.
Aus diesem einen Abend werden schnell mehrere. Mal bringt Akira Auberginen vorbei, dann Okra oder anderes Gemüse, aus dem Koji verschiedene Gerichte zaubert. Irgendwann treffen sie sich nicht mehr nur zum Essen. Sie schauen Filme, unternehmen einen Ausflug und verbringen immer selbstverständlicher ihre freie Zeit miteinander.
Wohin das führt, ist recht früh klar. Akira und Koji brauchen nur etwas länger als wir.
Wie war’s?
Das Grundrezept von Fish and Water kennt man. Einer kocht, der andere isst begeistert und mit jeder Mahlzeit wird die Beziehung vertrauter. Ich musste beim Lesen mehrmals an What Did You Eat Yesterday? und She Loves to Cook, and She Loves to Eat denken. Wirklich neu ist die Idee also nicht. Gestört hat mich das kaum.
Akira und Koji haben von Beginn an eine wunderbar entspannte Chemie. Ihre Gespräche wirken locker, manchmal etwas zweideutig und nie so, als müsste Tagame auf jeder Seite dick unterstreichen, dass hier gerade Gefühle entstehen. Ein Blick dauert ein wenig zu lange. Eine Einladung bekommt eine beinahe verdächtig ausführliche Begründung. Und Akira findet natürlich immer wieder Gemüse, das er unmöglich allein verwerten kann. Ja, natürlich. Das Gemüse.
Diese kleinen Ausreden haben mir gut gefallen. Eigentlich könnten beide einfach sagen, dass sie gerne Zeit miteinander verbringen. Stattdessen wird noch ein Gericht gekocht und noch ein Film ausgesucht. Große Aufregung gibt es dabei nicht. Braucht die Geschichte auch nicht.
Akira bringt die Zutaten mit, Koji macht daraus ein ganzes Menü. Die Aufteilung passt zu ihnen. Akira freut sich so ehrlich über jedes Gericht, dass ich sofort verstanden habe, warum Koji immer wieder gerne für ihn kocht. Und Koji genießt es sichtlich, jemanden am Tisch zu haben, der seine Mühe bemerkt.
Tagame nimmt sich für die Zubereitung recht viel Zeit. Wir sehen einzelne Arbeitsschritte, die Zutaten und natürlich die fertigen Gerichte. Teilweise ist das fast ein wenig gemein. Vor allem dann, wenn man selbst gerade nichts Vernünftiges im Haus hat und Akira schon die nächste Portion serviert bekommt.
Die Annäherung der beiden entwickelt sich lange sehr vorsichtig. Sobald die Gefühle ausgesprochen werden, geht es dann ziemlich schnell. Darüber bin ich beim Lesen ein wenig gestolpert. Mögliche Unsicherheiten lösen sich beinahe von selbst und Akiras Sexualität wird ebenfalls nicht ausführlich hinterfragt.
Koji weiß, wer er ist. Akira muss erst herausfinden, was seine Gefühle für Koji bedeuten. Ein bestimmtes Etikett ist für ihn am Ende weniger wichtig als die Erkenntnis, dass er diesen Mann liebt. Für diese Geschichte hat das funktioniert. Die Zuneigung zwischen ihnen fühlt sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin selbstverständlich an.
Ein oder zwei zusätzliche Kapitel hätte ich trotzdem gerne gelesen. Nicht, weil noch ein großes Drama gefehlt hätte. Ich wäre einfach gerne noch etwas länger mit den beiden am Tisch sitzen geblieben.
Essen während der Pandemie
Fish and Water spielt deutlich während der COVID-19-Pandemie. Masken, Abstand und die Frage, welche Treffen gerade überhaupt vernünftig sind, gehören zum Alltag der Figuren. Auch die Folgen für kleine Geschäfte und dieses unangenehme Gefühl, dass sich die Welt plötzlich anders bewegt, werden nicht beiseitegeschoben.
Das fand ich interessant. Die Pandemie hat unseren Alltag über Jahre bestimmt und taucht in Manga trotzdem vergleichsweise selten so unmittelbar auf. Hier wird sie nicht zum großen Drama. Sie ist einfach da.
Akira und Koji sind vorsichtiger und vermutlich auch einsamer. Ihre gemeinsamen Mahlzeiten geben ihnen für ein paar Stunden etwas Normalität zurück. Draußen gibt es schlechte Nachrichten und Unsicherheit, drinnen wird gekocht, gegessen und über den nächsten Film gesprochen. Diese Momente mochte ich sehr.
Ganz verschwinden die schwereren Gedanken nicht. Akira und Koji sprechen über Krieg, die Zukunft und darüber, wie unsicher das eigene Leben sein kann. Dadurch bekommt die Geschichte stellenweise etwas Melancholisches, ohne gleich in ein schweres Gesellschaftsdrama zu kippen. Irgendwann erscheint es einfach ziemlich unsinnig, noch ewig über die eigenen Gefühle zu schweigen.
Die Zeichnungen
Gengoroh Tagames Zeichenstil erkennt man sofort. Akira und Koji sind kräftige, behaarte Männer mit breiten Körpern. Neben den meist sehr schlanken Figuren vieler Boys-Love-Manga fällt das natürlich auf. Tagame zeichnet beide mit sichtbarer Freude an männlichen Körpern. Ein paar nackte Oberkörper und zweideutige Bemerkungen dürfen da nicht fehlen. Explizit wird der Manga allerdings nicht.
Besonders gut gefallen haben mir die Gesichter. Kleine Veränderungen reichen aus, um die Unsicherheit zwischen den beiden sichtbar zu machen. Akira freut sich offen über jedes Essen. Koji schaut ihm dabei manchmal ein wenig zu aufmerksam zu. Lange innere Monologe braucht es da nicht.
Die US-Ausgabe
Pantheon veröffentlicht Fish and Water innerhalb der Pantheon Graphic Library als gebundenen Einzelband mit 192 Seiten. Die Ausgabe ist sauber gestaltet und passt optisch zu den englischen Veröffentlichungen von My Brother’s Husband und Our Colors.
Mit 30 US-Dollar, also bei einem guten Preis mit Rabatt ungefähr 26 Euro, ist der Band allerdings nicht gerade günstig. Bei dem Preis musste ich auf jeden Fall kurz schlucken. Wer die vorherigen Pantheon-Ausgaben bereits besitzt, bekommt immerhin einen Band, der sich passend daneben einordnet.
Zu den deutschen Ausgaben von Carlsen passt das Kleinformat-Hardcover weniger gut. Größe und Aufmachung unterscheiden sich dafür doch zu deutlich.
Fazit
Fish and Water erfindet den kulinarischen Romance-Manga nicht neu. Das muss der Band für mich aber auch nicht. Akira und Koji essen miteinander, lachen, schauen Filme und bemerken irgendwann, dass sie längst keinen Karton Gemüse mehr brauchen, um sich zu treffen.
Ihre Romanze ist angenehm unkompliziert und hätte für meinen Geschmack ruhig etwas länger sein dürfen. An die Tiefe von My Brother’s Husband kommt der Manga nicht heran, aber ich habe die Zeit mit den beiden sehr gerne verbracht.
Wenn ihr ruhige queere Liebesgeschichten und gutes Essen mögt, könnt ihr einen Blick riskieren. Nur hungrig solltet ihr den Band vielleicht nicht lesen.
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