Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

A Silent Voice - Luxury Edition (Band 1)

A Silent Voice – Luxury Edition (Band 1)

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A Silent Voice wurde ursprünglich 2011 als Oneshot in der Februar-Ausgabe des Bessatsu Shonen Magazin veröffentlicht. Zwei Jahre später folgte die Umsetzung des Titels als Serie im Weekly Shonen Magazin. Darin lief die Reihe vom August 2013 bis zum November 2014. Die Reihe wurde zudem in sieben Sammelbänden veröffentlicht. 2015 gewann Yoshitoki Oima für A Silent Voice den Nachwuchskünstler-Preis beim Osamu-Tezuka-Kulturpreis, ein Jahr später wurde A Silent Voice für einen Eisner Award nominiert, 2017 und 2018 für den Rudolf-Dirks-Preis und den Max & Moritz-Preis.

Ab 2016 wurde die Reihe bei Egmont Manga in der deutschen Übersetzung veröffentlicht. 2021 folgte die Umsetzung in der hochwertige Luxury Edition im Hardcover-Format. Die Luxury Edition wird zwei Bände umfassen und beinhaltet in Deutschland bislang unveröffentlichtes Bonusmaterial. Der erste Band behandelt die ersten 29 Kapitel des Mangas, was ca. 3 1/2 Bände der Originalfassung umfasst.

Der Manga wurde 2016 als Anime-Film umgesetzt.

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Text&Zeichnungen: Yoshitoki Oima | Originaltitel: Koe no Katachi | Verlag: Egmont Manga | Zielgruppe: Shonen | Genre: Drama | Preis: 30€ | Hardcover im Großformat | In zwei Bänden abgeschlossen | Weitere Informationen & Leseprobe

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Wie war’s?

A Silent Voice beginnt mit der Geschichte zweier Grundschüler. Auf der einen Seite ist Shoya, ein Junge, der immer auf der Flucht vor Langeweile ist. Auf der anderen Seite Nishimiya: Sie wechselt gerade in die Schule und ist taub. Nur durch das Schreiben in ein Notizbuch kann sie mit ihren Mitschüler*innen kommunizieren.

Nishimiyas Unfähigkeit zu hören und die Probleme, die sich daraus ergeben, sind Shoya fremd und er macht sich einen Spaß daraus, Nishimiya zu necken. Als er dafür die Aufmerksamkeit der anderen erhält, gerät das Mobbing immer mehr außer Kontrolle. Nishimiya wird verhöhnt, verspottet und ihre Hörgeräte werden ihr immer wieder aus den Ohren gerissen und zerstört. Als es schließlich zu viel wird, beschwert sich die Mutter des Mädchens. Der Lehrer und die anderen Schüler schieben alle Schuld auf Shoya, der von da an von seinen ehemaligen Freunden systematisch gemobbt wird. Seine Wut auf Nishimiya wird immer größer und er gerät in eine Schlägerei mit dem Mädchen, was ihre Mutter dazu veranlasst, sie von der Schule zu nehmen.

Shoya seinerseits verfällt in Selbstzweifel und hat Schuldgefühle, wodurch er sich von seiner Umgebung abkapselt. Sechs Jahre später sucht Shoya ein letztes, Gespräch mit Nishimiya, welches eine neue Handlung ins Rollen bringen wird.

Auf den ersten Blick mag A Silent Voice wie eine Warnung vor den zerstörerischen Auswirkungen von Mobbing wirken, doch die Reihe nur als eine Solche zu beurteilen, würde dem Werk sicherlich nicht gerecht werden. A Silent Voice zeigt die harten und hässlichen Folgen von Mobbing unter Gleichaltrigen auf und liefert eine emotionale Reise durch die Tiefen von Depression und Angst sowie die Bedeutung von Freundschaft und Vergebung.

Die Art und Weise, wie Shoyas “harmlosen” Hänseleien, die von den Lehrern zunächst abgetan werden, dann aber schnell außer Kontrolle geraten, wird auf verstörend glaubwürdige Weise dargestellt, unterstrichen durch einen Gruppendruck, der das Handeln von Shoya nur noch vorantreibt. Er fühlt sich einzig durch diese Eskapaden bei seinen Mitschüler*innen wertgeschätzt. Die ganze Zeit über wird Nishimiya von Schuldgefühlen geplagt, da sie sich selbst die Schuld für eine Behinderung gibt, die sie nicht kontrollieren kann.

Anstatt Shoya als einen eindimensionalen, böswilligen Charakter darzustellen, schafft es die Mangaka, ihn zu jemanden zu machen, mit dem die Leserschaft mitfühlen kann. Als Shoyas Mobbing den Punkt erreicht, an dem er von den anderen geächtet wird und sich seine sogenannten Freunde gegen ihn wenden, rutscht Shoya von Einsamkeit und Selbstvorwürfen in schwere Depressionen.

Da die Geschichte aus Shoyas Sicht erzählt wird, setzt Yoshitoki Oima einige visuelle Elemente ein, um seinen emotionalen Zustand zu verstärken. Am auffälligsten ist ein X auf fast jedem Gesicht. Das Verdecken der Gesichter und der Hinweis darauf, dass die Charaktere in irgendeiner Weise für ihn tabu sind, hilft dabei, sein Gefühl der Isolation und seine Unfähigkeit, eine Verbindung herzustellen, zu verstärken. Sie drücken Gedanken wie “nicht mein Freund”, “mag mich nicht” oder “wird mich nur verletzen” aus. Jedes Gesicht, das er in der Schule sieht, hat ein Kreuz darüber. Das Visuelle setzt sich bis zu dem Punkt fort, an dem das Schließen einer Freundschaft buchstäblich dazu führt, dass das X aus dem Gesicht eines Charakters fällt. Weiter verdeutlicht wird Shoyas Unsicherheit dadurch, dass sein Blick häufig auf den Boden oder die Beine seiner Gesprächspartner gerichtet ist.

Die Serie nähert sich den Themen Schuld und Scham auf eine reale und ehrliche Weise. Ein wichtiger Bestandteil dabei sind die nahbaren und glaubwürdigen Charaktere. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, besonders wenn man bedenkt, dass einige Figuren eingeführt werden. Der Fokus liegt dabei sicherlich auf Shoya, dessen Entwicklung gut beschrieben wird. Die Leserschaft lernt wirklich alle Seiten des Jungen kennen und weiß durch den Blick in die Vergangenheit, welche Ereignisse ihn zu dem gemacht haben, was ihn heute zu dem verschlossenen, aber netten und selbstlosen Typen gemacht haben.

Nishimiya ist ebenfalls gut ausgearbeitet. Sie ist ruhig, nett, aber bleibt oft für sich. Ihre Handlungen sind alle zurückhaltend und leiser als alle anderen. Oima gelingt es sehr gut, ihre Gefühle durch Mimik und Gestik zu zeigen und verpasst auch nicht, den Nebencharakteren genug Aufmerksamkeit zu schenken. Die Nebencharaktere wirken zuweilen sehr klischeehaft, sind dennoch aber gut ausgearbeitet und bekommen den nötigen Fokus.

Der Lesefluss und das Paneling sind in gleicherweise gut umgesetzt. Die Panelstruktur hilft, die Denkweise der Charaktere zu vermitteln, indem sie Größe und Form ändern. Der Erzählfluss ist langsam und dramatisch, was hilft, emotionale Momente in den Mittelpunkt zu rücken.

Yoshitoki Oimas Charakterdesigns fällt abwechslungsreich aus und die verschiedenen Figuren sind auch visuell schnell zu unterscheiden. Ebenso besitzt ihr Zeichenstil einen gewissen Wiedererkennungswert, wodurch sie zwischen anderen Shonen-Werken herausstechen kann. Die Hintergründe fallen meist einfach aus, können in großen Panels aber auch detailliert werden. Panel, die eine Seite oder gar eine Doppelseite füllen gibt es indes kaum. Insbesondere Emotionen und der Mimik schenkt die Mangaka große Aufmerksamkeit.

Die Luxury Edition von Egmont wird in einem hochwertigen Hardcover im Großformat herausgebracht, welches zudem über eine Cover-Veredelung verfügt.

Neben bislang unveröffentlichten Farbseiten können sich die Fans auf Charakterbeschreibungen aus dem japanischen Fanbook freuen. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, sollte man den Film oder Manga noch nicht kennen. Einige Abschnitte können stark spoilern. Darüber hinaus gibt es Anfangsskizzen.

Fazit

A Silent Voice gelingt es, sich vielen schwierigen Themen anzunähern und diese respektvoll und realistisch darzustellen. Insbesondere die mehrdimensionalen Figuren sorgen dafür, dass die Leserschaft mit den beiden Protagonisten mitfühlen kann und ihnen auf den gemeinsamen Weg zu neuen Freundschaften nur zu gerne folgt.

Die Luxury Edition von Egmont bietet dem einen passenden Rahmen und hält auch für Kenner*innen der Reihe tolle Features bereit.

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Bei diesem Manga handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Egmont Manga zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!

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