Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

Bis in den Himmel - Manga Review

Bis in den Himmel

[Anzeige: Ich habe den Manga vergünstigt vom Verlag erhalten. Meine Meinung ist davon natürlich nicht beeinflusst.]

Jiro Taniguchi ist ein Mangaka, dessen Werke mich seit langem begleiten und einen festen Platz in meiner Sammlung gefunden haben. Besonders schätze ich seine ruhigen, kontemplativen Erzählungen, die oft mit einer tiefen Naturverbundenheit und stiller Beobachtung des Alltags einhergehen. Sie laden nicht zum schnellen Verschlingen, sondern zum Innehalten ein.

Mit “Bis in den Himmel” habe ich jüngst wieder einen Einzelband aus dem Katalog von Schreiber & Leser von dem Mangaka gelesen. Der Band erschien in Japan unter dem Titel “Hare Yuku Sora” bereits 2005. Auf Deutsch folgte die Veröffentlichung 2009.

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Text & Zeichnungen: Jiro Taniguchi | Originaltitel: Hare Yuku Sora | Übersetzung: Tsuwame und Resel Rebiersch | Genre: Drama, Slice of Life | Verlag: Schreiber & Leser | Preis: 16,95€ |In einem Band abgeschlossen | mehr Informationen auf der Verlagsseite

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Wie war’s?

Der Ausgangspunkt ist schnell erzählt. In einer Sommernacht begegnen sich Kazuhiro Kubota, 42 und Takuya Onodera, 17, voller Jugend und Trotz, auf der Straße. Kazuhiro sitzt am Steuer eines Lieferwagens, übermüdet, erschöpft, im Kopf noch bei Zielen und Terminen. Takuya kommt auf dem Motorrad, getrieben von Geschwindigkeit und dem Gefühl von Freiheit, das ihm sein Alltag offenbar nicht geben kann. Der Unfall ist unvermeidlich.

Kazuhiro stirbt. Takuya fällt ins Koma. Und dann kommt Taniguchis leiser, aber wirkungsvoller Bruch mit der Realität. Nach 22 Tagen wacht Takuya auf. Doch er erkennt niemanden, spricht anders, denkt anders, lebt anders. Er besteht darauf, Kazuhiro zu sein. Als hätte sich im Moment des Aufpralls die Seele des Vaters in den Körper des Jugendlichen gerettet. Und als wäre das nicht schon tragisch genug, kündigt sich bald an, dass auch Takuyas eigenes Bewusstsein langsam zurückkehrt.

Damit legt Taniguchi den emotionalen Kern frei. Kazuhiro bekommt eine zweite Chance, aber sie ist begrenzt. Er will Dinge wiedergutmachen, die er sein Leben lang verschoben hat. Er will seiner Frau und seiner Tochter endlich sagen, was er nie gesagt hat. Er will Verantwortung übernehmen und begreifen, wie sehr ihn Überarbeitung und Pflichterfüllung von seiner Familie entfernt haben. Gleichzeitig steht Takuya vor dem Gegenteil. Er ist jung, wütend, fühlt sich von strengen Eltern nicht verstanden. Durch die erzwungene Nähe zu Kazuhirus Gedanken, Ängsten und Erinnerungen beginnt er, sein eigenes Familienbild infrage zu stellen.

Was “Bis in den Himmel” besonders macht, ist die Art, wie Taniguchi das Fantastische nicht erklärt, sondern als Werkzeug benutzt. Es geht nicht darum, wie oder warum dieser Seelentausch passiert ist. Es geht darum, was dadurch sichtbar wird. Die nicht geführten Gespräche. Die stummen Enttäuschungen. Die kleinen Entscheidungen, die sich über Jahre zu einem Abstand auftürmen, den man irgendwann nicht mehr überbrücken kann. Taniguchi seziert diese Dynamiken mit der Ruhe eines Beobachters, nie reißerisch, nie moralisierend.

Inhaltlich knüpft das deutlich an Werke wie “Vertraute Fremde” oder “Die Sicht der Dinge” an. Auch hier steht Familie im Mittelpunkt, die schmerzhafte Zärtlichkeit japanischer Zurückhaltung, das Unausgesprochene, das sich zwischen Menschen legt. Und genau hier liegt auch ein Kritikpunkt: Wer Taniguchi gut kennt, wird viele Motive wiedererkennen. Der Ansatz ist ungewöhnlicher als üblich, aber die Themen bleiben vertraut.

“Bis in den Himmel” ist nicht hektisch, nicht plotgetrieben. Taniguchi nimmt sich Zeit, dem Alltag Raum zu geben. Er zeigt Wege, Räume, Gespräche, Pausen. Und gerade dadurch entfaltet die Geschichte eine Wucht, die einem oft erst im Nachhinein bewusst wird. Während man liest, spürt man, wie sich etwas zusammenzieht, weil man ahnt, dass es kein „Happy End“ im klassischen Sinne geben kann. Kazuhiros Zeit läuft ab. Und die Frage ist nicht, ob er verschwindet, sondern ob er vorher noch das Wesentliche sagen kann.

Besonders stark ist dabei die gesellschaftliche Ebene, die hier auffällig deutlich wird. Taniguchi kritisiert die harte japanische Arbeitswelt nicht nur beiläufig, sondern macht sie zum Motor der Tragödie. Kazuhiro ist der Archetyp des überarbeiteten Angestellten, der glaubt, alles für die Familie zu tun, und dabei übersieht, dass „für die Familie“ nicht nur Geld bedeutet, sondern Präsenz, Nähe, Aufmerksamkeit. Diese Kritik wirkt trotz des ruhigen Erzählstils erstaunlich laut, weil sie so glaubwürdig und so bitter ist.

Visuell ist der Manga ein Genuss. Taniguchis Zeichnungen sind präzise, detailverliebt und zugleich zurückhaltend. Man spürt den Einfluss europäischer Comic-Kunst, die Klarheit der Linien, die ruhige Bildsprache, die den Moment atmen lässt. Gleichzeitig kann Taniguchi, wenn er will, auch dynamisch. Der Unfall am Anfang ist mit unruhigerer Panelstruktur und vielen Bewegungsstrichen inszeniert, später gibt es Sequenzen, in denen Technik, Geschwindigkeit und Körperlichkeit spürbar werden, etwa im Umfeld von Motocross.

Schreiber & Leser hat “Bis in den Himmel” in gewohnter Qualität mit hochwertigem Papier und Klappenbroschur herausgegeben.

Fazit

“Bis in den Himmel” ist ein stilles bewegendes Drama, das ein fantastisches Konzept nutzt, um über sehr reale Dinge zu sprechen. Über Familie, über Reue, über die Härte einer Arbeitswelt, die Menschen ausbrennt, und über die tragische Erkenntnis, dass man oft erst versteht, was zählt, wenn man es schon fast verloren hat.

Wer Taniguchi liebt, findet hier genau das, was man von ihm erwartet.

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