Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … du dich für alternative Manga, Gekiga und die Geschichte des Mediums interessierst
- … du autobiografische, fragmentarische und experimentelle Erzählformen magst
- … du ungeschönte Porträts von Armut, Künstlerleben und emotionaler Abhängigkeit suchst
Eher nicht für dich, wenn …
- … du eine klare Handlung mit Spannung und abgeschlossenen Entwicklungen erwartest
- … du eine romantische oder inspirierende Darstellung des Künstlerlebens suchst
- … du mit sperrigen, trostlosen und bewusst unangenehmen Geschichten wenig anfangen kannst
Die Jahre in Asagaya versammelt Geschichten von Shin’ichi Abe, einem Mangaka, der eng mit dem alternativen Manga der 1970er-Jahre verbunden ist. Abe gehört zu jener Strömung, die im Umfeld von Garo, Gekiga und dem sogenannten Manga des Ichs entstand. Statt klarer Dramaturgie, großen Spannungsbögen oder leicht konsumierbarer Unterhaltung stehen bei ihm fragmentarische, autobiografisch gefärbte Momentaufnahmen im Vordergrund.
Die deutsche Ausgabe erschien bei Reprodukt. Die Übersetzung stammt von Toshiaki Kobayashi und Nora Bierich.
Wie war’s?
Die Jahre in Asagaya ist keine einfache Lektüre. Der Band unterscheidet sich deutlich von vielen vertrauten Manga-Erzählformen und verweigert sich fast allem, was man mit klassischer Unterhaltung verbindet. Es gibt keine klare Handlung, keinen großen Spannungsbogen und auch keine Figuren, die eine eindeutige Entwicklung durchlaufen. Stattdessen erzählt Shin’ichi Abe von Zuständen.
Im Mittelpunkt steht immer wieder Asagaya, ein Viertel in Tokio, das in diesen Geschichten wie ein bohemischer Raum am Rand der Gesellschaft erscheint. Junge Künstler, Trinkende, Liebende, Gescheiterte und Suchende bewegen sich durch Wohnungen, Bars und Straßen, reden über Kunst, Geldnot, Beziehungen, Sexualität und Zukunftsangst, ohne daraus zwingend eine klare Richtung zu entwickeln.
Abe erzählt nicht, um eine Handlung sauber aufzulösen. Er hält Momente fest. Müdigkeit. Leere. Begehren. Armut. Abhängigkeit. Alkohol. Und eine diffuse Form von Lebensüberdruss, die sich über viele der Geschichten legt.
Die titelgebende Geschichte stellt Miyoko in den Mittelpunkt, eine junge Frau, die den Tag in der Wohnung ihres Freundes verbringt und über ihr Leben nachdenkt. Schon hier zeigt sich, was viele der folgenden Erzählungen prägt: ein fast schwebendes Gefühl von Stillstand. Es passiert wenig im klassischen Sinn. Miyoko wartet, raucht, denkt, beobachtet und lässt die Stunden an sich vorbeiziehen.
Dennoch entsteht daraus ein präzises Bild einer jungen Frau, die in einem Leben feststeckt, das weder Sicherheit noch echte Perspektive bietet. Miyoko ist anwesend, aber zugleich entrückt. Sie ist Teil dieser Welt aus Kunst, Armut und emotionaler Unordnung, wirkt aber nie vollständig in ihr aufgehoben.
Diese Form des Erzählens zieht sich durch den gesamten Band. Viele Geschichten beginnen mitten in einer Situation und enden scheinbar zufällig. Gespräche führen oft nirgendwohin. Figuren sitzen zusammen, trinken, reden aneinander vorbei oder verlieren sich in Gedanken. Manchmal wirkt das beiläufig, manchmal erschöpfend, manchmal fast unangenehm leer.
Seine Geschichten bilden keine geordnete Erinnerung ab. Sie wirken eher wie emotionale Fragmente, wie Augenblicke, die aus einem chaotischen Leben herausgeschnitten wurden. Nicht alles wird erklärt, nicht alles bekommt Gewicht, nicht alles führt irgendwohin.
Die Jahre in Asagaya ist deshalb ein Band, bei dem man sich auf eine bestimmte Art von Offenheit einlassen muss. Abe interessiert sich nicht für eine klassische Erzählstruktur. Ihm geht es um Atmosphäre, um innere Zustände und um die Art, wie Menschen in einem prekären Alltag langsam an sich selbst und aneinander scheitern.
Gerade deshalb ist der Manga schwer zugänglich. Viele Episoden bleiben sperrig, offen und stellenweise bewusst unangenehm. Abe scheint kein Interesse daran zu haben, seine Figuren sympathisch oder leicht verständlich zu machen. Er zeigt sie in ihrer Erschöpfung, ihrer Selbstbezogenheit und ihren moralischen Abgründen.
Besonders kritisch fällt der Blick auf die männlichen Figuren aus. Viele von ihnen kreisen fast ausschließlich um sich selbst, ihre Kunst, ihre Frustration und ihre Begierden. Beziehungen erscheinen häufig instabil, lieblos oder von Machtgefällen geprägt. Frauen werden in mehreren Geschichten weniger als eigenständige Personen behandelt, sondern als Projektionsflächen, Sexualpartnerinnen oder Teil eines selbstzerstörerischen Künstlerlebens. Das ist schwer auszuhalten.
Dabei romantisiert Abe diese Haltung nicht eindeutig. Er beschönigt das Verhalten seiner männlichen Figuren kaum, entschuldigt es nicht mit Genie oder Künstlerleid und versucht auch nicht, ihre Grausamkeit mit Humor abzufedern. Gerade dadurch wirken manche Szenen so hart.
Gleichzeitig bleibt die Lektüre problematisch, weil die Perspektive oft tief in diesem männlichen Selbstmitleid verankert ist. Der Band zeigt zerstörerische Männlichkeit, Objektifizierung und sexuelle Übergriffigkeit, verlangt dem Publikum aber einiges ab, weil er diese Dinge nicht immer klar einordnet.
Einige sexuelle Darstellungen sind besonders unangenehm. Sie wirken nicht erotisch, sondern roh, trostlos und teilweise gewaltsam. Körperkontakt vermittelt in diesen Geschichten selten Nähe oder Geborgenheit. Er steht eher für Abhängigkeit, Entfremdung, Macht und Kontrollverlust.
Das macht Die Jahre in Asagaya zu einem Band, den man nicht leichtfertig empfehlen kann. Abe zeigt intime Szenen nicht als romantische oder befreiende Momente, sondern als Teil einer kaputten Lebensrealität. Diese Schonungslosigkeit ist künstlerisch konsequent, aber sie ist auch belastend.
Gleichzeitig liegt genau darin ein Teil der literarischen Bedeutung des Mangas. Abe zeigt ein Künstlerleben nicht als romantischen Traum von Freiheit. Es geht nicht um kreative Selbstverwirklichung, inspirierende Armut oder rebellische Boheme. Vielmehr zeigt der Band ein Leben aus Geldnot, Alkohol, schlechten Entscheidungen, emotionaler Verwahrlosung und kaputten Beziehungen.
Die Figuren leben außerhalb stabiler gesellschaftlicher Erwartungen. Sie entziehen sich festen Arbeitsverhältnissen, bürgerlicher Sicherheit und traditionellen Rollenbildern. Aber diese Freiheit führt nicht automatisch zu Glück. Sie führt oft nur in eine andere Form der Abhängigkeit. Traditionelle Werte greifen nicht mehr, doch die vermeintlich freie Künstlerwelt bietet ebenfalls keinen Halt. Die Figuren treiben durch ihr Leben, ohne wirklich voranzukommen.
Die autobiografische Färbung verstärkt diesen Eindruck. Die Jahre in Asagaya liest sich weniger wie Fiktion als wie eine ungeschönte Selbstentblößung. Abe öffnet Erinnerungen, ohne sie nachträglich in eine angenehme Form zu bringen. Er ordnet nicht alles moralisch, dramatisiert nicht im klassischen Sinn und bietet kaum Trost.
Miyoko nimmt innerhalb dieser Geschichten eine besondere Rolle ein. Sie ist nicht nur Partnerin, Muse oder wiederkehrende Frauenfigur, sondern oft diejenige, durch deren Blick die emotionale Leere besonders deutlich wird. Wenn Abe aus weiblicher Perspektive erzählt, entsteht mitunter mehr Empathie und Verletzlichkeit als in den stark selbstbezogenen männlichen Passagen. Dennoch bleiben auch diese Frauenfiguren häufig an ihre Beziehungen zu Männern gebunden.
Zeichnerisch ist der Band ebenso eigenwillig wie seine Erzählweise. Abes Stil schwankt zwischen genau beobachtetem Realismus, skizzenhafter Grobheit und expressiver Verformung. Manche Seiten wirken fast dokumentarisch, andere rau, unsauber und instabil. Diese Uneinheitlichkeit kann irritieren, passt aber zu den inneren Zuständen der Figuren.
Gesichter wirken müde, Körper schwer, Räume eng. Wohnungen, Straßen und Bars haben selten etwas Einladendes. Alles scheint von Rauch, Alkohol und Erschöpfung durchzogen zu sein. Abe zeichnet keine romantisierte Künstlerwelt, sondern Orte, in denen Menschen ausharren. Oft entsteht der Eindruck, dass die Figuren nicht wirklich wohnen, sondern nur vorübergehend irgendwo gestrandet sind.
Besonders auffällig ist, wie sehr die Zeichnungen den emotionalen Zustand der Figuren aufnehmen. Wenn Gespräche ins Leere laufen, wirken auch die Panels leer. Wenn Figuren innerlich zerfallen, wird der Strich unruhiger. Wenn eine Szene körperlich unangenehm wird, verliert die Darstellung jede Form von Eleganz.
Die Jahre in Asagaya funktioniert wahrscheinlich besser in kleinen Dosen. Am Stück gelesen können die wiederkehrenden Motive von Alkohol, Sex, Armut, Ziellosigkeit und emotionaler Kälte ermüden. Einzelne Geschichten entfalten mehr Wirkung, wenn man ihnen Raum gibt. Dann zeigt sich, wie genau Abe Stimmungen festhält und wie viel in scheinbar belanglosen Gesprächen steckt.
Als historisches Werk ist der Band zweifellos bedeutsam. Die Jahre in Asagaya gibt Einblick in eine Strömung des Manga, die weit entfernt von kommerziellen Erzählkonventionen arbeitete. Gekiga und alternative Manga dieser Art öffneten den Blick auf erwachsene Themen, soziale Randzonen, psychische Instabilität und autobiografische Radikalität.
Doch historische Bedeutung bedeutet nicht automatisch angenehme Lektüre. Die Jahre in Asagaya ist unbequem, stellenweise zäh und moralisch herausfordernd. Der Band macht es einem nicht leicht, ihn zu mögen. Viele Geschichten enden, ohne dass etwas gelöst wäre. Vieles bleibt schmutzig, offen und verletzend. Dennoch bleibt Die Jahre in Asagaya ein Band, der nachwirkt. Vielleicht nicht, weil man ihn gerne liest, sondern weil sich seine Atmosphäre festsetzt. Diese Müdigkeit, diese Ziellosigkeit, diese Mischung aus Begehren und Abscheu, diese kaputten Räume und kaputten Beziehungen verschwinden nicht sofort wieder aus dem Kopf.
Fazit
Insgesamt ist Die Jahre in Asagaya ein anspruchsvoller Manga für Leser*innen, die sich für alternative Manga-Geschichte, autobiografische Literatur und ungeschönte Künstlerporträts interessieren. Es ist keine Wohlfühllektüre und kein Band, der einfache Antworten bietet.
Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von Bruchstücken aus einem Leben am Rand: poetisch, hässlich, intim, verstörend und manchmal überraschend zart.
Wer sich darauf einlässt, findet keine klassische Geschichte, sondern ein Stimmungsbild einer Generation, die zwischen Nachkriegsleere, künstlerischer Sehnsucht, wirtschaftlicher Unsicherheit und persönlicher Selbstzerstörung gefangen ist.
Transparenzhinweis
Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Reprodukt zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.
Austausch
Jetzt interessiert mich deine Meinung!
Wie siehst du das? Schreib mir deine Gedanken gerne unten in die Kommentare.