[Anzeige, da Rezensionsexemplar]
RuriDragon startete ursprünglich im Juni 2022 im Weekly Shonen Jump von Shueisha. Zuvor veröffentlichte Masaoki Shindo den Titel bereits als One-Shot im Magazin Jump Giga. Aufgrund gesundheitlicher Probleme des Mangaka pausierte die Reihe einige Zeit, ehe sie im März 2024 zurückkehrte und anschließend in einem angepassten Rhythmus fortgesetzt wurde.
Die Lizenz für den deutschen Markt sicherte sich Egmont Manga, die den ersten Band im Juni 2026 veröffentlichten. Es ist der erste Titel von Masaoki Shindo auf dem hiesigen Markt.

Story&Zeichnungen: Masaoki Shindo | Originaltitel: RuriDragon | Übersetzung: Verena Maser | Genre: Slice of Life, Fantasy, Comedy | Demografische Zielgruppe: Shonen | Verlag: Egmont Manga | Preis: 8,50 € | In Japan bisher 5 Bände | Fortlaufend

Wie war’s?
RuriDragon handelt von Ruri Aoki, einem eigentlich ganz normalen Teenager-Mädchen, das eines Morgens aufwacht und feststellt, dass ihr über Nacht zwei Hörner gewachsen sind. Was für Ruri natürlich ein Schock ist, nimmt ihre Mutter erstaunlich gelassen hin. Sie erklärt ihrer Tochter nämlich ziemlich beiläufig, dass Ruris Vater ein Drache ist und sie selbst daher wohl zur Hälfte Mensch und zur Hälfte Drache sein muss.
Diese Erklärung kommt so plötzlich und so trocken, dass sie zunächst gut funktioniert. Der Humor entsteht aus dem Kontrast zwischen der absurden Situation und der sehr alltäglichen Reaktion der Mutter. Ruri hat Hörner, erfährt nebenbei, dass ihr Vater ein Drache ist, und soll trotzdem erst einmal zur Schule gehen.
Das ist im ersten Moment charmant, weil der Manga gar nicht versucht, die Prämisse unnötig dramatisch aufzublasen. RuriDragon ist keine Fantasy-Abenteuerreihe und auch keine Geschichte über geheime Organisationen, Drachenkämpfe oder eine verborgene Welt. Der Titel bleibt im Alltag. Ruri geht zur Schule, trifft ihre Mitschüler*innen und muss irgendwie damit klarkommen, dass jeder ihre Hörner sehen kann.
Im Kern ist RuriDragon ein School-Slice-of-Life-Manga mit einem fantastischen Twist. Das ist auch die große Stärke des Titels, gleichzeitig aber auch seine größte Schwäche.
Denn die Idee ist eigentlich stark. Ein Mädchen in der Pubertät wacht auf und ihr Körper hat sich über Nacht sichtbar verändert. Sie versteht nicht, was mit ihr passiert, und kann es nicht verbergen. Jeder sieht es. Jeder kann darauf reagieren. Sie ist plötzlich anders, ohne selbst entschieden zu haben, anders sein zu wollen.
Das lässt sich sehr leicht als Metapher für das Erwachsenwerden lesen. Der Körper verändert sich, man fühlt sich fremd in der eigenen Haut, andere Menschen schauen genauer hin und man selbst weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Gerade in der Jugend kann bereits eine kleine Auffälligkeit reichen, um zum Gesprächsthema zu werden.
RuriDragon entscheidet sich allerdings für einen sehr sanften Umgang mit diesem Thema. Ruris Mitschüler*innen sind neugierig, überrascht und manchmal etwas distanziert, aber der große Konflikt bleibt aus. Es gibt keine wirkliche Ausgrenzung, keinen ernsten Spott und keine starke Ablehnung. Die meisten nehmen Ruris neue Hörner erstaunlich schnell hin.
Das kann man als wohltuenden Gegenentwurf lesen. Nicht jede Geschichte über Anderssein muss zwangsläufig eine Geschichte über Mobbing sein. Nicht jede sichtbare Abweichung von der Norm muss zu Grausamkeit führen. RuriDragon zeigt eine Welt, in der Menschen auf Unterschiede nicht sofort mit Härte reagieren. Und ja, das ist durchaus angenehm. Gleichzeitig wirkt es aber auch etwas zu glatt.
Ruri hat nicht einfach nur eine ungewöhnliche Frisur oder ein neues Accessoire. Ihr sind Hörner gewachsen. Wenig später spuckt sie Feuer. Ihre Mutter erklärt ihr, dass ihr Vater ein Drache ist. Trotzdem läuft der Alltag mit erstaunlich wenig Reibung weiter. Gerade in einer Schulumgebung, in der Jugendliche bekanntlich nicht immer zimperlich miteinander umgehen, ist das fast schon zu freundlich.
Der Manga macht es sich hier ein wenig bequem. Die Ausgangslage hätte viel Raum geboten, um über Unsicherheit, Scham, soziale Dynamiken und den Druck innerhalb einer Schulklasse zu erzählen. Ansätze davon sind vorhanden, doch sie bleiben im ersten Band eher oberflächlich. Ruri ist verunsichert, aber nie so stark, dass der Manga wirklich unangenehm wird. Ihre Mitschülerinnen sind neugierig, aber selten verletzend. Die Lehrerinnen reagieren ebenfalls vergleichsweise kontrolliert.
Dadurch bleibt RuriDragon sehr zugänglich, verliert aber auch an Tiefe.
Ruri selbst ist dennoch eine sympathische Protagonistin. Sie ist zurückhaltend, etwas unbeholfen und sozial nicht unbedingt die sicherste Person. Sie ist keine überzeichnete Shonen-Heldin, die ihre neue Besonderheit sofort annimmt und daraus eine große Mission macht.
Ihre trockenen Reaktionen gehören zu den besten Momenten des Bandes. Ruri nimmt die Dinge nicht völlig gelassen hin, aber sie verfällt auch nicht in große Hysterie. Sie wirkt oft müde, irritiert und überfordert. Das passt gut zu einer Geschichte, die das Absurde nicht durch große Pointen erzählt, sondern durch beiläufige Situationen.
RuriDragon zeigt die Drachenseite nicht als reines Power-up. Ruri wird nicht stärker, mutiger oder selbstbewusster, nur weil sie plötzlich halb Drache ist. Sie bleibt Ruri. Die Hörner verändern nicht ihre Persönlichkeit, sondern die Art, wie andere sie wahrnehmen und wie sie selbst auf ihren Körper schaut.
Trotzdem hätte der Manga diese Idee noch konsequenter ausarbeiten können. Das merkt man auch an der Mutter. Sie ist eine der unterhaltsamsten Figuren des Bandes, weil sie die absurdesten Dinge mit einer unglaublichen Ruhe behandelt. Dass ihre Tochter Hörner bekommen hat, ist für sie kein Grund zur Panik. Dass der Vater ein Drache ist, hätte sie Ruri vielleicht irgendwann sagen können, aber nun ist es eben passiert.
Diese Gelassenheit ist witzig, aber sie macht die Figur auch ein wenig fragwürdig. Ruris Mutter wusste offenbar deutlich mehr, als sie ihrer Tochter erzählt hat. Sie kennt Ruris Herkunft, scheint Kontakt zum Vater aufnehmen zu können und trifft gewisse Vorbereitungen, ohne Ruri vollständig einzuweihen.
Das kann man als liebevollen Schutz lesen, aber auch als ziemlich problematisch. Ihre Mutter hat den Moment der Aufklärung nicht vorbereitet, sondern die Sache so lange verschwiegen, bis sie nicht mehr zu verbergen war.
Der Manga behandelt das bisher eher als Running Gag oder als Teil des lockeren Tons. Hier hätte aber deutlich mehr Spannung liegen können. Was bedeutet es für Ruri, dass ihre Mutter ihr einen so wichtigen Teil ihrer Identität verschwiegen hat? Wie sehr kann sie ihr vertrauen? Und warum hat sie nie etwas über ihren Vater erfahren?
Diese Fragen werden im ersten Band zwar angerissen, aber noch nicht wirklich verfolgt. Das ist einer der Punkte, an denen RuriDragon Potenzial liegen lässt. Der Titel ist sehr gut darin, kleine Alltagsszenen sympathisch zu erzählen, weicht stärkeren Konflikten aber noch aus. Auch der Vater bleibt zunächst eine Leerstelle.
Stattdessen konzentriert sich der Manga auf die Schule und Ruris Umgang mit ihren Mitschüler*innen. Gerade diese Normalität ist eine Stärke. RuriDragon hat ein gutes Gespür für kleine soziale Situationen. Wer fragt nach? Wer schaut nur? Wer bleibt auf Abstand? Wer versucht, Ruri weiterhin ganz normal zu behandeln? Daraus entstehen viele leise, charmante Szenen.
Gleichzeitig bleibt der Cast im ersten Band noch eher funktional. Viele Mitschüler*innen sind sympathisch, aber noch nicht besonders tief ausgearbeitet. Sie tragen zur Atmosphäre bei, doch nur wenige haben bereits ein klares eigenes Profil. Der Manga lebt bisher sehr stark von Ruri selbst.
Das ist kein grundsätzliches Problem, aber es verstärkt den Eindruck, dass der erste Band mehr ein angenehmer Auftakt. Es gibt viele Dinge, die funktionieren, aber wenig, das bereits nachhaltig hängen bleibt.
RuriDragon ist am besten, wenn der Manga den Widerspruch zwischen Drachenelementen und Alltagsbanalität ausspielt. Diese Nüchternheit ist sympathisch. Sie sorgt dafür, dass RuriDragon nicht wie die nächste generische Fantasyreihe wirkt. Der Manga ist ruhig, unaufgeregt und bewusst klein erzählt. Aber genau diese Ruhe kann auch dazu führen, dass sich der Band etwas belanglos anfühlt.
Bezüglich der Zeichnungen setzt Masaoki Shindo auf einen klaren, lockeren Stil. Die Hintergründe sind eher schlicht gehalten, erfüllen aber ihren Zweck und verankern die Handlung im Schulalltag. Der Fokus liegt deutlich auf den Figuren, ihren Bewegungen und vor allem ihren Gesichtsausdrücken. Gerade Ruris Mimik ist eine der größten Stärken des Bandes. Ihre müden, genervten, überforderten und irritierten Blicke tragen viel zum Humor bei. Shindo versteht es, Ruris Persönlichkeit über kleine Ausdrücke und Körperhaltungen zu vermitteln. Man merkt ihr häufig an, dass sie mit der Situation eigentlich nichts anfangen kann, aber trotzdem weitermachen muss.
Fazit
Insgesamt ist RuriDragon ein angenehmer, moderner Slice-of-Life-Manga mit einer sehr guten Grundidee, der im ersten Band jedoch noch hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.
Ruri ist eine sympathische Hauptfigur, die Drachenelemente sorgen für unterhaltsame Momente und die ruhige Schulatmosphäre macht den Titel leicht zugänglich. Der Manga hat Herz, Humor und eine warme Grundstimmung. Gleichzeitig ist der erste Band für mich etwas zu brav. Die Reaktionen auf Ruris Anderssein sind fast durchgehend freundlich oder zumindest harmlos. Die gesellschaftliche Dimension ihrer Veränderung bleibt oberflächlich.
RuriDragon ist damit kein schlechter Auftakt. Im Gegenteil, der Band liest sich angenehm und hat einen klaren eigenen Ton. Aber er ist weniger stark, als seine Prämisse sein könnte. Aus einem Mädchen, das plötzlich halb Drache ist, macht Masaoki Shindo keinen großen Konflikt, sondern einen sehr sanften Alltagstitel. Wer einen entspannten Wohlfühlmanga mit einer liebenswerten Protagonistin lesen möchte, wird hier wahrscheinlich gut unterhalten. Wer jedoch erwartet, dass die Reihe ihre Themen bereits im ersten Band tiefer auslotet, könnte enttäuscht sein.
Der erste Band macht Lust auf mehr, weil Ruri als Figur funktioniert und die Grundidee viel Potenzial besitzt. Gleichzeitig muss die Reihe in den kommenden Bänden zeigen, dass sie mehr kann, als ihre ungewöhnliche Prämisse nur nett in den Schulalltag einzubetten.

Bei diesem Manga handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Egmont Manga zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!



