Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … Du magst schwarzen Humor, bei dem man manches Mal nicht weiß, ob man überhaupt lachen darf.
- … Moralisch fragwürdige und ziemlich kaputte Figuren sind für dich kein Hindernis.
- … Du hast Spaß an Gangsterfilmen, Noir-Geschichten und schrägen Kriminalkomödien.
- … Eine ungewöhnliche Found Family darf ruhig aus Auftragskillern bestehen.
- … Du suchst eine kurze, clever aufgebaute Geschichte mit einem abgeschlossenen Handlungsbogen.
Eher nicht für dich, wenn …
- … Gewalt und blutige Szenen verderben dir schnell den Lesespaß.
- … Du möchtest mit den Hauptfiguren moralisch vollständig übereinstimmen können.
- … Schwarzer und teilweise recht makabrer Humor ist nicht dein Fall.
- … Du bevorzugst einen detailreichen, klassischen Manga-Zeichenstil.
- … Kleine Schrift und eng gesetzte Sprechblasen strengen dich beim Lesen stark an
Eine Selbsthilfegruppe für arbeitslose Auftragskiller. Schon bei dieser Ausgangsidee war für mich eigentlich klar: Entweder wird das herrlich bescheuert oder der Witz nutzt sich nach wenigen Kapiteln ab. Zum Glück hatte Rio ein bisschen mehr mit seinen Figuren vor. Sehr viel mehr sogar.
Unemployed Killers Support Group stammt von Rio aus Taiwan und gehört damit zu den sogenannten T-Comics. Die Reihe erschien ursprünglich im Umfeld der Creative Comic Collection und wurde 2023 für die taiwanische Auswahl des Comicfestivals von Angoulême berücksichtigt.
Worum geht es?
Locker Loyed war einmal ein erfolgreicher Scharfschütze. Dann wird er bei einem Auftrag von hinten niedergeschlagen und sein Sehvermögen verschlechtert sich immer weiter. Ein fast blinder Scharfschütze ist für seinen Arbeitgeber verständlicherweise nicht besonders nützlich. Selbst für die Behindertenquote kann man Locker nicht mehr gebrauchen, denn die ist bereits erfüllt. Also wird er entlassen.
Immerhin drückt ihm sein ehemaliger Chef noch einen Flyer für eine Selbsthilfegruppe in die Hand. Service muss schließlich sein.
Dort trifft Locker auf drei weitere gescheiterte Existenzen. Gloria Maze verlor ihren Job, nachdem sie während eines Auftrags ausgerechnet ihren untreuen Ehemann erwischte und vor lauter Wut die falsche Person erschoss. Jerry Cole arbeitete ursprünglich als Anwalt. Weil ihm das Rechtssystem nicht gerecht genug war, begann er irgendwann damit, Urteile selbst zu vollstrecken. Das lief eine Weile ganz gut, bis Jerry feststellen musste, dass ihm das Töten vielleicht ein wenig zu viel Spaß macht.
Und dann wäre da noch Jordi Joe. Jordi ist ein notorischer Lügner und Betrüger, der lediglich behauptet, ein Auftragskiller zu sein. Dummerweise geht er zunächst davon aus, dass die anderen Mitglieder ebenfalls nur so tun. Bis er versteht, dass er tatsächlich zwischen mehreren professionellen Killern sitzt, dauert es ein wenig.
Anfangs erzählen sich die vier vor allem ihre jeweiligen Leidensgeschichten. Doch Locker hat seine Vergangenheit längst nicht abgeschlossen. Der Mann, der für seine Erblindung und den Tod eines Freundes verantwortlich ist, lebt noch. Locker möchte das ändern.
Wie war’s?
Schon Lockers Entlassung gibt den Ton des Comics ziemlich gut vor. Sein Chef bedauert zwar, einen fähigen Mitarbeiter zu verlieren, kann mit einem fast blinden Scharfschützen aber nun einmal nichts anfangen. Und weil Locker nicht einmal mehr für die Behindertenquote gebraucht wird, muss er gehen. Das ist gemein, vollkommen absurd und wird mit einer solchen Selbstverständlichkeit vorgetragen, dass ich trotzdem lachen musste.
Bei Gloria sieht es ähnlich aus. Ihre Geschichte ist eigentlich ziemlich bitter. Sie entdeckt während eines Auftrags, dass ihr Mann sie betrügt, verliert die Kontrolle und anschließend auch ihren Job. In der Gruppe wird das Ganze allerdings beinahe wie ein kleiner Betriebsunfall besprochen. Locker gibt ihr daraufhin einen sehr endgültigen Ratschlag. Ob er damit alles nur schlimmer macht oder tatsächlich hilft, ist bei diesen Figuren gar nicht so leicht zu sagen.
Genau bei solchen Szenen hat der schwarze Humor für mich am besten funktioniert. Rio reiht nicht einfach möglichst brutale Witze aneinander. Vieles entsteht daraus, dass die Figuren ihre beruflichen Erfahrungen auf ganz gewöhnliche Probleme übertragen. Andere Menschen würden sich trennen, ein schwieriges Gespräch führen oder vielleicht einen Anwalt einschalten. Diese Gruppe kennt andere Lösungen. Sehr endgültige Lösungen.
Natürlich sind Locker, Gloria und Jerry keine heimlich guten Menschen, die einfach nur missverstanden wurden. Jerry tötet gern, Gloria handelt erschreckend impulsiv und Locker ist jederzeit bereit, wieder zur Waffe zu greifen. Der Comic versucht auch nicht, das schönzureden. Trotzdem mochte ich die Gruppe erstaunlich schnell.
Praktische Hilfe bekommt bei den Treffen übrigens kaum jemand. Meist schaffen es die Mitglieder eher, die Probleme der anderen noch etwas größer zu machen. Aber sie hören einander zu. Dort kann jeder zugeben, wie sehr das eigene Leben aus den Fugen geraten ist, ohne so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Irgendwie entsteht daraus tatsächlich Freundschaft. Damit hatte ich bei einer Geschichte über arbeitslose Auftragskiller nun wirklich nicht gerechnet.
Besonders Jordi bringt noch einmal eine andere Dynamik in die Gruppe. Er ist der einzige Teilnehmer, der gar kein echter Killer ist. Anfangs wirkt er lediglich wie ein Hochstapler, der versehentlich bei der falschen Selbsthilfegruppe gelandet ist. Gleichzeitig kümmert er sich um seine Mutter und versucht, sich mit seinen Betrügereien durchs Leben zu schlagen. Dass ausgerechnet der ungefährlichste Mann im Raum am stärksten so tut, als hätte er alles unter Kontrolle, passt wunderbar.
Nicht nur einzelne Gruppensitzungen
In den ersten Kapiteln stellt Rio die Mitglieder nacheinander vor. Locker besucht ein Treffen, jemand erzählt von seinem Absturz und meistens endet die Geschichte mit einer möglichst makabren Pointe. Das hätte durchaus eine Weile funktionieren können. Ich hätte vermutlich auch gegen ein paar weitere absurde Gruppensitzungen nichts einzuwenden gehabt.
Nach und nach greifen die einzelnen Geschichten jedoch ineinander. Kleine Bemerkungen werden plötzlich wichtig, Verbindungen zwischen den Figuren kommen ans Licht und Lockers Vergangenheit rückt immer stärker in den Mittelpunkt. Die Rückblenden verlangen stellenweise etwas Aufmerksamkeit, weil Rio schnell zwischen verschiedenen Zeiten und Blickwinkeln wechselt. Ich musste jedenfalls gelegentlich noch einmal zurückblättern. Am Ende passen die zuvor gelegten Teile aber erstaunlich sauber zusammen.
In der zweiten Hälfte wird der Humor etwas zurückgenommen. Stattdessen bekommen Action, Verrat und Lockers Rache mehr Platz. Diesen Wechsel fand ich gelungen. Ohne die ernstere Handlung wäre Locker vermutlich nur der nächste schräge Teilnehmer geblieben, der bei den Treffen seine brutalen Anekdoten erzählt. So bekommt seine Geschichte deutlich mehr Gewicht.
Überhaupt steckt in dem Band recht viel Handlung. Jedes Mitglied bringt ein eigenes Problem mit und trotzdem wirkt die Geschichte nicht überladen. Rio verliert Lockers Rache nicht aus den Augen und steuert ziemlich zielstrebig auf das Finale zu. Manche Entwicklungen lassen sich erahnen, andere Verbindungen haben mich überrascht. Vor allem hatte ich nie das Gefühl, dass eine Figur nur deshalb zur Gruppe gehört, weil noch eine bestimmte Sorte Killer gefehlt hat.
Gut, Jordi ist überhaupt kein Killer. Aber ihr wisst, was ich meine.
Zeichenstil
Optisch erinnert mich Unemployed Killers Support Group eher an einen schmutzigen Gangsterfilm als an einen klassischen Manga. Rio zeichnet in Schwarz-Weiß, hält viele Hintergründe recht einfach und konzentriert sich auf die Gesichter, die Körperhaltung der Figuren und schnelle Wechsel zwischen den Szenen. Auch die westlich wirkende Großstadt, die Kleidung und verschiedene Anspielungen verstärken diesen Eindruck.
Der Zeichenstil ist kantig und stellenweise fast cartoonhaft. Das passt erstaunlich gut zu den Gewaltszenen. In einem Panel wirkt die Situation noch beinahe harmlos und im nächsten liegt jemand erschossen auf dem Boden. Rio braucht dafür keine lange Vorbereitung. Manches passiert so plötzlich, dass ich allein über den Schnitt lachen musste. Vermutlich sollte man darüber nicht lachen. Aber hey.
Auch die Action lässt sich gut verfolgen. Es gibt keine endlosen Schießereien und keine Seiten voller Bewegungslinien. Oft reichen wenige Bilder, um Gefahr und Tempo zu vermitteln. Der Comic liest sich dadurch recht schnell, ohne dass die Handlung gehetzt wirkt.
Die englische Ausgabe
Titan Manga veröffentlicht den Band als Softcover in westlicher Leserichtung. Die Gestaltung greift den Noir-Charakter der Geschichte schön auf und insgesamt macht die Ausgabe durchaus etwas her.
Mit der Schrift war ich allerdings nicht ganz glücklich. Sie fällt häufig sehr klein aus und sitzt in engen Sprechblasen. Gerade auf Seiten mit längeren Gesprächen kann das anstrengend werden. Da ein großer Teil des Humors über die Dialoge und die kleinen Reaktionen der Figuren funktioniert, ist das leider kein unwichtiger Punkt. Ein wenig mehr Platz hätte der englischen Ausgabe auf jeden Fall gutgetan.
Fazit
Unemployed Killers Support Group war für mich eine angenehme Überraschung. Die herrlich bescheuerte Ausgangsidee funktioniert, aber Rio verlässt sich nicht allein darauf. Aus den einzelnen Gruppensitzungen entwickelt sich eine clever aufgebaute Rachegeschichte mit Figuren, die ziemlich schreckliche Dinge getan haben und mir trotzdem ans Herz gewachsen sind.
Der Comic ist blutig, zynisch und manchmal ausgesprochen geschmacklos. Trotzdem besitzt die Freundschaft innerhalb der Gruppe etwas erstaunlich Warmes. Diese Menschen können ihre Probleme nicht lösen, ohne dabei vermutlich ein paar neue Leichen zu produzieren. Aber sie müssen den schlimmsten Tag ihres Lebens wenigstens nicht mehr allein mit sich herumtragen.
Sicherlich nicht für jeden geeignet. Wenn ihr jedoch schwarze Kriminalkomödien, kaputte Found Families und moralisch äußerst bedenkliche Hauptfiguren mögt, solltet ihr euch diesen T-Comic ruhig einmal ansehen. Ich hatte jedenfalls deutlich mehr Spaß mit dieser Selbsthilfegruppe, als vermutlich angemessen wäre.
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