Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

DieLegendedesHakutaku Manga

Die Legende des Hakutaku

[Anzeige, da Rezensionsexemplar]

Mit “Die Legende des Hakutaku” legt die in Barcelona geborene Künstlerin Alba Cardona ihr Debüt als vollständige Autorin und Zeichnerin im Manga-Bereich vor. Cardona ist auf dem spanischen Markt aber längst keine Unbekannte mehr: Als Illustratorin und Coloristin hat sie bereits an internationalen Comicprojekten mitgewirkt, unter anderem an Mean Girls: Senior Year und der Adaption von The Invisible Girl. Mit diesem Band wagt sie nun den Schritt zur alleinverantwortlichen Erzählerin.

“Die Legende des Hakutaku” ist in Deutschland Teil des ersten Programms des neuen Manga-Imprints des Splitter-Verlags, das sich auch auf sogenannte Euro-Manga spezialisiert, also auf Manga im europäischen Stil, die sich in ihrer Aufmachung an japanischen Vorbildern orientieren, jedoch von europäischen Künstlerinnen und Künstlern stammen.

In Spanien erschien “La leyenda de Hakutaku”, die der Comic im Original heißt, im November 2024.

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Text & Zeichnungen: Alba Cardona| Originaltitel: La leyenda de Hakutaku | Übersetzung: Anne Bergen | Genre: Slice of Life, Fantasy | Verlag: Splitter Manga+ | Preis: 12,00€ | mehr Informationen auf der Verlagsseite

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Wie war’s?

Im verschneiten, abgelegenen Dorf Utabe, das tief in den japanischen Bergen liegt, erzählt man sich seit Generationen die Legende von einer Kreatur namens Hakutaku. Dieser gilt als düsteres Omen, dessen Erscheinen stets mit nahendem Unheil und Katastrophen in Verbindung gebracht wird. Vor dieser geheimnisvollen Kulisse lebt Yuki, ein dreizehnjähriges Mädchen mit einer besonderen Herausforderung: Sie ist taub. Nach dem Tod ihrer Großmutter, der bisherigen Anführerin des Dorfes, soll sie in deren Fußstapfen treten und zur neuen Dorfvorsteherin ernannt werden.

Doch Yuki zweifelt an sich selbst. Ihre Hörbehinderung isoliert sie nicht nur im Alltag, sondern wird von vielen im Dorf auch als Schwäche wahrgenommen. Lediglich durch Lippenlesen und ein von ihr selbst entwickeltes Gebärdensystem ist sie in der Lage, mit ausgewählten Menschen zu kommunizieren. Dennoch träumt Yuki davon, eines Tages die gleiche Stärke und Anerkennung zu besitzen wie ihre Großmutter.

Im Rahmen eines traditionellen Festes, das dem Schutz vor bösen Geistern dient, kommt es zu einem Streit mit ihrem Kindheitsfreund Dai. Aus Wut verlässt Yuki die Feierlichkeiten und läuft in den verschneiten Wald hinaus, wo sie auf einen geheimnisvollen Jungen trifft. Er besitzt drachenartige Augen und kleine Hörner – Merkmale, die ihn auf beunruhigende Weise mit der Legende des Hakutaku in Verbindung bringen. Dieses zufällige Zusammentreffen ist der Ausgangspunkt für eine tiefgreifende Veränderung, nicht nur in Yukis Leben, sondern auch im Schicksal des gesamten Dorfes.

Die Figur des Hakutaku entstammt der chinesisch-japanischen Folklore und ist eine vielschichtige Wahl. Während das Wesen ursprünglich als wohlwollender Ratgeber mit übernatürlichem Wissen gilt, präsentiert die Geschichte ihn zunächst als düstere Bedrohung. Im Verlauf des Mangas wird jedoch deutlich, dass das vermeintlich Böse oft nur eine Projektionsfläche menschlicher Ängste ist. Dieser Perspektivwechsel ist ein interessanter Ansatz, der allerdings nur angedeutet bleibt.

Hier offenbart sich aus meiner Sicht zugleich die größte Schwäche des Werkes. Als Einzelband hat der Manga kaum Raum, um Charakterentwicklung, Weltenbau oder mythologische Tiefe überzeugend auszuspielen. Die Handlung folgt einem klaren, einfachen Schema. Eine Außenseiterin trifft auf ein missverstandenes Wesen, gemeinsam überwinden sie ein Problem. Überraschungen bleiben weitgehend aus. Konflikte lösen sich rasch auf, und innere Entwicklungen geschehen mitunter innerhalb weniger Seiten. Viele Nebenfiguren wirken blass und lassen kaum emotionale Bindung zu.

Auch Yukis innere Reise, ihre Unsicherheit im Umgang mit ihrer Rolle und das schwierige Verhältnis zur Gemeinschaft hätten berührende Momente bieten können. Doch die Kürze des Bandes lässt diese Aspekte unausgereift erscheinen. Die Beziehung zu dem sogenannten Dämonenjungen, die emotionales Zentrum der Geschichte sein könnte, wird nur angerissen und bleibt dadurch in ihrer Wirkung begrenzt.

In einem Medium wie dem Manga, das sich besonders durch seine visuelle Erzählkraft auszeichnet, hätte man zudem erwartet, dass Gefühle, Konflikte und Stimmungen stärker durch Bilder vermittelt werden. Stattdessen erklärt die Geschichte vieles in Form von inneren Monologen und Texteinblendungen. Diese Erzählweise wirkt stellenweise überladen und nimmt der Handlung emotionale Tiefe. Gerade bei einer stummen Protagonistin wäre es reizvoll gewesen, Mimik, Körpersprache und visuelle Symbolik gezielter einzusetzen, um dem Leser Zugang zu ihrer Gefühlswelt zu ermöglichen.

Trotz dieser erzählerischen Schwächen bleibt der Manga in einem Punkt stark: seiner sozialen und inklusiven Botschaft. Yuki ist keine bloße Stellvertreterin für ein Thema, sondern eine glaubhaft gezeichnete Figur mit Ängsten, Träumen und einer Realität, die sie täglich bewältigen muss. Ihre Gehörlosigkeit prägt nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihre Selbstwahrnehmung und ihre Beziehungen zur Umwelt. Diese Darstellung gelingt einfühlsam und respektvoll.

Der Manga zeigt eindrücklich, wie sehr Kommunikationsbarrieren zur sozialen Ausgrenzung führen können, und verdeutlicht die Bedeutung von Offenheit, Gebärdensprache und gegenseitigem Verständnis. Besonders für ein junges Publikum können Yukis Erfahrungen einen wichtigen Impuls geben, über Diversität, Empathie und Akzeptanz nachzudenken. Für diese Lesergruppe kann es sogar ein Vorteil sein, dass die Geschichte in einem Band abgeschlossen ist. So wird auf anschauliche Weise eine vollständige Erzählung vermittelt, die sich gut eignet, um über Inklusion zu sprechen.

Gestalterisch überzeugt “Die Legende des Hakutaku” ebenfalls. Alba Cardonas Zeichnungen sind feinfühlig, atmosphärisch und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Die winterliche Berglandschaft, das Design der Figuren – insbesondere des Hakutaku – und die Mimik der Charaktere tragen viel zur emotionalen Wirkung der Geschichte bei. Der Band beginnt mit einigen Farbseiten, die visuell hervorstechen, bevor der Rest in klassischem Schwarz-Weiß gestaltet ist. Am Ende des Mangas finden sich Skizzen und eine kurze Erläuterung zur historischen Legende des Hakutaku, was besonders für Leserinnen und Leser mit Interesse an Mythologie ein gelungenes Extra darstellt.

Von Splitter wird der Band im handelsüblichen Taschenbuchformat des Verlags herausgebracht. 

Fazit

“Die Legende des Hakutaku” ist ein Manga mit großem Herzen, einer wichtigen Botschaft und viel gestalterischem Feingefühl, aber auch mit einer Handlung, die sich zu sehr auf Konventionen verlässt und unter der Begrenzung eines Einzelbands leidet. Das Werk eignet sich gut als Einstiegslektüre für ein jüngeres Publikum, das erste Berührungspunkte mit Themen wie Behinderung, Selbstakzeptanz und Vorurteile sucht. Wer jedoch eine tiefgreifende, überraschende oder vielschichtige Geschichte erwartet, der könnte hier enttäuscht zurückbleiben.

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Bei diesem Manga handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Splitter zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!

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