Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … du absurde Schulkomödien mit übertriebenen Reaktionen magst
- … du Humor durch Fremdscham, Missverständnisse und merkwürdige Pläne unterhaltsam findest
- … du ungewöhnliche, sozial unbeholfene Hauptfiguren schätzt
- … dir eine chaotische Mädchenfreundschaft wichtiger ist als eine klassische Romanze
Eher nicht für dich, wenn …
- … du eine deutliche romantische Entwicklung mit dem Schwarm erwartest
- … dir wiederkehrende Kapitelstrukturen schnell eintönig werden
- … du mit Fremdscham und kindlichem Körperhumor wenig anfangen kannst
- … du einen abwechslungsreichen Handlungsbogen mit sichtbaren Fortschritten suchst
Kirio Fanclub erschien von Juni 2022 bis August 2024 auf der Onlineplattform Comic Ruelle des Verlags Jitsugyo no Nihon Sha. Die Reihe von Chikyū no Osakana Pon-chan ist mit insgesamt sechs Bänden abgeschlossen. Neben dem Manga entstanden inzwischen auch eine Realverfilmung und eine Anime-Adaption.
Wie war’s?
Im Mittelpunkt von Kirio Fanclub stehen die beiden Oberschülerinnen Aimi Miyoshi und Nami Sometani. Auf den ersten Blick haben sie nicht besonders viel gemeinsam. Aimi ist eher eine Einzelgängerin, leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen und trägt ihre Gefühle ziemlich offen vor sich her. Nami wirkt dagegen ruhiger, freundlicher und kontrollierter, besitzt aber gleichzeitig eine leicht gemeine Ader und provoziert Aimi nur zu gerne. Verbunden werden die beiden durch ihre Gefühle für denselben Jungen: Kirio.
Gemeinsam haben sie einen geheimen Fanclub gegründet, der allerdings ausschließlich aus ihnen selbst besteht. Dort sprechen sie über Kirio, beobachten ihn aus der Entfernung und überlegen, wie eine Beziehung mit ihm aussehen könnte. Mit Kirio selbst haben sie dagegen kaum Kontakt. Eigentlich kennen sie ihn fast gar nicht.
Genau darin liegt die zentrale Idee des Mangas. Aimi und Nami schwärmen weniger für den tatsächlichen Kirio als für die Vorstellung, die sie sich von ihm gemacht haben. In ihren Augen ist er praktisch vollkommen, obwohl alles darauf hindeutet, dass er ein ziemlich durchschnittlicher Schüler ist.
Er spielt Fußball, allerdings nicht unbedingt herausragend, ist eher ruhig und scheint ansonsten keine außergewöhnlichen Fähigkeiten zu besitzen. Kirio bleibt im ersten Band bewusst im Hintergrund. Man sieht ihn gelegentlich im Klassenzimmer, auf dem Fußballplatz oder im Gespräch mit seinen Freunden, erfährt aber nur sehr wenig über ihn. Lange wird uns nicht einmal sein Gesicht richtig gezeigt.
Grundsätzlich ist das eine spannende Idee. Kirio ist weniger eine richtige Figur als eine Projektionsfläche für die Fantasien der beiden Mädchen. Da die Leserschaft genauso wenig über ihn weiß wie Aimi und Nami, wird deutlich, wie stark ihre Schwärmerei auf Wunschvorstellungen beruht.
Jedes Kapitel dreht sich um eine neue Situation, in der die beiden versuchen, Kirio näherzukommen oder zu beweisen, dass ihre Gefühle stärker sind. Mal streiten sie darum, wer ihm seine vergessene Jacke zurückbringen darf. Mal suchen sie einen Vorwand, um ihn im Krankenzimmer zu besuchen. Sie sprechen über Träume, beobachten ihn beim Fußball oder simulieren mögliche Gespräche und Treffen. Die Grundidee ist fast immer dieselbe: Kirio tut etwas vollkommen Alltägliches und Aimi und Nami machen daraus ein Ereignis von gewaltiger Bedeutung. Anschließend entwickeln sie einen merkwürdigen Plan und geraten in einen Wettbewerb darüber, wer ihn besser versteht oder stärker liebt.
Zu Beginn funktioniert diese Dynamik durchaus gut. Die beiden steigern sich mit einer solchen Ernsthaftigkeit in ihre Fantasien hinein, dass daraus einige wunderbar absurde Momente entstehen. Besonders dann, wenn ein ausführlich durchdachter Plan an etwas völlig Banalem scheitert, kann der Humor überzeugen. Aimi ist dabei meistens die ehrlichere und naivere Figur. Sie nimmt ihre Schwärmerei ernst und reagiert schnell emotional. Nami wirkt kontrollierter, hat aber sichtbar Freude daran, Aimi zu reizen und ihre Reaktionen zu testen. Beide sind auf ihre eigene Weise Teil des Wahnsinns. Das macht ihre Beziehung zunächst unterhaltsam, nutzt sich mit der Zeit aber leider ab.
Die Kapitel folgen immer wieder einem ähnlichen Ablauf. Kirio macht etwas Alltägliches, Aimi und Nami machen daraus eine große Sache, entwickeln einen seltsamen Plan und konkurrieren anschließend miteinander. Die Situationen verändern sich, aber die Pointen funktionieren häufig nach demselben Prinzip. Dadurch entsteht aus meiner Sicht schnell das Gefühl, dass sich der Manga kaum weiterentwickelt. Aimi und Nami sprechen nicht wirklich mit Kirio und kommen ihm auch emotional nicht näher. Ihre Schwärmerei bleibt auf Distanz, während sich die Kapitel zunehmend im Kreis drehen.
Das ist sicherlich ein bewusster Teil des Konzepts. Kirio Fanclub möchte weniger eine klassische Liebesgeschichte sein als eine Komödie über zwei Mädchen, die vollkommen in ihren eigenen Fantasien gefangen sind. Doch für eine längere Reihe bietet die Idee für mich derzeit keine Abwechslung. Irgendwann lässt sich ungefähr vorhersagen, wie ein Kapitel ablaufen wird: Aimi reagiert übertrieben, Nami provoziert sie, beide steigern sich hinein und am Ende kommt es doch zu keinem richtigen Kontakt mit Kirio. Das ist auf Dauer dann etwas dünn.
Der Humor selbst ist ohnehin Geschmackssache. Kirio Fanclub setzt stark auf Fremdscham, Übertreibungen und unerwartete Gedankengänge. Einige Ideen sind angenehm merkwürdig und gerade deshalb lustig, andere wirken schlicht albern. Auch der gelegentliche kindliche Körperhumor passt zwar zur Unreife der Figuren, trifft aber nicht immer. Je länger der Band dauert, desto stärker nutzt sich diese Form der Comedy ab. Wer über übertriebene Reaktionen und unangenehme Situationen lachen kann, wird hier sicherlich mehr Spaß haben. Reichen die Pointen jedoch nicht aus, fällt die dünne Handlung umso stärker auf.
Dabei ist die Freundschaft zwischen Aimi und Nami eigentlich der interessanteste Bestandteil des Mangas. Oberflächlich betrachtet sind sie Rivalinnen, die ständig darum konkurrieren, wer Kirio mehr liebt und ihm vielleicht zuerst näherkommt. Gleichzeitig sind sie aber auch die einzigen Personen, mit denen sie offen über ihre Gefühle sprechen können. Sie unterstützen einander, trösten sich in schwächeren Momenten und teilen eine sehr spezielle Form der Nähe.
Deshalb ist Kirio Fanclub weniger eine Liebesgeschichte als eine Freundschaftskomödie. Kirio ist der Anlass dafür, dass Aimi und Nami Zeit miteinander verbringen. Die eigentliche Beziehung des Mangas besteht jedoch zwischen den beiden Mädchen. Teilweise entsteht sogar der Eindruck, dass ihnen ihr gemeinsamer Fanclub wichtiger ist als eine wirkliche Beziehung mit Kirio. Würde eine von ihnen tatsächlich mit ihm zusammenkommen, wäre ihre besondere Dynamik vermutlich beendet. Sie müssten ihre Fantasien gegen die Realität eintauschen und könnten nicht mehr auf dieselbe Weise gemeinsam von ihm schwärmen. Diese Ebene ist deutlich spannender als die eigentliche Liebesrivalität, wird im ersten Band aber leider noch nicht tief genug behandelt.
Bei den Zeichnungen setzt Chikyū no Osakana Pon-chan auf einen einfachen und eher unauffälligen Stil. Die Figuren sind klar gezeichnet und besitzen eine gute Mimik, während die Hintergründe häufig schlicht bleiben. Gerade die Gesichtsausdrücke sind für den Humor wichtig. Besonders Aimi bekommt einige wunderbar wütende, verzweifelte oder irritierte Blicke spendiert, wenn Nami sie provoziert oder ein Plan nicht funktioniert.
Auch das Paneling ist übersichtlich und versteht es, kurze Pausen vor einer Pointe einzusetzen.
Von Carlsen Manga wird der Titel im handelsüblichen Taschenbuchformat des Verlags herausgegeben.
Fazit
Kirio Fanclub besitzt eine ungewöhnliche Grundidee und zwei Hauptfiguren, die in vielen anderen Manga vermutlich nur am Rand stehen würden. Aimi und Nami sind unbeholfen, merkwürdig und manchmal ziemlich peinlich. Gerade das macht sie zunächst sympathisch.
Die Umsetzung kann allerdings nur bedingt überzeugen. Die Kapitel wiederholen zu häufig dieselben Abläufe, der Humor nutzt sich schnell ab und manche Verhaltensweisen der Mädchen wirken eher unangenehm als lustig. Gleichzeitig bleibt Kirio so blass, dass ihre extreme Begeisterung kaum nachvollziehbar ist.
Wer den speziellen Humor mag und gerne zwei sozial unbeholfenen Mädchen bei immer absurderen Fantasien zusieht, kann mit dem Band durchaus Spaß haben. Wer dagegen deutlichere Entwicklungen oder mehr Abwechslung erwartet, könnte enttäuscht werden. Am Ende ist die Freundschaft zwischen Aimi und Nami viel spannender als Kirio selbst, wird aber leider unter zu vielen ähnlichen Witzen begraben.
Transparenzhinweis
Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Carlsen Manga zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.
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