Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … du abgeschlossene Welten mit seltsamen Regeln, düsteren Dorfgeheimnissen und Einflüssen aus dem japanischen Volksglauben magst.
- … du gern einer neugierigen Hauptfigur folgst, die nach und nach erkennt, dass die Antworten der Erwachsenen nicht zusammenpassen.
- … du moralisch widersprüchliche Figuren interessanter findest als eindeutige Helden und Bösewichte.
Eher nicht für dich, wenn …
- … du von einem Mystery-Manga vor allem vollkommen unerwartete Enthüllungen erwartest.
- … du schnell klare Antworten auf die Geheimnisse der Welt brauchst.
- … dir ein leicht rauer, stellenweise ungleichmäßiger Zeichenstil nicht gefällt.
- … du Themen wie Kindesopfer, Tod, Schuld und eine grausame Dorfgemeinschaft lieber vermeiden möchtest.
Über Land hatte ich vorher fast nur Lob gehört, vielleicht sogar etwas zu viel. Bei solchen Titeln werde ich schnell vorsichtig, denn wenn schon vor der ersten Seite das Wort Meisterwerk im Raum steht, kann der Manga eigentlich nur verlieren. Ganz so weit würde ich nach diesem ersten Band auch noch nicht gehen. Kazumi Yamashita hat mich mit ihrer seltsamen Welt, der unangenehmen Atmosphäre und einer Hauptfigur, die sich mit den Antworten der Erwachsenen nicht zufriedengibt, aber sehr schnell gepackt.
Der Originaltitel lautet ebenfalls Land. Die Reihe lief von März 2014 bis Juli 2020 in Kodanshas Seinen-Magazin Morning und ist mit elf Bänden abgeschlossen; 2021 erhielt sie außerdem den Großen Preis des Osamu-Tezuka-Kulturpreises. Die englische Ausgabe erscheint seit dem 9. September 2025 bei Yen Press in dicken 3-in-1-Hardcoverbänden. Stand August 2026 sind zwei davon erhältlich, Band 3 ist für den 22. September angekündigt.
Worum geht es?
Sutekichis Frau stirbt bei der Geburt von Zwillingen. Doch viel Zeit zum Trauern, bleibt dem Vater nicht. Die Dorfgemeinschaft verlangt von ihm, dass er eines der beiden Kinder, den Göttern opfert, denn Mehrlingsgeburten gelten als Unglück. Sutekichi beugte sich der Anweisung. Doch um niemals zu vergessen, was er getan hat, gibt beiden Mädchen denselben Namen und sticht sich anschließend aus Schuld die Augen aus.
Einige Jahre nach dem Opfer lebt die An, die bei ihrem Vater bleiben durfte, mit ihm und ihrer Tante Mari. Um den Ort ragen vier riesige Götterfiguren auf, jede bewacht eine Himmelsrichtung und damit einen Weg in die Berge. Was hinter diesen Bergen liegt, nennen die Bewohner nur die andere Welt. Niemand darf dorthin, nachts gilt eine strenge Ausgangssperre und mit fünfzig Jahren endet jedes Leben. Das wird nicht diskutiert, sondern als natürliche Ordnung hingenommen.
An ist neugierig, lebhaft und für diese Gemeinschaft viel zu hartnäckig. Warum muss ein Mensch ausgerechnet mit fünfzig sterben? Was befindet sich jenseits der Berge? Und sind die Götter wirklich das, wofür alle sie halten? Als ein schwarzer Milan ihr geheimnisvolle Samen bringt und in den Bergen ein wildes Mädchen auftaucht, das Sutekichi hasst, bekommt An erste Hinweise. Die machen alles allerdings erst einmal komplizierter.
Meine Meinung
Am besten gefällt mir an diesem ersten Band, wie selbstverständlich Kazumi Yamashita die grausamen Regeln des Dorfes behandelt. Niemand hält eine lange Rede über die Welt und erklärt An freundlicherweise jedes Ritual. Die Menschen gehen zu Beerdigungen, sprechen über die Götter, schicken ihre Kinder vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause und akzeptieren, dass das Leben mit 50. endet. An stellt das zunächst nicht in Frage, denn so ist sie aufgewachsen. Wenn man diese Panel liest, merkt man selbst aber natürlich schnell, dass mit diesem Dorf etwas so gar nicht stimmt.
Die vier gewaltigen Statuen sind dafür ein starkes Bild. Sie wirken wie Beschützer, stehen aber zugleich an den Ausgängen des Tals und beobachten alles. Sobald ihre Augen nachts aufleuchten, wird aus dem alten Dorf beinahe ein überwachtes Gefängnis. Hinter einfachen Holzhäusern, Feldern und vertrauten Arbeiten lauert ständig die Frage, wie viel von dieser Ordnung wirklich mit den Göttern zu tun hat und wie viel die Menschen selbst aufrechterhalten. Tiermasken verbergen die Gesichter derjenigen, die Regeln durchsetzen.
Einige Geheimnisse lassen sich recht früh erahnen. Wer das Mädchen in den Bergen ist, dürfte für viele keine große Überraschung sein, und auch über die andere Welt streut der Manga Hinweise, die nicht gerade winzig ausfallen. Mich hat das erstaunlich wenig gestört. Land lebt nicht allein von einem möglichst überraschenden Plot-Twist, sondern davon, wie An Stück für Stück merkt, dass die Erklärungen der Erwachsenen nicht zusammenpassen. Außerdem erzählt Yamashita mit ordentlich Zug. Immer wenn eine Frage halbwegs beantwortet scheint, taucht ein neues Detail, eine neue Person oder eine weitere ziemlich fragwürdige Regel auf. Durch den Umfang der US-Ausgabe kommt die Handlung schon deutlich weiter, als man es bei einem üblichen Auftaktband erwarten würde.
An trägt diese Geschichte sehr gut. Sie ist mutig, aber nicht auf jene etwas anstrengende Art, bei der eine junge Figur einfach alles besser weiß als sämtliche Erwachsenen. Sie stellt Fragen, weil sie verstehen will, und ihre Neugier zieht sie natürlich genau an die Orte, die ihr verboten wurden.
Besonders interessant finde ich ihre Beziehung zu Sutekichi. Er liebt seine Tochter und hat ihr offenbar genug Freiheit gelassen, damit sie ihren eigenen Kopf entwickeln konnte. Gleichzeitig arbeitet er für die Führung des Dorfes und war selbst an den Opferungen anderer Kinder beteiligt. Erst als er die eigene Tochter fortbringen muss, zerbricht etwas in ihm. Dass er sich daraufhin das Augenlicht nimmt, ist sicherlich drastische Strafe, aber sie macht seine Tat nicht rückgängig, und der Manga lässt diese Widersprüche stehen. Dadurch ist Sutekichi weder nur der liebevolle Vater noch einfach das Monster, als das ihn seine verstoßene Tochter sehen muss.
Auch die beiden Schwestern funktionieren nicht bloß als saubere Gegensätze. An wächst behütet auf und will hinaus, während ihre Schwester in den Bergen überlebt hat und von ihrer Wut auf den Vater bestimmt wird. Diese Wut ist leicht zu verstehen, macht sie aber unberechenbar und vor allem für sie selbst gefährlich. An wiederum kennt nur den Vater, der sie beschützt hat. Wenn die beiden Welten aufeinanderprallen, gibt es deshalb keine einfache, rührselige Wiedervereinigung. Das wäre hier auch arg bequem gewesen.
Überhaupt sind die Menschen mindestens so bedrohlich wie die Wesen, vor denen sie sich fürchten. Die Dorfbewohner befolgen nicht bloß die Regeln, viele verteidigen sie und wenden sich schnell gegen diejenigen, die nicht in das vertraute Bild passen. Selbst An steht mit ihren Zweifeln ziemlich allein da. Ihr Freund Heita beginnt erst langsam, die Dinge zu hinterfragen, die ihm sein ganzes Leben lang beigebracht wurden. Das hat mir gefallen, weil Yamashita nicht so tut, als müsse An nur eine kluge Frage stellen und schon fällt der ganzen Gemeinschaft auf, wie absurd manche Bräuche sind. So einfach geben Menschen ihre Sicherheit eben nicht auf.
Der Zeichenstil passt aus meiner Sicht gut zu dieser eigenartigen Welt, dürfte aber nicht jeden sofort abholen. Die Gesichter wirken stellenweise rau und etwas ungleichmäßig, sind dafür sehr ausdrucksstark. Besonders Ans große, wache Augen bleiben hängen. Bei den Landschaften, den Masken, den Kleidern und den riesigen Götterfiguren arbeitet Yamashita viel genauer, ohne die Seiten mit Details zu überladen. Mal sind ihre Linien fein und fast kratzig, dann öffnet sie eine Szene plötzlich über eine große, freie Komposition. Das wirkt modern und zugleich angenehm altmodisch. Mich hat es mehrfach an die Abenteuer- und Mystery-Shojo der 1990er und an die offenen Seitenkompositionen einer Moto Hagio erinnert.
Noch wichtiger ist, wie klar Yamashita erzählt. Selbst wenn An rennt, ein Milan durch die Bilder schießt oder mehrere Figuren in einer hektischen Szene zusammenkommen, verliert man nie die Orientierung. Winkel, Bildausschnitte und Seitenwechsel führen sehr sicher durch die Handlung. Die bedrohliche Stimmung muss deshalb nicht ständig mit schwarzen Flächen oder schockierenden Motiven erzwungen werden. Oft genügt eine Statue am Rand, ein maskiertes Gesicht oder ein Lichtstrahl in der Nacht. Das ist richtig gut gemacht.
Fazit
Land ist ein starker Auftakt für alle, die abgeschlossene Welten, japanischen Volksglauben, düstere Dorfgeheimnisse und eigenwillige junge Hauptfiguren mögen. Wer bei einem Mystery-Manga vor allem völlig unerwartete Enthüllungen sucht oder mit einem leicht rauen, etwas älteren Zeichenstil wenig anfangen kann, wird vermutlich nicht ganz so begeistert sein. Für mich wiegen Atmosphäre, Figuren und die sichere Erzählweise deutlich schwerer als die recht gut erkennbaren Spuren. Ich werde weiterlesen. Ohne Frage.
Austausch
Jetzt interessiert mich deine Meinung!
Wie siehst du das? Schreib mir deine Gedanken gerne unten in die Kommentare.