Familiengeschichten haben bei mir grundsätzlich einen Stein im Brett, ganz besonders dann, wenn sie Diversität selbstverständlich mitdenken. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an Our Family, Now and Forever, das mit einer queeren Familienkonstellation, einem Kleinkind und einer scheinbar warmherzigen Alltagsgeschichte wirbt.
In Japan erscheint die Reihe von Mangaka Hakase seit dem Juni 2022 unter dem Origintaltitel „Kyou mo Ashita mo, Kazoku desu.“ im Boys-Love-Magazin gateau. Derzeit ist ein Band erschienen. Auf dem US-Markt wird die Reihe durch Seven Seas veröffentlicht.
Wie war’s?
Im Zentrum stehen Naguru, ehemaliger Anführer eines Motorradgangs und heute Koch in einem traditionellen Restaurant, sowie Hirao, der als Hausmann den gemeinsamen Sohn Towa großzieht. Towa ist für sein Alter erstaunlich reif, neugierig und aufgeweckt – ein typisches Manga-Kind eben, aber dennoch sehr liebenswert umgesetzt. Die ersten Kapitel zeichnen ein beinahe idyllisches Bild: eine liebevolle, funktionierende homoparentale Familie, umgeben von verständnisvollen Freunden und Nachbarn. Diese Normalität, ohne großes Drama um das Thema LGBTQ+, ist definitiv eine der großen Stärken des Bandes.
Doch dieses harmonische Bild bekommt Risse, als Naguru von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Ein ehemaliges Gangmitglied taucht auf, Erinnerungen brechen hervor und die Geschichte beginnt zunehmend zwischen Gegenwart und Rückblenden zu springen.
Was mir wirklich gefallen hat, ist der grundsätzlich sehr sanfte, warme Ton des Mangas. Die Beziehung zwischen Naguru und Hirao wirkt innig und von echter Zuneigung getragen. Die expliziten Szenen sind selten, aber deutlich und unzenziert. Thematisch greift Hakase viele interessante Motive auf: Rückzug und Entwurzelung, Gewalt und Reue, Neuanfang, Liebe, Familie und Erlösung. Auf dem Papier klingt das stark, in der Umsetzung hapert es jedoch.
Leider leidet der Manga massiv unter seiner sprunghaften und teils verwirrenden Struktur. Die Rückblenden setzen oft abrupt ein und wirken schlecht platziert. Gerade ab der Mitte des Bandes wird es zunehmend unübersichtlich, was wann passiert ist und warum bestimmte Entwicklungen emotional überhaupt Gewicht haben sollen.
Besonders problematisch ist dabei die oberflächliche Ausarbeitung der Figuren. Während Nagurus Vergangenheit als ehemaliges Gangmitglied recht ausführlich beleuchtet wird, bleibt Hirao erschreckend blass. Über ihn erfahren wir kaum mehr als: schüchtern, verknallt auf den ersten Blick, emotional sehr abhängig. Sein kompletter Hintergrund bleibt im Dunkeln.
Hinzu kommt, dass manche Entscheidungen einfach nicht glaubwürdig aufgebaut sind. Liebe auf den ersten Blick? Ja, das kann funktionieren. Ein beinahe sofortiger Heiratsantrag nach dem ersten Treffen? Das wirkte auf mich eher unfreiwillig komisch als romantisch. Auch Nagurus innere Zerrissenheit, mit seine Herkunft aus Okinawa, sein Leben in Tokyo, sein Gefühl von Heimatlosigkeit, wird angerissen, aber nie wirklich überzeugend miteinander verknüpft.
So entsteht ein Manga, der einerseits herzerwärmend und sympathisch ist, andererseits aber erzählerisch zu viele Baustellen gleichzeitig aufmacht. Statt sich konsequent auf die Familiengeschichte zu konzentrieren, kippt der Fokus immer stärker in Richtung „Ex-Gangchef auf dem Weg zur Erlösung“. Diese Gewichtung fühlte sich für mich unglücklich an und raubte der eigentlichen Prämisse an Tiefe.
Fazit
„Our Family, Now and Forever“ ist ein Manga mit viel Herz, einer wichtigen Grundidee und einem visuell starken Auftritt. Gleichzeitig ist er aber auch unausgegoren, strukturell holprig und inhaltlich überraschend flach, wenn man genauer hinsieht. Die vielen offenen Fragen wecken zwar Neugier, hinterlassen aber auch das Gefühl, dass hier noch sehr viel nachgeholt werden muss. Ob Band zwei die erzählerischen Lücken schließt und den Figuren mehr Tiefe verleiht, bleibt abzuwarten. Ich bin vorsichtig neugierig, aber deutlich skeptischer als erhofft.
Zu empfehlen ist der Manga Fans von queeren Familiengeschichten mit viel Gefühl und erwachsenem BL-Elementen. Man sollte aber die Bereitschaft mitbringen, über narrative Schwächen hinwegzusehen.
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