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Fans von Yokai-Geschichten kommen mit der neuen Veröffentlichung von Seven Seas voll auf ihre Kosten.
“Tonari no Hyakkai Kenbunroku”, wie die Reihe im Japanischen heißt, stammt aus der Feder von Yoshiko Watanuki und erscheint seit September 2022 in der Tonari no Young Jump. Derzeit (Stand: Januar 2026) umfasst die Reihe in Japan drei Bände. In den USA ist bislang ein Band veröffentlicht worden.

Story & Zeichnungen: Yoshiko Watanuki | Originaltitel: Tonari no Hyakkai Kenbunroku| Genre: Mystery | Demografische Zielgruppe: Seinen | Verlag: Seven Seas | Aktueller Preis bei Walt’s: 12,79€ (Stand: 13.01.2026) | Der Manga bei Walt’s Comic Shop

Wie war’s?
“Tales of the Hundred Monsters Next Door” ist ein Manga, bei dem man schon nach wenigen Seiten merkt, dass er weniger über eine klassische Handlung funktioniert als über Atmosphäre, Rhythmus und eine ganz eigene Art, “Alltag” zu erzählen. Die Welt wirkt gleichzeitig modern und zeitlos, vertraut und fremd. Und genau dieses Spannungsfeld macht den Reiz aus.
Im Mittelpunkt steht Katagiri Jinpachi, ein Buchcover-Designer, dessen Leben unspektakulär verläuft. Er liebt Routine, Ordnung und die Vorhersehbarkeit seines Alltags. Aber gerade diese Normalität macht ihn zu einer idealen Projektionsfläche für das Übernatürliche, denn alles, was ihm widerfährt, steht in starkem Kontrast zu seiner nüchternen, fast schon langweiligen Existenz. Mit jeder Begegnung, jedem kleinen Vorfall wird klar, dass Jinpachi die Aufmerksamkeit einer anderen Ebene der Wirklichkeit auf sich gezogen hat. Genau dadurch wird er zur idealen Identifikationsfigur: Er stolpert gemeinsam mit den Lesenden in eine Welt, die er weder versteht noch kontrollieren kann. Seine Ehrlichkeit und seine leichte Naivität machen ihn zu einem glaubwürdigen Vermittler zwischen Leser und Yokai-Welt.
Eine Schlüsselrolle nimmt Harada Oriza ein, ein älterer Maler und Kunstprofessor, der aufgrund seiner angeblich besonders realistischen Geisterbilder den Spitznamen „Ghost Sensei“ trägt. Er bewegt sich mit einer irritierenden Leichtigkeit durch das Okkulte, sammelt seltsame Geschichten und Erscheinungen und betrachtet Jinpachis Erfahrungen eher als faszinierendes Anschauungsmaterial denn als etwas, vor dem man ihn schützen müsste. Die Beziehung zwischen den beiden ist bewusst uneindeutig. Harada hilft, erklärt, deutet an, aber nie ganz ohne Eigennutz. Jinpachi wiederum fühlt sich von ihm angezogen, sowohl intellektuell als auch emotional, bleibt dabei aber stets der Unsichere, der nicht genau weiß, wie sehr er sich auf diesen Mann verlassen kann.
Eine der großen Stärken des Mangas liegt in seiner Atmosphäre. Jede Seite wirkt durchdacht, viele Panels haben eine eigene Bildkraft, die fast für sich allein stehen könnte. Obwohl alles in Schwarzweiß gehalten ist, entsteht ein starkes Lichtgefühl. Schatten, Texturen und Kontraste erzeugen Tiefe und Atmosphäre, ohne dass der Manga je überladen wirkt. Diese visuelle Ruhe passt perfekt zu einer Geschichte, die weniger auf Handlung als auf Atmopshäre setzt.
Die Geschichte verläuft nicht strikt linear, Zusammenhänge bleiben bewusst unscharf. Ereignisse scheinen sich zu überlagern. Das kann irritierend sein, passt aber hervorragend zum Thema. Inhaltlich entfaltet sich die Geschichte aus einer sehr japanischen Vorstellung von Ayakashi heraus. Yokai, Geister und seltsame Phänomene erscheinen nicht als klar abgegrenzte Wesen aus einer anderen Welt, sondern als etwas, das aus der schmalen Lücke zwischen der realen Welt und der anderen Ebene hervortreten kann. Viele der beschriebenen Situationen greifen Gefühle auf, die fast jeder kennt: das Gefühl, in einer dunklen Seitenstraße beobachtet zu werden, eine Gestalt zu sehen, die im nächsten Moment verschwunden ist, oder eine Präsenz zu spüren, ohne sie benennen zu können. Gerade weil diese Momente so banal und alltäglich sind, wirken sie unheimlich. Das Übernatürliche ist also keine Ausnahme, sondern eine Verlängerung des Alltags.
Interessant ist, wie üppig die Essensszenen inszeniert sind. Man erwartet bei einem unheimlichen Manga nicht unbedingt “Food-Porn”, aber genau das passiert: Pizza-Toast, dick geschnittenes Butterbrot, sorgfältig gesetzte Schnitte. Diese Mahlzeiten wirken nicht wie dekoratives Beiwerk, sondern wie Anker in der Normalität. Und genau dadurch werden sie so effektiv: Zwischen zwei seltsamen Ereignissen hält man plötzlich inne und schaut einfach eine Scheibe Toast an.
Nicht alles funktioniert dabei reibungslos. Jinpachi bleibt als Figur vergleichsweise blass, zumindest im ersten Band. Er erfüllt seine Rolle als Beobachter und Verbindungsglied zur Leserperspektive gut, entwickelt aber nur wenig eigene Konturen. Wer stark charaktergetriebene Geschichten bevorzugt, könnte hier zunächst eine gewisse Distanz empfinden. Auch die nicht-lineare Struktur und die bewusste Verweigerung klarer Antworten können anstrengend sein, wenn man eine lineare Handlung sucht.
Von Seven Seas wird der Manga im handelsüblichen Taschenbuchformat des Verlags veröffentlicht. Extras in Form von Farbseiten gibt es nicht.
Fazit
Insgesamt überwiegt der Eindruck eines sehr eigenständigen, sorgfältig komponierten Werks. “Tales of the Hundred Monsters Next Door” ist kein Manga, den man hastig verschlingt. Er lädt dazu ein, langsam zu lesen. Wer Freude an leiser, atmosphärischer Literatur hat wird hier auf jeden Fall gut bedient.

Der Manga wurde mir freundlicherweise von Walt’s Comic Shop zur Verfügung gestellt. Die Kooperation hat wie immer keinerlei Einfluss auf meine Meinung zu dem Titel. Walt’s Comic Shop gehört zu den größten Online-Shops für US-Comics in Europa und ist in Berlin ansässig. Der Shop bietet eine breite Palette von Comics, Manga und Graphic Novels in englischer Sprache an.
Viele Titel sind direkt bestellbar. Seid ihr auf der Suche nach bestimmten Titeln, könnt ihr auch direkt per E-Mail an das Team wenden.
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