Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

Manga-Review: Underground

Underground

[Anzeige, da Rezensionsexemplar]

Suehiro Maruo ist zweifellos einer jener Mangaka, an denen sich die Geister scheiden. Ich selbst würde mich nicht unbedingt als Fan seiner Werke bezeichnen, was wohl auch daran liegt, dass mir allzu explizite Darstellungen persönlich nicht besonders zusagen. Andere hingegen schätzen und lieben sein Schaffen sehr.

Auf dem deutschen Markt hat Maruo bei Reprodukt eine feste Heimat gefunden. Der Berliner Verlag hat bereits mehrere seiner Werke veröffentlicht. Zuletzt habe ich Die Panorama-Insel besprochen, die ich für einen guten und vergleichsweise zugänglichen Einstieg halte, um diesen Mangaka kennenzulernen.

Underground erschien in Japan zwischen November 2021 und März 2023 in der Comic Beam unter dem Originaltitel An Gura. Es handelt sich dabei um ein Magazin, in dem auch viele weitere Werke Maruos veröffentlicht wurden.

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Story & Zeichnungen: Suehiro Maruo | Originaltitel: An Gura | Übersetzung: Claudia Peter | Verlag: Reprodukt | Demografische Zielgruppe: Seinen | Genre: Avant Garde, Drama | Preis: 24,00€ | Weitere Informationen

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Wie war’s?

Underground von Suehiro Maruo spielt im Tokio der 1960er-Jahre, einer Zeit, die gleichermaßen vom wirtschaftlichen Aufschwung wie von gesellschaftlichen Spannungen geprägt war. Während Japan nach außen den Erfolg des Nachkriegsbooms präsentiert, brodeln im Inneren Proteste gegen den Sicherheitsvertrag mit den USA, studentische Bewegungen und ein wachsendes Gefühl der Entfremdung. Inmitten dieses widersprüchlichen Umfelds begleitet Einzelband Migeru Mizuki, einen Oberschüler, der davon träumt, Mangaka zu werden, ohne wirklich zu wissen, welchen Platz er in dieser Welt einnehmen soll.

Gemeinsam mit Sachiko, streift Migeru durch die Straßen Tokios. Beide sind unfähig, an die großen Versprechen ihrer Zeit zu glauben oder sich den vorherrschenden Ideologien anzuschließen. Weder der wirtschaftliche Fortschritt noch der studentische Aktivismus geben ihnen Halt. Stattdessen erleben sie die glamouröse Metropole als einen Ort der Kälte, der Überforderung und der Einsamkeit.

Maruo zeichnet diese Zeit nicht als nostalgisches Panorama, sondern als chaotischen, lärmenden und schmutzigen Raum, in dem sich Hoffnung und Verzweiflung unauflöslich vermischen. Underground ist dabei kein klassischer Historienmanga, sondern ein stark subjektiver Blick auf eine Epoche. Auch wenn die Geschichte nicht eins zu eins autobiografisch ist und zeitlich vor Maruos eigener Jugend angesiedelt ist, ist seine ambivalente Haltung gegenüber den 1960er-Jahren deutlich spürbar. Wut, Unbehagen und Orientierungslosigkeit durchziehen jede Seite.

Im Verlauf der Handlung beginnen Realität und Fantasie zunehmend ineinander zu verschwimmen. Migeru und Sachiko bewegen sich durch eine Art inneren und äußeren Höllenkreis, in dem sie immer weniger zwischen Einbildung und Wirklichkeit unterscheiden können. Gewalt, Schuld und Verdrängung werden zu ständigen Begleitern. Der Manga erzählt dabei weniger eine stringente Handlung als vielmehr einen emotionalen Zustand. Es geht um das Gefühl, nicht dazuzugehören, um das Scheitern an gesellschaftlichen Erwartungen und um den verzweifelten Versuch, die eigene Identität nicht vollständig zu verlieren.

Maruos Bildkompositionen sind, wie man es von ihm kennt, ungewöhnlich, oft verstörend. Die Anordnung der Motive, die Panelstruktur und der bewusste Umgang mit Leerraum erzeugen einen Rhythmus, der zwischen hektisch und beinahe meditativ schwankt. Besonders die Mimik und Körperhaltung der Figuren verstärken die Beklemmung vieler Szenen.

Underground ist weniger explizit und weniger auf schockierende Effekte ausgerichtet als einige seiner bekannteren Werke. Er wirkt intimer und persönlicher. Dennoch bleibt er unangenehm. Themen wie Sexualität, Gewalt und psychische Abgründe werden bewusst eingesetzt, um die innere Zerrissenheit der Figuren sichtbar zu machen. Es ist ein Manga, der fordert und verstört.

Inhaltlich ist Underground auch eine Liebeserklärung an die Kunstformen, die Maruo geprägt haben. Theater, Musik, Kino, Malerei und Manga durchziehen das Werk als Referenzen und Hommagen. Reale Persönlichkeiten wie Mangaka Osamu Tezuka, der Maler Fujita Tsuguharu oder der Garo-Redakteur Nagai Katsuichi tauchen als Erinnerungsfragmente oder symbolische Figuren auf.

Nicht alles an diesem Manga ist leicht zugänglich. Die fragmentarische Erzählweise, die Vermischung von Realität und Fiktion sowie die düstere Grundstimmung können überfordern. Auch die Handlung entwickelt sich weniger zielgerichtet, als man es vielleicht erwartet.

Fazit

Underground ist ein intensiver und unbequemer Manga. Suehiro Maruo zeichnet ein düsteres Porträt der 1960er-Jahre, das weniger von historischen Fakten als von Emotionen getragen wird.

Es ist nicht unbedingt der Einzelband, den ich als Einstieg in sein Werk empfehlen würde, zeigt aber sicherlich, was Maruo als Mangaka ausmacht. Wer sich auf diese Reise einlässt, findet eine schonungslose Auseinandersetzung mit Identität, Scheitern und dem Wunsch, trotz allem man selbst zu bleiben.

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Bei diesem Band handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Reprodukt zur Verfügung gestellt worden ist.

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