Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

No Comic no Life (Band 1) - Manga Review

No Comic no Life (Band 1)

[Anzeige, da Rezensionsexemplar]

Minetaro Mochizuki ist sicherlich ein Mangaka, der den meisten Mangafans durch sein Werk “Dragon Head” bekannt sein dürfte, welches jüngst bei Carlsen Manga eine Neuauflage erhielt. Danebeben ist auf dem deutschen Werk ebenfalle bei Carlsen die vierbändige Reihe Chiisakobee erschienen, zu der Mochizuki die Zeichnungen beisteuerte.

Das bei Reprodukt erscheinende Werk ist autobiografisch geprägt und erschien in Japan unter dem Titel “Botsuyuu Manga Botsuyuu Jinsei – No Comic No Life” von Januar 2022 bis zum September 2023 im Big Comic Original-Magazin. Der Manga wird zwei Bände umfassen.

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Story & Zeichnungen: Minetaro Mochizuki | Originaltitel: Botsuyuu Manga Botsuyuu Jinsei: No Comic No Life | Übersetzung: Daniel Büchner | Verlag: Reprodukt | Genre: Slice-of-Life, Autobiografie | Demografische Zielgruppe: Seinen | Preis: 20,00€ | Weitere Informationen

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Wie war’s?

“No Comic no Life” ist ein sehr persönlicher Manga, der sich deutlich von klassischen erzählenden Werken absetzt. Statt einer fortlaufenden Handlung präsentiert Minetaro Mochizuki hier eine lose Sammlung kurzer Episoden. Jede dieser Vignetten umfasst meist nur wenige Seiten und funktioniert weitgehend unabhängig von den anderen. Gemeinsam ergeben sie jedoch ein vielschichtiges Porträt eines Mangaka, der auf sein Leben, seine Arbeit und seine Zweifel blickt.

Im Zentrum steht Mochizukis Alter Ego Mochitaro Minezuki, ein kaum verfremdeter Doppelgänger, der den Leserinnen und Lesern durch den Alltag des Autors folgt. Ausgangspunkt des Projekts war eine sehr einfache, fast ernüchternde Erkenntnis: Nach frühen Erfolgen, allen voran Dragon Head, ist der große Ruhm verblasst. Projekte scheitern, Ideen stocken, das Gefühl, als Künstler nicht mehr gefragt zu sein, schleicht sich ein. Anstatt daraus ein klassisches Künstlerdrama zu formen, entscheidet sich Mochizuki für einen leisen, fast unspektakulären Ansatz. Er erzählt einfach, was ihm durch den Kopf geht, während er an seinem Schreibtisch sitzt und zeichnet. Genau diese scheinbare Belanglosigkeit wird zum Kern des Werks.

Die Themen, die dabei aufkommen, sind ebenso vielfältig wie unspektakulär und gerade deshalb so nahbar. Es geht um das Familienleben, um den Sohn und dessen Allergien oder vermeintliche Superkräfte, um die Ehefrau mit ihren Eigenheiten, ihrer Vorliebe für rasierte Frisuren, ihren morgendlichen Smoothies im Playboy-Glas oder ihren ehrgeizigen PC-Bauplänen. Diese privaten Einblicke wirken warm, humorvoll und liebevoll beobachtet.

Daneben nimmt Mochizuki sich selbst ins Visier. Er spricht über sein Älterwerden, den beginnenden Haarausfall, seine Brille, körperliche Ungeschicklichkeiten, alte Erinnerungen an Motorräder, Unfälle und Pechsträhnen. Immer wieder schwingt dabei das Gefühl mit, ein wenig neben der Welt zu stehen, nicht ganz synchron mit dem eigenen Umfeld zu sein. Diese Selbstbeobachtung kippt jedoch nie in Selbstmitleid. Vielmehr entsteht ein leiser, manchmal trocken-komischer Ton, der auch existenzielle Krisen erstaunlich leicht wirken lässt.

Besonders spannend sind die Passagen, in denen es direkt um das Mangazeichnen geht. Mochizuki reflektiert offen über kreative Blockaden, über die Höhen und Tiefen des Künstlerdaseins, über enttäuschende Reaktionen auf frühere Werke wie Tokyo Kaido oder über die Entstehung von Chiisakobé. Auch scheinbar nebensächliche Obsessionen, etwa seine Faszination für Beine oder Schuhe, finden hier ihren Platz. All das vermittelt ein sehr ehrliches Bild davon, wie fragmentiert, widersprüchlich und unsicher kreatives Arbeiten sein kann.

Visuell bleibt “No Comic No Life” zurückhaltend. Der Zeichenstil ist sofort als Mochizuki erkennbar, reduziert und klar, mit kontrollierten Emotionen und wenig Pathos. Diese visuelle Nüchternheit passt hervorragend zum Inhalt. Sie steht in einem Kontrast zum oft sehr feinen, ironischen Humor der Texte. Jede Episode ist präzise erzählt, pointiert, ohne sich aufzudrängen. Man merkt, dass hier jemand mit großer Erfahrung genau weiß, wie viel er zeigen muss und wo er bewusst Lücken lässt.

Natürlich verlangt dieses Werk eine gewisse Offenheit. Wer eine klassische Handlung oder dramatische Zuspitzungen erwartet, wird hier nicht fündig. Manche Episoden wirken beiläufig, nicht jede Beobachtung bleibt lange im Gedächtnis. “No Comic No Life” liest sich am besten in kleinen Dosen und es hilft sicherlich auch, den Mangaka und sein Werk zumindest in den Grundzügen zu kennen. Mochizuki reflektiert zwar offen und oft selbstironisch, doch für diejenigen ohne Bezug zu seinem Werk oder zur Mangaszene allgemein kann das schnell distanziert wirken. Wer den Autor nicht kennt oder sich wenig für das Innenleben eines alternden Künstlers interessiert, dürfte Schwierigkeiten haben, eine emotionale Verbindung aufzubauen.

Gleichzeitig schwanken die Episoden spürbar in ihrer Qualität und Relevanz. Manche Beobachtungen sind pointiert und berührend, andere wirken sehr beliebig oder enden, bevor sich überhaupt ein Gedanke entfalten konnte. Dadurch entsteht stellenweise das Gefühl, eher in ein privates Notizbuch zu blicken als in ein bewusst kuratiertes Werk. Nicht jede Alltagsbeobachtung trägt genug Substanz, um über den Moment hinaus interessant zu bleiben.

Von Reprodukt wird das Werk im Großformat als Hardcover veröffentlicht.

Fazit

Insgesamt ist “No Comic No Life” ein autobiografisches Manga-Essay, das weniger Antworten gibt als Einblicke. Es zeigt den Menschen hinter dem bekannten Namen, mit all seinen Zweifeln, Routinen, Eigenheiten und kleinen Freuden. Humorvoll, nachdenklich und unaufgeregt entfaltet sich hier ein Werk, das weniger beeindrucken will als ehrlich sein möchte.

Der Zugang ist aber aus meiner Sicht nicht ganz niedrigschwellig. Das Werk entfaltet seine Wirkung vor allem dann, wenn man bereit ist, sich auf langsame, unspektakuläre Gedanken einzulassen und zwischen den Zeilen zu lesen. Ohne diese Bereitschaft kann der Manga schnell monoton oder sogar belanglos wirken.

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Bei diesem Band handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Reprodukt zur Verfügung gestellt worden ist.

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