Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … Du magst detailreich gezeichnete Tiermenschen und ungewöhnliche Fantasywesen.
- … Du liest gerne Kurzgeschichten mit ganz unterschiedlicher Stimmung.
- … Bittersüße Begegnungen bleiben dir meist länger im Gedächtnis als reine Wohlfühlgeschichten.
- … Du möchtest Kreaturen sehen, die nicht einfach nur wie Menschen mit Fell wirken.
- … Offene oder leicht unbequeme Enden schrecken dich nicht ab.
Eher nicht für dich, wenn …
- … Du suchst eine durchgehende Handlung mit einer festen Gruppe von Figuren.
- … Bei Tiermenschen erwartest du vor allem niedliche und gemütliche Geschichten.
- … Sehr kurze Erzählungen fühlen sich für dich grundsätzlich unvollständig an.
- … Gewalt, Tod und verstörende familiäre Dynamiken möchtest du nicht lesen.
- … Du brauchst am Ende einer Geschichte eine klare Auflösung.
Fünf Kurzgeschichten, zahlreiche Tiermenschen und fantastische Wesen und ein Zeichenstil, bei dem ich bereits nach wenigen Seiten hängen geblieben bin. Zunächst wirkt On the Boundary’s Road wie eine jener Fantasy-Sammlungen, in denen ungewöhnliche Begegnungen vor allem warm und ein wenig märchenhaft erzählt werden. Das stimmt auch. Zumindest eine Weile. Je weiter der Band voranschreitet, desto dunkler wird er.
Im Japanischen erschien der Band unter dem Titel Kyōkai no Michi de: Morino Suzuka Sakuhinshū am 14. Juni 2024 bei Kadokawa im Label Harta Comics. Es handelt sich um die erste Kurzgeschichtensammlung von Suzuka Morino. Enthalten sind fünf Einzelgeschichten, darunter mit der Titelgeschichte zugleich ihr Debüt. Eine weitere Erzählung, Go for It, Wolfy!, weist bereits in Richtung ihrer ersten längeren Serie Servant Beasts. Passend dazu wurden der Sammelband und der erste Band von Servant Beasts in Japan am selben Tag veröffentlicht.
Das Harta-Umfeld passt ausgesprochen gut zu Morinos Arbeit. Dort erscheinen schließlich auch Manga wie Bride Stories, Delicious in Dungeon oder Hakumei & Mikochi, die nicht zuletzt für ihre ausgearbeiteten Welten und sehr eigenen Zeichenstile bekannt sind. Morino muss sich mit ihren Tiermenschen und Kreaturen dahinter wahrlich nicht verstecken.
Worum geht’s?
Jede der fünf Geschichten spielt in einer eigenen Welt. Verbunden werden sie durch Begegnungen zwischen Menschen, Tiermenschen und anderen fantastischen Kreaturen. Manches Mal gelingt die Verständigung, obwohl nicht einmal dieselbe Sprache vorhanden ist. An anderer Stelle reichen gute Absichten hingegen überhaupt nicht aus.
Zu Beginn versucht ein Wolf, sich nach der Zurückweisung durch seine frühere Herrin in einem neuen Haushalt zu bewähren. Danach begleitet der Band einen noch unerfahrenen jungen Butler, der einem verwundeten Tigermenschen dienen soll. In Training a Gryphon treffen zwei sehr unterschiedliche Schüler und ein ziemlich eigensinniges Wesen aufeinander. Deutlich schwerer wird es in Birdcage of an Egg, als eine Kreatur aus dem Wald ein überlebendes Menschenkind bei sich aufnimmt. Die abschließende Titelgeschichte handelt schließlich von einem Jungen, der am Rand eines verbotenen Waldes einen kleinen Essensstand eröffnet und dort einem sogenannten verfluchten Tier begegnet.
Wie war’s?
Kurzgeschichtensammlungen können zuweilen schwierig sein, weil sie nicht immer den Erzählraum haben, um wirklich tief zu gehen. Kaum hat man sich an eine Welt und ihre Figuren gewöhnt, ist alles schon wieder vorbei. Auch hier hätte ich bei einigen Erzählungen durchaus gerne noch ein paar Seiten mehr gelesen. Die zweite Geschichte ist zum Beispiel so kurz, dass sie eher wie eine kleine Momentaufnahme wirkt.
Bei Go for It, Wolfy! sah es anders aus. Wolfy wurde von seiner früheren Herrin verstoßen und möchte bei seiner neuen Meisterin auf gar keinen Fall erneut versagen. Seine Unsicherheit steckt in jeder Bewegung. Er bemüht sich, beobachtet jede Reaktion und rechnet im Grunde ständig damit, wieder nicht zu genügen. Natürlich ist das stellenweise ausgesprochen niedlich. Morino belässt es allerdings nicht beim flauschigen Wolfsmann, sondern erzählt nebenbei auch von dem Gefühl, jederzeit ersetzt werden zu können. Ich mochte die Geschichte sehr und kann gut verstehen, weshalb gerade diese Idee später in Servant Beasts weiterentwickelt wurde. Für mich war es die Geschichte, die am ehesten Potential hatte, weitergeführt zu werden, da die Story noch große Weiterentwicklungen bietet.
Training a Gryphon ist vermutlich die leichteste Geschichte des Bandes. Ein überheblicher Schüler glaubt, das widerspenstige Tier vor ihm schlicht beherrschen zu müssen. Dumm nur, dass sein Gegenüber wesentlich klüger und aufmerksamer ist, als er annimmt. Die Dynamik macht Spaß und Morino nutzt die Körpersprache des Wesens wunderbar. Ein Blick, eine angelegte Haltung oder ein bewusstes Ignorieren reichen bereits aus. Viel erklären muss sie nicht.
Danach verändert sich der Ton spürbar. Birdcage of an Egg beginnt mit einer beinahe vertrauten Idee: Ein einsames Wesen findet ein Menschenkind und zieht es wie das eigene auf. Darin steckt zunächst viel Zuneigung. Mit dem Heranwachsen des Kindes wird jedoch sichtbar, dass Fürsorge und Besitzdenken für die Kreatur kaum voneinander zu trennen sind. Sie möchte den früheren Verlust ungeschehen machen und hält an einer Vorstellung von Familie fest, in der für die Wünsche des Mädchens immer weniger Platz bleibt.
An einer Stelle überschreitet die Geschichte eine Grenze, die mich deutlich zurückschrecken ließ. Das ist unangenehm und sicherlich nicht für jeden etwas. Trotzdem hatte ich nicht den Eindruck, Morino wolle damit bloß schockieren. Vielmehr wird ziemlich schonungslos sichtbar, was geschieht, wenn Trauer, Instinkt und der Wunsch nach Nähe in etwas Besitzergreifendes kippen. Für mich ist das die verstörendste Erzählung des Bandes. Gleichzeitig gehört sie zu denen, über die ich nach dem Lesen am längsten nachgedacht habe.
Die Titelgeschichte folgt an letzter Stelle. Sie nimmt sich mit Abstand am meisten Zeit und kann ihre Figuren dadurch stärker entwickeln. Ein Junge möchte entgegen dem Willen seines älteren Bruders ein eigenes Restaurant eröffnen. Sein kleiner Wagen bringt ihn schließlich an die Grenze eines Waldes, den die Menschen aus gutem Grund meiden. Dort trifft er auf eine Kreatur, mit der er keine gemeinsame Sprache besitzt. Essen wird sozusagen zu ihrer ersten Möglichkeit, sich dennoch zu verständigen.
Diese Freundschaft ist warm, aber nie vollkommen sicher. Der Junge begegnet dem Tier mit Neugier, während sein Bruder in ihm zunächst Gefahr und später auch einen möglichen Nutzen sieht. Aus dieser unterschiedlichen Haltung wächst eine Entwicklung, deren Bitterkeit mich tatsächlich überrascht hat. Vor allem das offene Ende sitzt. Ich hätte gerne gewusst, wie es mit den beiden weitergeht, gleichzeitig funktioniert die Geschichte wohl gerade deshalb so gut, weil Morino sie genau an diesem bestimmten Punkt enden lässt.
Überhaupt sind ihre nichtmenschlichen Figuren keine Menschen, denen lediglich Ohren, Fell oder Flügel angezeichnet wurden. Sie besitzen eigene Instinkte, Körper und Vorstellungen davon, wie Nähe, Familie oder Zusammenleben funktionieren. Genau daraus entstehen die interessantesten Momente. Wolfy kann menschliche Zuneigung verstehen und bleibt dennoch in seiner unterwürfigen Rolle gefangen. Die Kreatur aus Birdcage of an Egg empfindet echte Liebe, erkennt die Selbstständigkeit des Kindes aber viel zu spät. In der Titelgeschichte entsteht Nähe ohne gemeinsame Worte, während die Menschen mit ihren Ängsten und ihrer Gier mindestens ebenso gefährlich werden wie der Wald.
Die Zeichnungen
So interessant die Geschichten sind, die eigentliche Stärke des Bandes liegt für mich ganz klar in den Zeichnungen. Suzuka Morino entwirft fantastische Wesen, die auf jeder Seite glaubwürdig wirken. Ihre Körper besitzen Gewicht. Man sieht Muskeln arbeiten, Fell auf Bewegungen reagieren und Flügel sich aufspannen. Selbst bekannte Kreaturen wie Greifen erhalten dadurch eine eigene Präsenz.
Besonders gut hat mir gefallen, wie viel Ausdruck Morino in tierische Gesichter legt, ohne sie vollständig zu vermenschlichen. Wolfy ist dafür das beste Beispiel. Seine Mimik ist leicht zu lesen, aber seine Haltung und wie er sich bewegt, bleiben deutlich tierisch. Bei den gefährlicheren Wesen funktioniert das ebenso. Sie können in einem Moment neugierig oder fast sanft wirken und eine Seite später wieder daran erinnern, dass sie keine harmlosen Haustiere sind.
Auch die Umgebungen bekommen erstaunlich viel Aufmerksamkeit. Gleich zu Beginn der letzten Geschichte beobachtet man ein Eichhörnchen im Wald, ehe sich der Wagen des Jungen nähert und das Tier verschwindet.
Am Ende des Bandes findet sich zudem ein kleines Kreaturenverzeichnis. Dort erklärt Morino verschiedene Entwürfe, Körpermerkmale und Lebensweisen. Für mich war das beinahe ebenso spannend wie die Geschichten selbst, weil man merkt, wie viele Gedanken hinter jedem Wesen stecken.
Fazit
On the Boundary’s Road ist eine beeindruckende Einführung in Suzuka Morinos Arbeit. Nicht jede Geschichte besitzt dieselbe Tiefe und manches bleibt eher Skizze als vollständig ausgearbeitete Erzählung. Der Ton und die visuelle Handschrift halten den Band trotzdem zusammen.
Was zunächst nach gemütlicher Fantasy mit Tiermenschen aussieht, wird im Verlauf merklich dunkler. Es geht um den Wunsch, zu jemandem zu gehören, aber ebenso um Verlust, Besitzdenken und die Frage, was passiert, wenn zwei Wesen Nähe vollkommen unterschiedlich verstehen. Die Antworten fallen nicht immer angenehm aus.
Für mich waren vor allem Go for It, Wolfy!, Birdcage of an Egg und die Titelgeschichte stark. Noch länger im Gedächtnis bleiben allerdings die Kreaturen selbst. Wer ungewöhnliche Fantasywesen, ausdrucksstarke Zeichnungen und bittersüße Kurzgeschichten mag, sollte sich den Band auf jeden Fall ansehen. Nur als reine Wohlfühllektüre würde ich ihn nicht einordnen. Dafür besitzt dieser Wald ein paar zu scharfe Zähne.
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