Passt der Manga zu dir?
Für dich, wenn …
- … Du magst queere Coming-of-Age-Geschichten, die Identität nicht auf eine einfache Liebesgeschichte reduzieren.
- … Du schätzt Figuren, die widersprüchlich handeln und nicht immer die für sie beste Entscheidung treffen.
- … Du interessierst dich für Geschichten über den Einfluss von Familie, Schule und ländlicher Enge.
Eher nicht für dich, wenn …
- … Du möchtest keine deutlichen Darstellungen von Mobbing, Homophobie und sexualisierter Gewalt lesen.
- … Du erwartest eine klassische Boys-Love-Romanze mit einem durchgehend romantischen Schwerpunkt.
- … Du hast Schwierigkeiten mit Geschichten, in denen ehemalige Täter später zu engen Vertrauten werden.
- … Dich stören abrupte Wechsel zwischen bedrückendem Drama und teilweise sehr überzeichneter Komik.
- … Du wünschst dir für alle queeren Figuren ein eindeutig glückliches und vollkommen versöhnliches Ende.
Inhaltshinweis: Der Manga behandelt Mobbing, Homophobie und andere Formen von Queerfeindlichkeit, körperliche Gewalt sowie sexualisierte Gewalt gegen einen Minderjährigen. Einige Szenen fallen recht drastisch aus.
Mishima lebt gemeinsam mit seiner Mutter in einem abgelegenen Dorf, das ihm kaum Raum zum Atmen lässt. In der Schule wird er wegen seines androgynen Aussehens, seiner langen Haare und der Vermutung, er könne schwul sein, unerbittlich schikaniert. Nach außen begegnet er den Angriffen mit demonstrativer Gleichgültigkeit. Seiner Mutter verschweigt er hingegen, wie schlimm die Situation tatsächlich ist.
Wirklich frei fühlt er sich nur in jenen heimlichen Augenblicken, in denen er den Lippenstift seiner Mutter aufträgt. Als dieser verloren geht, taucht er ausgerechnet bei Kirino wieder auf. Kirino gehört zu der Gruppe, die Mishima das Leben besonders schwer macht, benutzt den Lippenstift jedoch selbst, als er sich unbeobachtet glaubt. Plötzlich besitzen die beiden ein gemeinsames Geheimnis.
Aus dem anfänglichen Misstrauen entwickelt sich eine Freundschaft, in der Mishima und Kirino erstmals offen über ihre Gefühle sprechen können. Auch Yumeno, der Mishima bislang besonders heftig angegriffen hat, wird Teil dieser sonderbaren Gemeinschaft. Doch die Jungen leben nicht in einem geschützten Raum. Gerüchte, die Erwartungen ihrer Familien und ein Lehrer mit gefährlichen Absichten sorgen dafür, dass ihre kleine Welt schon bald auseinanderzubrechen droht.
Wie war’s?
Smells Like Green Spirit sieht auf den ersten Blick wie eine Geschichte aus, die einem bekannten Muster folgt: Ein gemobbter Junge entdeckt eine verborgene Seite an einem seiner Peiniger, beide kommen sich näher und finden schließlich ineinander ihr Glück. Saburo Nagai wählt allerdings einen weitaus unbequemeren Weg. Im Mittelpunkt steht weniger eine Romanze als die Frage, wie queere Jugendliche überhaupt herausfinden sollen, wer sie sind, wenn ihr Umfeld jede Abweichung vom Gewohnten sofort bestraft.
Besonders gut hat mir gefallen, wie wichtig der ländliche Schauplatz für diese Erzählung ist. Das Dorf dient nicht bloß als hübsche Kulisse aus Feldern, Bergen und kleinen Straßen. Es wirkt vielmehr wie ein geschlossenes Gefäß, in dem jeder jeden kennt und ein Gerücht schneller die Runde macht, als die Betroffenen darauf reagieren können. Die nächste Stadt ist weit entfernt, wirkliche Rückzugsorte gibt es kaum und selbst die Familie bietet nicht zwangsläufig Schutz. Diese Enge ist beinahe in jeder Szene zu spüren.
Dabei zeigt der Manga sehr schön, wie unterschiedlich Mishima, Kirino und Yumeno mit ihren Gefühlen umgehen. Mishima hat seine Sexualität für sich bereits recht klar erkannt, kann sie aber nur im Verborgenen ausleben. Sein Make-up ist kein oberflächliches Stilmittel, sondern ein kurzer Moment der Selbstbestimmung. Kirino versucht hingegen, die eigene Unsicherheit hinter einer besonders männlichen Rolle zu verstecken. Er ist sportlich, beliebt und beteiligt sich am Mobbing, weil er glaubt, sich dadurch von allem distanzieren zu können, was er an sich selbst fürchtet. Yumeno steigert diesen Mechanismus noch weiter. Seine Aggressivität ist eng mit einer Anziehung verbunden, die er weder einordnen noch zulassen möchte.
Das erklärt ihr Verhalten, entschuldigt es aber nicht. Diesen Unterschied verliert Nagai zum Glück nicht vollkommen aus den Augen. Mishima spricht die erlittenen Verletzungen an und Kirino muss sich damit auseinandersetzen, was er getan hat. Trotzdem ging mir die Annäherung manches Mal zu schnell. Die Schikanen sind nicht harmlos, sondern reichen bis zu körperlicher Gewalt und entwürdigenden Übergriffen. Dass Mishima seinen früheren Peinigern dennoch eine Chance gibt, lässt sich aus seiner Einsamkeit heraus nachvollziehen. Wenn die einzigen Menschen, die das eigene Geheimnis verstehen könnten, zugleich diejenigen sind, die einem zuvor wehgetan haben, gibt es schließlich keine einfache Entscheidung. Ein wenig mehr Zeit hätte diese Entwicklung in meinen Augen dennoch vertragen.
Überhaupt lebt die Geschichte von ihren Widersprüchen. Mishima ist verletzlich, aber keineswegs schwach. Kirino kann grausam handeln und Mishima im nächsten Augenblick aufrichtig beschützen. Yumeno ist weder nur Täter noch bloß heimlich Verliebter. Auch die Eltern reagieren sehr verschieden, sobald sie mit der Sexualität ihrer Kinder konfrontiert werden. Manche Reaktionen sind liebevoll, andere unbeholfen und wieder andere ausgesprochen schmerzhaft. Gerade dadurch fühlt sich die Geschichte glaubwürdig an. Akzeptanz ist hier kein einzelnes großes Bekenntnis, nach dem plötzlich alles gut wird, sondern zeigt sich in kleinen Handlungen und muss manches Mal erst mühsam gelernt werden.
Mishimas Mutter gehört für mich zu den stärksten Nebenfiguren des Manga. Sie ist keineswegs perfekt und besitzt selbst eine recht wilde Vergangenheit, begegnet ihrem Sohn aber mit einer Wärme, die innerhalb dieses Dorfes fast schon rebellisch wirkt. Dass Nagai nicht alle Eltern auf dieselbe Weise reagieren lässt, verhindert eine allzu einfache Einteilung in gute und schlechte Erwachsene. Zugleich macht gerade dieser Vergleich deutlich, wie sehr die Zukunft eines Jugendlichen davon abhängen kann, ob zu Hause Verständnis oder Ablehnung wartet.
Ein schwieriger Handlungsstrang
Am heikelsten ist sicherlich die Geschichte um den Lehrer Yanagida. Er verbirgt hinter seinem freundlichen Auftreten eine sexuelle Fixierung auf Minderjährige und richtet seine Aufmerksamkeit zunehmend auf Mishima. Seine Szenen sind bewusst bedrohlich gezeichnet und der Manga stellt klar, dass die erlittene Ausgrenzung des Lehrers keinen späteren Übergriff rechtfertigt.
Trotzdem bleibt die Ausarbeitung problematisch. Yanagidas unterdrückte Homosexualität und seine pädophile Neigung werden erzählerisch sehr eng miteinander verbunden. Dadurch kann der Eindruck entstehen, das eine habe sich gewissermaßen aus dem anderen entwickelt. Angesichts der alten und bis heute schädlichen Behauptung, queere Männer seien eine Gefahr für Kinder, ist das eine ausgesprochen unglückliche Nähe. Spätere Aussagen der Figuren trennen beides zwar wieder deutlicher voneinander, doch der zusätzliche Einblick in Yanagidas Vergangenheit hinterlässt bei mir weiterhin ein ungutes Gefühl.
Ich halte die Figur deshalb nicht grundsätzlich für überflüssig. Sie zeigt, dass ein Mensch durch eigene Unterdrückung nicht automatisch mitfühlend oder gut wird und dass er für seine Taten trotzdem verantwortlich bleibt. Die Idee dahinter ist durchaus interessant. In der Umsetzung hätte Nagai jedoch sorgfältiger zwischen sexueller Orientierung und sexualisierter Gewalt unterscheiden müssen.
Zwischen Härte und schrägem Humor
Eine weitere Besonderheit sind die starken Wechsel im Ton. Eben noch ist eine Szene beklemmend, wenige Seiten später verzieht eine Figur das Gesicht zu einer grotesken Grimasse und der Manga wird beinahe zur Komödie. Manches Mal funktioniert das überraschend gut. Jugendliche sprechen schließlich nicht ständig in wohlüberlegten, ernsten Sätzen über ihr Innenleben, und Humor kann ihnen dabei helfen, eine kaum erträgliche Situation überhaupt zu bewältigen.
An anderen Stellen kam der Wechsel für mich hingegen zu plötzlich. Vor allem nach besonders brutalen oder emotionalen Szenen nimmt die Komik dem Geschehen ein wenig von seinem Gewicht. Wer eine gleichmäßig erzählte, leise Coming-of-Age-Geschichte erwartet, könnte sich daran stören. Gleichzeitig gehört diese eigenwillige Mischung so deutlich zur Persönlichkeit des Manga, dass ich sie ihm auch nicht vollständig nehmen möchte.
Zeichenstil
Grafisch hat mir Smells Like Green Spirit sehr gut gefallen. Saburo Nagai zeichnet die Figuren ausdrucksstark und besitzt eine erstaunliche Bandbreite bei den Gesichtern. Ruhige, beinahe realistische Momente können innerhalb weniger Panels in übertriebene Komik oder spürbare Anspannung kippen. Gerade Angst, Wut und unterdrückte Verzweiflung liegen manches Mal in einem einzigen Blick.
Auch die ländliche Umgebung bekommt genügend Raum. Die Berge, Wege und Schulräume vermitteln einerseits Ruhe, machen andererseits aber die Abgeschiedenheit der Figuren sichtbar. Hinzu kommt ein sehr wirkungsvolles Gespür für Bildausschnitte. Besonders Yanagidas dunkle Gedanken erhalten durch unruhige, fast kritzelartige Flächen etwas Beklemmendes, ohne dass jede Gefahr ausführlich ausgesprochen werden muss. Der Zeichenstil trägt somit einen großen Teil der Atmosphäre und fängt die wechselnden Tonlagen besser auf, als es der Text allein könnte.
Das Ende
Ohne zu viel vorwegzunehmen, gehört die letzte Strecke für mich zu den stärksten Teilen des Manga. Die Geschichte springt in die Zukunft und zeigt, welche Wege die drei Jungen eingeschlagen haben. Nicht jeder besitzt später dieselbe Freiheit und nicht jede Entscheidung entspricht dem, was wir uns für die Figuren wünschen würden.
Gerade deshalb bleibt der Schluss im Gedächtnis. Er ist traurig und tröstlich zugleich, weil er weder behauptet, ein Coming-out löse alle Probleme, noch queeres Leben grundsätzlich als aussichtslos darstellt. Manche Figuren können ihr Glück offen suchen, andere entscheiden sich für Sicherheit, Familie oder gesellschaftliche Anerkennung und bezahlen dafür einen persönlichen Preis. Ich hätte ihnen von Herzen eine einfachere Welt gewünscht. Aber die etwas bittere Ehrlichkeit des Endes passt zu einer Geschichte, die von Anfang an gezeigt hat, wie ungleich die Möglichkeiten verteilt sind.
Vertical Comics veröffentlicht die ursprünglich zwei Bände umfassende Reihe in einer englischsprachigen Gesamtausgabe mit 346 Seiten. Das passt recht gut zur Geschichte, denn vor allem die zweite Hälfte und der spätere Blick auf das Leben der Figuren geben vielen frühen Szenen ein anderes Gewicht. Im Omnibus lässt sich diese Entwicklung ohne Unterbrechung verfolgen.
Wer Manga problemlos auf Englisch liest, erhält somit die vollständige Geschichte in einem einzigen Band.
Fazit
Smells Like Green Spirit ist ein starker, aber nicht makelloser Coming-of-Age-Manga. Er erzählt von queeren Jugendlichen, ohne ihre Erfahrungen zu vereinheitlichen oder jede Unsicherheit mit einer romantischen Beziehung aufzulösen. Besonders die dichte ländliche Atmosphäre, die widersprüchlichen Figuren und das bittersüße Ende haben mir gut gefallen.
Gleichzeitig sollte man wissen, worauf man sich einlässt. Das Mobbing ist hart, der Handlungsstrang um Yanagida bleibt in seiner Verknüpfung von Homosexualität und Pädophilie diskussionswürdig und die abrupten humoristischen Einlagen werden sicherlich nicht für jeden etwas sein. Diese Schwächen haben meine Lektüre durchaus beeinflusst, sie nehmen dem Manga aber nicht seine emotionale Kraft.
Wer realistische, unbequeme Geschichten über queere Selbstfindung mag und mit schweren Themen umgehen kann, sollte Smells Like Green Spirit auf jeden Fall eine Chance geben. Für ältere Jugendliche und Erwachsene kann der Manga eine bewegende Lektüre sein, über deren Figuren und Entscheidungen man noch lange nachdenkt. Ein Wohlfühltitel ist es aber in meinen Augen nicht. Gleichzeitig würde ich den Titel aber nicht an ein zu junge Leserschaft empfehlen. Denn hier hat der Manga doch einige Botschaften, die aus meiner Sicht zu wenig hinterfragt werden.
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