Content Warning: sexualisierte Gewalt an Minderjährigen, Grooming, Alkoholismus und Esstörung.
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Peko Watanabe gehört zu den Mangaka, deren Geschichten ich wirklich gerne lese. Umso größer war meine Freude, dass nun endlich auch eine ihrer Serien auf dem US-Markt als Printausgabe erscheint, nachdem 1122 For Happy Marriage bislang nur als digitale Edition beim Publisher erhältlich ist.
That’s Not Love erschien unter dem Originaltitel Koi Ja Nee Kara von September 2021 bis November 2024 im Seinen-Magazin Morning Two. Insgesamt umfasst die Reihe sechs Bände. Auf dem englischsprachigen Markt liegt die Lizenz bei Kodansha.

Story & Zeichnungen: Peko Watanabe | Originaltitel: Koi Ja Nee Kara | Übersetzung: Sawa Matsueda Savage | Genre: Drama | Demografische Zielgruppe: Seinen | Verlag: Kodansha | Aktueller Preis bei Walt’s: 10,49€ (Stand: 03.06.2026) | Der Manga bei Walt’s Comic Shop

Wie war’s?
That’s Not Love von Peko Watanabe ist kein Manga, der sich schnell konsumieren lässt. Schon die Ausgangslage macht deutlich, dass es sich um ein schweres, erwachsenes Drama handelt, das Themen wie Grooming, sexualisierte Gewalt, Schuld, Essstörungen, Alkoholmissbrauch, Erinnerung und die Frage nach Einvernehmlichkeit behandelt. Der erste Band erzählt ruhig, fast sachlich, aber gerade dadurch umso eindringlicher von Verletzungen, die erst Jahrzehnte später richtig benannt werden können.
Im Mittelpunkt steht die vierzigjährige Akane, die zur Ausstellung ihres ehemaligen Nachhilfelehrers Imai geht. Dieser ist inzwischen ein bekannter Bildhauer. Dort entdeckt sie eine Skulptur, die ihr sofort bekannt vorkommt: Das Werk erinnert sie deutlich an ihre frühere beste Freundin Yukari, mit der sie in der Mittelschule eng befreundet war, bevor diese plötzlich verschwand und die Schule wechselte. Besonders verstörend ist, dass die Skulptur ein sehr persönliches Merkmal zeigt, das Akane nur aus ihrer damaligen Nähe zu Yukari kennen kann.
Diese Entdeckung lässt Akane nicht mehr los. Sie sucht den Kontakt zu Yukari und beginnt nach und nach zu begreifen, dass das, was sie als Kind nur teilweise verstanden hat, keine „besondere Beziehung“ zwischen Schülerin und Lehrer war, sondern Missbrauch. Yukari war damals vierzehn Jahre alt. Imai war ein erwachsener Mann und ihr Lehrer. Was als vermeintliche Liebe erinnert oder verklärt wurde, erhält aus heutiger Perspektive einen klareren, schmerzhafteren Namen.
Gerade diese Verschiebung der Perspektive ist eine der großen Stärken des Mangas. That’s Not Love setzt nicht auf einen großen Schockmoment, in dem plötzlich alles enthüllt wird. Stattdessen zeigt die Geschichte, wie Erkenntnis langsam entsteht. Akane erinnert sich, ordnet neu ein, vergleicht ihre damalige kindliche Wahrnehmung mit dem Wissen einer erwachsenen Frau und Mutter. Was sie früher vielleicht als Eifersucht, Geheimnis oder romantische Besonderheit wahrnahm, erkennt sie nun als Ausnutzung.
Dabei ist Akane selbst keine makellose Retterfigur. Sie trägt eigene Verletzungen mit sich. Ihr Leben wirkt nach außen stabil: Sie ist verheiratet, hat eine Tochter und arbeitet als Übersetzerin. Doch innerlich ist vieles brüchig. Sie kämpft mit Alkohol, mit ihrem Körperbild, mit einer Essstörung und mit dem Gefühl, sich selbst und ihre Möglichkeiten verloren zu haben.
Besonders interessant ist Akanes Schuldgefühl gegenüber Yukari. Sie hat damals etwas gespürt, aber nicht verstanden. Vielleicht wollte sie es auch nicht verstehen, weil sie eifersüchtig war. Nun möchte sie helfen, aber auch das ist nicht frei von Ambivalenz. Entschuldigt sie sich, weil Yukari es braucht? Oder auch, weil sie selbst endlich von ihrer Schuld loskommen möchte? Der Manga erlaubt solche unbequemen Fragen und macht Akane dadurch glaubwürdig und menschlich. Sie handelt richtig, aber nicht vollkommen selbstlos. Sie ist betroffen, wütend, beschämt und hilflos zugleich.
Yukari wiederum wird nicht als eindimensionales Opfer dargestellt. Sie hat weitergelebt. Ihr Leben ist nicht ausschließlich durch Imai zerstört worden, aber es wurde von dem, was damals geschah, tief beeinflusst. Das ist ein wichtiger Punkt. That’s Not Love vermeidet die einfache Darstellung, nach der ein Trauma das ganze Leben nur in einer einzigen sichtbaren Weise ruiniert. Stattdessen zeigt der Manga, dass Menschen weiterarbeiten, Beziehungen führen, funktionieren und trotzdem etwas in sich tragen, das nie wirklich abgeschlossen wurde.
Die erneute Konfrontation mit der Skulptur ist für Yukari deshalb so brutal. Es geht nicht nur darum, was damals passiert ist. Es geht darum, dass Imai Jahrzehnte später noch immer von ihrem Körper profitiert. Eine intime, als Minderjährige entstandene Darstellung wird öffentlich ausgestellt und als Kunst verwertet. Damit wird Yukari ein zweites Mal die Kontrolle über ihr Bild und ihren Körper genommen. Der Manga formuliert hier sehr klar: Kunst rechtfertigt keinen fehlenden Konsens.
Gerade dieser Aspekt macht den Band so stark und so wütend. Die Frage „Ist das Kunst?“ steht im Raum, aber der Manga verschiebt sie in die eigentlich wichtigere Richtung: Wer durfte dieses Bild schaffen? Wer durfte es bewahren? Wer durfte es ausstellen? Wer profitiert davon? Und wer musste den Preis zahlen? Imais Frau verteidigt die Skulptur mit dem Verweis auf Kunst und Karriere, doch genau darin zeigt sich ein Mechanismus, der erschreckend vertraut wirkt. Nicht nur Täter schützen sich selbst, auch ihr Umfeld schützt sie oft mit.
Der Band zeigt sehr gut, wie schwer es ist, Machtmissbrauch im Nachhinein zu benennen. Yukari war damals ein Kind, aber sie wurde offenbar in eine Situation gebracht, die sie selbst lange nicht vollständig als Missbrauch greifen konnte. Das ist bitter realistisch. Viele Betroffene brauchen Jahre, manchmal Jahrzehnte, um zu verstehen, was ihnen passiert ist. Nicht weil es objektiv unklar war, sondern weil Manipulation, Scham und Selbstvorwürfe die eigene Wahrnehmung verzerren können.
Thematisch gehört That’s Not Love deshalb zu jenen Manga, die weit über reine Unterhaltung hinausgehen. Es geht um die Frage, wie Gesellschaften auf Missbrauch reagieren, besonders wenn dieser in einem scheinbar kulturellen oder künstlerischen Kontext stattfindet. Es geht auch darum, wie gern Erwachsene problematische Beziehungen zwischen Lehrern und minderjährigen Schülerinnen romantisieren oder verharmlosen. Der Manga schaut genau auf diese Verklärung und zerlegt sie still, aber entschieden.
Der Band verlangt Aufmerksamkeit und emotionale Bereitschaft. Er arbeitet mit vielen schweren Themen gleichzeitig: Grooming, Essstörung, Alkohol, Mutterschaft, unerfüllte Lebensentwürfe, Schuld, Kunst und Konsens. Das kann überwältigend sein. Man muss in der richtigen Verfassung sein, sich darauf einzulassen. Die klare Inhaltswarnung ist hier absolut angebracht.
Der Titel ist dabei treffend. That’s Not Love ist keine subtile Andeutung, sondern eine klare Aussage. Was damals geschah, war keine Liebe. Es war Machtmissbrauch. Es war Grooming. Es war ein Erwachsener, der die Verletzlichkeit eines Kindes ausgenutzt hat.
Zeichnerisch passt Peko Watanabes Stil sehr gut zum Inhalt. Die Bilder sind nicht überdramatisiert, sondern eher nüchtern, klar und realitätsnah. Die Figuren wirken erwachsen, müde, verletzlich und glaubwürdig. Es gibt keine unnötige Ästhetisierung des Leids. Gerade bei einem Manga, der sich mit sexualisiertem Blick und der Ausbeutung eines Körpers beschäftigt, ist diese Zurückhaltung wichtig.
Von Kodasha wird der Manga im Großformat veröffentlicht und Band eins beginnt mit einigen Farbseiten.
Fazit
That’s Not Love ist keine leichte Empfehlung, aber eine wichtige. Wer gerade keine Kraft für Themen wie Missbrauch, Essstörungen oder Alkoholprobleme hat, sollte mit dem Band vorsichtig umgehen. Wer sich jedoch auf ein ruhiges, erwachsenes und sehr ernsthaftes Drama einlassen kann, findet hier einen Manga, der lange nachhallt und zum Nachdenken anregt.
That’s Not Love ist ein unbequemes, aber sehr stark erzähltes Werk über Kunst, Körper, Erinnerung und die Grenze, die niemals überschritten werden darf.

Der Manga wurde mir freundlicherweise von Walt’s Comic Shop zur Verfügung gestellt. Wie immer hat die Kooperation keinerlei Einfluss auf meine Meinung zum Titel.
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