Isländersagas

In der Kategorie Manga Spotlight möchte ich heute einen Blick auf Vinland Saga werfen. Nein falsch, die Vinland Sagas. Kurz um: Es soll um den literarischen Stoff gehen, der dem Manga als lose Vorlage dient.

Elemente der europäischen Geschichte, insbesondere die des Mittelalters, finden sich immer wieder in Manga wieder. Die Geschichte der Wikinger ist dabei allerdings doch eher weniger beachtet, als andere historische Ereignisse. Da mich insbesondere die nordische Geschichte interessiert, war Vinland Saga eine Reihe, die ich unbedingt lesen wollte. Ich gebe zu, bis ich es in die Tat umgesetzt hatte, hatte es dann doch etwas gedauert. (Es ist eine komische Angewohnheit von mir, Titel, von denen ich viel erwarte, hinauszuzögern. Denkt euch nichts dabei!) Als ich Vinland Saga begonnen hatte, konnte ich die Reihe nicht mehr weglegen.

In meinem Beitrag soll heute der Ausgangsstoff, der hinter dem Manga steht, im Mittelpunkt rücken. Kurzum die nordischen Sagas. Mit den nordischen Sagas bin ich schon vor der Reihe, während meines Studiums, in Berührung gekommen, auch wenn ich an dieser Stelle zugeben muss, dass ich in der alten Skandinavistik selten vertieft habe. Ich habe aber alle Infos doppelt und dreifach geprüft. Die Vinland Sagas an sich kannte ich noch bruchstückhaft, habe sie aber für diesen Beitrag noch einmal gelesen. Falls ihr ebenfalls Interesse an den Original-Sagas habt, ich habe euch entsprechende Übersetzungen (wenn vorhanden) und Literatur unter dem Artikel verlinkt.

Grundsätzlich hat der Beitrag keine großen Spoiler. Da Ereignisse, die in den historischen Texten vorkommen aber durchaus auch später im Manga wiederkehren könnten, habe ich dem Beitrag eine Spoiler-Warnung verpasst. Sicher ist sicher.

Was sind überhaupt Sagas?

Um zu verstehen, was es eigentlich genau mit den Vinland Sagas auf sich hat, zu Beginn ein kleiner Exkurs in die Welt der Sagas. Die Sagas bezeichnen mittelalterliche Erzählungen Islands mit unterschiedlichen Charakteren und Themen. Übersetzt heißt Saga “Geschichte” und bedeutet damit sowohl “Erzählung” als auch “Historie”. Wenn ihr ein Pro seid, sprecht ihr das Ganze übrigens noch mit scharfen s aus.

Als reine historische Quelle sollte die Saga aber nicht herangezogen werden. Oftmals werden fiktionale Elemente eingebaut, manche sind gar reine Fiktion.

Je nach ihrer Thematik und ihrer Entstehungszeit werden die jeweiligen Saga-Texte in verschiedene Kategorien eingeteilt. Vergleichbar mit Roman-Genre. Ehe wir uns darin verlieren, für uns wichtig ist vor allem die Gattung der Isländersagas. Wie der Name schon sagt, sind die Protagonisten dieser Isländer. Auch der Schauplatz liegt meist in Island selbst, gelegentlich aber – wie in unserem Fall – auch in anderen Ländern. Die Sagas erzählen von Familienschicksalen, dem harten Überlebenskampf, oder es stehen Biografien der Protagonisten und deren Nachkommen im Mittelpunkt.

Die Vinland Sagas

 Sommernat under den Grønlandske Kyst – By Carl Rasmussen – Bruun Rasmussen, Copenhagen, Public Domain

Die Grundlage für den Manga sind die Vinland Sagas, die Teil der Isländersagas sind. Leicht zu merken, immerhin hat der Manga ja einen fast identischen Titel. Zu den Vinland Sagas werden die Eiríks Saga Rauða (Saga von Erik dem Roten) und die Grœnlendinga Saga (Grönland-Saga) gezählt. In beiden Texten geht es um die Entdeckung von Grönland und Nordamerika.

Literarisch ist die Saga von Erik dem Roten mehr geschätzt, historisch gilt allerdings die Grönland-Saga als zuverlässiger.

Dass die Wikinger tatsächlich in Amerika gewesen sind, ist übrigens archäologisch bewiesen (auch wenn sich das Kolumbus-Ding hartnäckig hält). Anfang der 1960er wurden an der Nordspitze Neufundlands Siedlungsreste gefunden, die zu einer um das Jahr 1000 angelegten Wikingersiedlungen gehörten.

Daher gilt es als sicher, dass die Vinland Sagas in literarischer Form Erinnerung an die historischen Fahrten sind. Zuverlässige historische Quelle über das wahre Geschehen sind sie aber natürlich nicht. Sie widersprechen sich in Details und enthalten fantastische und übernatürliche Elemente. Entstanden sind die beiden Sagas im frühen 13. Jahrhundert auf Island.

Der Handlungshintergrund der beiden Sagas

Handlungshintergrund der beiden Sagas bildet die Entdeckung und Besiedlung Grönlands sowie der Nordostküste Nordamerikas. Erik der Rote flieht mit seinem Vater nach einer Verurteilung wegen Totschlags aus Norwegen. Er lässt sich in Island nieder, wo er auch heiratet. Als Erik nach einem weiteren Totschlag auch hier verbannt wird, macht er sich auf die Suche nach einem Land im Westen, welches zuvor von Gunnbjörn Ulfsson gesichtet wurde. Erik findet das Land und gibt ihm den zukünftigen Namen Grönland, grünes Land. Dorthin kehrt er später mit einer Anzahl seiner Landsleute zurück. Der anonyme Autor datiert die Fahrt auf das Jahr 985, fünfzehn Jahre vor der Einführung des Christentums in Island.

Als Entdecker Amerikas gilt Eriks Sohn Leif, der dem Land den Namen Vinland gibt und den wir als Figur auch im Manga antreffen. Im späteren Verlauf des Textes geht es um weitere Vinland-Fahrten.

Die Grönland-Saga berichtet davon, wie der Isländer Bjarni Herjolfsson auf dem Weg zu seinem Vater nach Grönland in westlicher Richtung abgetrieben wird und unbekanntes Land sichtet, es jedoch nicht betritt. Als Leif Eriksson davon erfährt, unternimmt er eine Fahrt dorthin, tritt aber anders als Bjani an Land und erforscht dieses. Diese Saga konzentriert sich auf Leif als führende Person bei den Vinland-Fahrten.

Die Saga von Erik dem Roten konzentriert sich indes deutlich mehr auf die Vinland-Fahrt von Thorfinn Karlsefni, den Makoto Yukimura zu seiner Hauptfigur im Manga macht.

Von Knut und den Jomswikingern

Kampf bei „Svolder“, von Otto Sinding (1842-1909) – Painting by Otto Sinding, Public Domain

Auch wenn die Vinland Sagas die Hauptinspiration von Yukimura sind, fließen auch andere Saga-Texte sichtbar in die Mangareihe ein. Er webt in seiner Rekonstruktion der Vinland-Reise bisher auch Elemente aus drei anderen Sagas ein: Der Jómsvíkinga Saga, die Saga vom heiligen Olav and die Knýtlinga Saga. Alle drei Sagas gehören nicht zu den Isländersagas, auch wenn es gerade um die Jómsvíkinga Saga immer wieder Gattungsdiskussionen gibt. Schieben wir bei Seite, ist für uns nicht wichtig.

Die Jomswikinger nehmen als wiederkehrende Söldnertruppe, die neben den dänischen Königen kämpft, und als die Gruppe, aus der wichtige Personen aus Thorfinns Linie stammen, einen wichtigen Platz im Manga ein. Die Knýtlinga Saga und die Óláfs saga helga behandeln indes das Leben von Knut. Der übrigens in den originalen Texten nie Bekanntschaft mit Thorfinn gemacht hatte.

Eine Reise durch das nordische Mittelalter

Auch wenn sich Yukimura, wie von mir beschrieben, viele Sagas als Vorbild nimmt, zeichnet er doch seine eigene Geschichte von Thorfinn und der Entdeckung Vinlands nach. Er nimmt den Leser in seiner Reise nicht nur mit nach Vinland, sondern auch durch die nordische Geschichte. Nicht immer folgt er dabei der wirklichen Chronologie und Ergebnissen der Ereignisse, insgesamt respektiert er aber die historischen Grundlagen und übernimmt sogar ein paar typische Erzählelemente der Isländersagas in seinen eigenen Handlungssträngen. Was vielleicht Zufall sein mag, aber trotzdem sehr zum narrativen Bild der Isländersagas passt.

Wer war Thorfinn Karlsefni?

An dieser Stelle könnte ich euch noch einiges über die Ursprungsfigur von Thorfinn erzählen. Über ihn sollte sich dieser Beitrag mal in der ersten Idee führen, doch als ich Beginn mich näher damit auseinanderzusetzen, war es einfach so viel Information auf einen Haufen, dass ich mich entschied, ihm und seiner näheren Umgebung einen eigenen Artikel zu gönnen. Er wird vermutlich in zwei Wochen online gehen.

Meine Literaturtipps

Euch interessiert das Thema Sagas? Dann habe ich hier eine kleine Übersicht über Literatur und übersetzten Texten.

  • Englische Übersetzung Saga von Erik dem Roten
  • Index of the Sagas: Eine große Datenbank mit vielen übersetzten Saga-Texten, z.T. auch Deutsch. (Achtung: Einige der hier besprochenen Sagas gibt es dort nur auf Dänisch oder im Altnordischen.)
  • Jómsvíkíngasaga – Eine Übersetzung der Saga in nordischen Sprachen.
  • Island Sagas, Diederichs. München 1995.(ISBN:3-424-01301-3): Dreibändige Ausgabe, die meines Wissens im Handel nicht mehr erhältlich ist. Aber noch gut gebraucht zu bekommen für kleines Geld. Teilweise ältere Übersetzungen. Enthalten sind hier u.a. die hier behandelte Saga von Erik dem Roten, die Jómsvíkíngasaga und die Grœnlendinga-Saga (alle in Bnd. 3: , den ihr auch einzeln kaufen könnt).
  • Klaus Bödl, Andreas Vollmer und Julia Zernack (Hrsg.): Isländersagas: Die Neuübersetzung (Fischer Klassik). Frankfurt am Main 2014 (ISBN:978-3596905874): Es gibt auch eine vierbändige Ausgabe mit einer größeren Auswahl an Saga-Texten, für den Einstieg empfehle ich aber diese günstigere Ausgabe. Es sind 17 Isländersagas übersetzt, darunter auch die beiden Vinland Sagas.
  • Klaus Bödl, Andreas Vollmer und Julia Zernack (Hrsg.): Die Vínlandsagas: Isländersagas (Ebook): Dieses Ebook beinhaltet eine deutsche Übersetzung der beiden Vinland Sagas. Es ist ein Ebook-Auszug aus der oben erwähnten vierbändigen Ausgabe, der für wenige Euro erworben werden kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.