Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

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Josie, der Tiger und die Fische (Band 1)

[Anzeige, da Rezensionsexemplar]

Der Manga Josie, der Tiger und die Fische basiert wie auch der Film, der im Januar 2022 auf Deutsch bei Kaze erscheinen wird, auf der gleichnamigen Kurzgeschichte aus der Feder von Seiko Tanabe aus dem Jahr 1985. Die Geschichte wurde bereits 2003 und 2020 in einer Realverfilmung umgesetzt. 2020 folgte die erste Adaption des Werkes als Anime.

Der Manga lief vom Januar 2020 bis zum Oktober 2020 im Literaturmagazin Da Vinci. Für die Umsetzung der Story in Mangaform ist Nao Emoto in Zusammenarbeit mit Project Josee verantwortlich.

Carlsen Manga bringt den Titel in zwei Großformatbänden.

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Text: Seiko Tanabe| Zeichnungen: Nao Emoto | Originaltitel: Josee to Tora to Sakana-tachi | Übersetzung: Martin Bachernegg | Verlag: Carlsen Manga| Genre: Drama, Slice-of-Life | Preis: 12,00€ | Großformat | Weitere Informationen

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Wie war’s?

Josie, der Tiger und die Fische folgt einem ungleichen Paar: Josie, einer begabten Künstlerin und gehbehinderten Frau und Tsuneo Suzukawa, einem leidenschaftlichen Taucher und Biologiestudent, der sie rettet, als sie in ihrem Rollstuhl unkontrolliert einen Berg hinunterstürzt.

Als Tsuneo Josie zurück in ihre Wohnung begleitet, stellt ihre Großmutter ihn kurzerhand als Teilzeitbetreuer ein. Die einzige Regel ist, dass er sie nicht mit nach draußen nehmen darf. Anfangs kann Tsuneo die launische und anspruchsvolle Josie nicht ausstehen, die ihn herumkommandiert, doch durch eine Reihe von Höhen und Tiefen erkennen die beiden, wie sie sich gegenseitig helfen können.

Für Tsuneo geht es darum, Josie zu zeigen, dass die Welt, von der ihre Großmutter sagt, sie sei voller “schrecklicher Bestien”, in Wirklichkeit gar nicht so beängstigend ist. Gemeinsam brechen sie die Regel und erobern die Welt außerhalb von Josies vier Wänden langsam für sich. Ausflüge ans Meer, Crêpes und in eine Bibliothek zu gehen – all das gehört zu den Aktivitäten, die Josie bisher nicht machen konnte.

Obwohl die Erzählung vorhersehbar ist, schafft es der Band, die Leserschaft zu fesseln. Das Tempo der Geschichte ist gut ausbalanciert und man hat in dem ersten Band nicht das Gefühl, dass zu viel an Handlung in die Mangaform gepresst wurde.

Erzählt wird der Band aus der Sicht von Tsuneo. Die meiste Zeit verfolgen wir das Leben von Josie durch seine Augen. Tsuneo arbeitet auf seinen großen Traum hin und versucht alles, um ein Auslandsstudium in Mexiko zu finanzieren. Daher versucht er, so viel Geld wie möglich zu verdienen, weshalb er gleich mehrere Jobs annimmt und das Angebot von Josies Großmutter nicht ausschlägt.

Im Vergleich zu ihm steht Josie als Figur zunächst klar im Vordergrund. Sie ist anfangs keine besonders sympathische Figur. Sie ist stur, anspruchsvoll und im Allgemeinen launisch zu allen in ihrer Umgebung – besonders zu Tsuneo, den sie wie ihren persönlichen Fußabtreter behandelt. Aber wie bei jeder Tsundere steckt auch in ihr viel mehr und wir sehen zu, wie sie sich immer mehr öffnet und Wärme und Verletzlichkeit gegenüber Tsuneo zeigt.

Darüber hinaus ist Josies launische Art angesichts ihrer Lage durchaus verständlich. Gemeint ist dabei keinesfalls ihr Leben im Rollstuhl, sondern die Art und Weise, wie sie durch ihre Großmutter erzogen wurde, die ihr die Idee einflößte, dass die Welt für eine Person wie sie zu beängstigend und gefährlich ist. Infolgedessen ist Josie im Grunde eine Gefangene in ihrem eigenen Haus. Obwohl sie sich danach sehnt, nach draußen zu gehen, hat Angst davor und wird von ihrer Großmutter daran gehindert. Erst als Tsuneo in ihr Leben tritt, kann sie endlich die Erfahrungen machen, nach denen sie sich gesehnt hat.

Die Szenen, in denen Tsuneo das sonst so verschlossene Mädchen zu Ausflügen an Orte mitnimmt, an denen sie noch nie war, und wir ihre Faszination für die Welt sehen, die wir als selbstverständlich ansehen, gehören sicherlich zu denen, die einem in der Mangaadaption des Werkes in Erinnerung bleiben.

Die Tatsache, dass Josie im Rollstuhl sitzt, verleiht der ganzen Geschichte einen weiteren Blickwinkel. Josie wird dabei sehr facettenreich dargestellt und man hat nicht das Gefühl, dass Josie sich auf niemanden außer Tsuneo verlassen kann. Er war zwar der Auslöser dafür, dass sie anfing, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen und die Welt mit anderen Augen zu sehen, aber im Großen und Ganzen kommt sie auch ohne ihn zurecht. In ihrer Entwicklung geht es um Unabhängigkeit und obwohl ihre Behinderung ein zentraler Bestandteil ihrer Identität ist, wird sie nicht herabgesetzt oder als ein Teil von ihr behandelt, den man bemitleiden muss.

Das liegt zum einen daran, wie Josie als Charakter gutgeschrieben ist, aber auch daran, wie Tsuneo sie sieht. Für Tsuneo ist Josie, selbst am Anfang, nichts anderes als stur und zynisch. Er sieht sie so, wie sie ist. Er ist mit ihr verbunden, er liebt sie, auch wenn er es noch nicht zugegeben hat.

Nao Emoto stattet den Manga durch ihre Zeichnungen mit der nötigen Atmosphäre aus. Das Charakterdesign ähnelt dem des Anime und sie überzeugt mit einem Panelfluss, dem man leicht folgen kann. Die Bilder sind zum großen Teil mit detaillierten Hintergründen ausgestattet. Besonders herausstechen kann Emoto durch die Panels, die völlig ohne Text auskommen und in denen sie alleine durch die Bilder die Botschaft des Werkes transportiert.

Carlsen Manga veröffentlicht den Titel in einem Großformat mit Klappenbroschur. Die Haptik ähnelt dabei einem Aquarellpapier, welches der Verlag auch bereits für andere Titel mit besonderen Thematiken verwendet hat. Ein Extra in Form von Zugaben oder Farbseiten gibt es hingegen nicht. Die Seiten wirken etwas durchscheinender, was aufgrund des detaillierten und panelfüllenden Artwork allerdings nicht groß ins Gewicht fällt und das Lesevergnügen so nicht trübt.

Fazit

Josie, der Tiger und die Fische erfindet das Rad der melancholischen Liebesgeschichten sicherlich nicht neu und man kann in Band eins erahnen, wohin die Reise der beiden Protagonisten führen wird, dennoch überzeugt der Band durch eine schöne Atmosphäre.

Wir haben mit Josie einen vielschichtigen Charakter, dem es Spaß macht, beim Wachsen zuzusehen und durch die wir die Welt um uns noch einmal völlig neu entdecken. Die Geschichte zwischen ihr und Tsuneo ist sanft und im richtigen Tempo erzählt, so dass man nicht den Eindruck hat, durch die Geschichte zu hetzen. Darüber hinaus sorgen die Zeichnungen von Nao Emoto dafür, dass man nicht das Gefühl hat, mit der Mangaadaption eine Umsetzung der Geschichte in der Hand zu halten, die gegenüber dem Anime oder dem Original unterliegt.

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Bei diesem Manga handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Carlsen zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!

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