Unsere Farben 1

Gengoroh Tagame dürfte einigen Mangaleser und Leserinnen in Deutschland bereits durch Der Mann meines Bruders bekannt sein, nun legt der Mangaka mit seinem Titel Unsere Farben nach. Wie der erste bei Band abschneidet, erfahrt ihr in meiner Rezension.

Tagames Arbeiten waren bislang vor allem im homosexuellen BDSM-Bereich anzusiedeln, zuletzt schrieb er aber auch All-Age-Werke. Sein Erstes dieser Art war Der Mann meines Bruders, mit dem er einige Preise gewinnen konnte. Seit 2018 läuft Unsere Farben im Magazin Monthly Action. Insgesamt wird der Titel drei Bände umfassen.

Beide Titel wurden auf Deutsch durch Carlsen Manga lizenziert.

ECKDATEN ZUM MANGA

Text & Zeichnungen: Gengoroh Tagame
Originaltitel: Bokura no Shikisai
Zielgruppe: Seinen | Genre: Drama
Verlag: Carlsen
Preis
: 10,00 € | Großformat

Weitere Information & Leseprobe

Worum geht’s?

Sora ist ein ganz normaler Junge. Doch eine Sache beschäftigt ihn: Er ist in einen Jungen aus seiner Klasse verliebt, hat aber Angst vor den Reaktionen aus seinem Umfeld, weshalb er geheim hält, dass er homosexuell ist. Als Sora nach einem Vorfall den Unterricht schwänzt, trifft er auf einen geheimnisvollen, älteren Mann, der genauso ist wie er. Kann er Sora beratend zur Seite stehen?

Wie war’s?

Der Band beginnt damit, dass wir die Hauptfigur, den Oberschüler Sora kennenlernen. Sora ist homosexuell, ist sich dessen auch bewusst, hat es bisher aber nie offen nach außen getragen und himmelt lieber aus der Entfernung seinen Mitschüler Yoshioka an.
Als er aber eines Tages mitbekommt, wie er sich mit anderen Schülern über erotische Szenen in Boys-Love-Manga lustig macht, stürzt Sora in ein Loch. Er meidet, so gut es geht, die Schule und verzichtet auf die Teilnahme an der Kunst-AG. Stattdessen zieht es ihn ans Meer, wo er schließlich eines Tages auch auf ein Café stößt und auf einen Inhaber, der all seine Schwierigkeiten zu verstehen scheint.

Nachdem Gengoroh Tagame sich in seinem bereits auf Deutsch veröffentlichten Manga Der Mann meines Bruders vor allem mit der Sicht eines Außenstehenden und älterem Mann beschäftigt hat, wendet er sich in Unsere Farben einem jungen Protagonisten zu. Die Atmosphäre ist authentisch, die Grundhandlung aber leider nicht neu und unverbraucht. Dadurch wirkt der Band, bislang, wie ein kleiner Bruder von Wer bist du zur blauen Stunde?. Da ist der homosexuelle Jugendliche, der fürchtet in der Schule ausgegrenzt zu werden, dann aber durch Zufall auf einen Ort stößt, an dem er ganz er selbst sein darf und Rat durch eine ältere Person erfährt, der so ist wie er. Somit steht Unsere Farben schon von der ersten Seite in einer Art Vergleich zu einem, wie ich finde, ziemlich herausragenden Werk im LGBTQ+-Genre.

Trotzdem fällt der Titel keinesfalls durch und kann durchaus überzeugen. Soras Probleme wirken aus dem Leben gegriffen und auch wenn das ganze auf Japan bezogen ist, so kann man sich die ein oder andere Szene in der Klasse von Sora auch in den westlichen Ländern vorstellen. Der Druck, vor dem er in der Schule steht, wird bildlich gut deutlich gemacht. Insbesondere die Szene, in der seine Mitschüler über Boys-Love-Manga reden und wie ekelig sie homosexuelle Liebe fänden, bleibt im Gedächtnis. Tagame stellt das “Überziehen einer Maske” und das “in die Masse eintauchen”, um nicht aufzufallen, von Sora sehr gut dar und verleiht so der Situation vor allem durch seine Bilder sehr viel Tiefe und Ausdruck.

Positiv wird auch die Beziehung zwischen Sora und Nao dargestellt. Man kann verfolgen, wie sich die beiden Teenager über den Band wieder annähern. Nachdem sie als Kindheitsfreude immer zusammenhingen, entscheidet sich Sora ab einem bestimmten Punkt dazu, sie mit dem Nachnamen anzureden. Dies ist in Japan auch in der Schule üblich, wenn man nicht eng befreundet ist. Er möchte damit verhindern, dass andere glauben, dass die Beiden ein Paar seien. Als sie aber zufällig zu Mitwisserin seines Geheimnisses wird und Sora merkt, dass sie auf seiner Seite ist und sich ihre Beziehung nicht verändert, geht er wieder zum Nao über und nennt sie auch in der Schule ganz selbstverständlich beim Vornamen.

Noch etwas im Dunkeln tapt man beim Café-Besitzer. Er wirkt zwar offen, es wird in einigen Situationen aber auch deutlich, dass auch er auf Erfahrungen zurückblickt, die er nicht gerne mit Sora teilen möchte. Da darf man gespannt sein, ob wir in den Folgebänden mehr darüber erfahren werden und wie er seine Rolle als Soras Mentor meistern wird.

Tagames Bilder sind sicherlich nicht das, was die Leserschaft erwartet – insbesondere nicht diejenige, die hier auf einen Boys-Love-Titel hofft. Von Bishonen-Stilen hält der Mangaka wenig und zeichnet stattdessen muskulöse, stämmige Charaktere, die aber sehr gut zum Ton seiner Erzählung passen. Auch die eher einfachen Hintergründe unterstützen sehr gut die ruhige, unaufgeregte Erzählweise des Titels. Die Panels sind unterschiedlich groß gestaltet und durch einen Rahmen jeweils deutlich voneinander abgetrennt. Die Menge pro Seite variiert jeweils.
Ein besonderes erzählerisches Element ist, dass die Kapitel-Cover jeweils Bilder sind, die im Manga von Sora gemalt wurden.

Wie bereits Der Mann meines Bruders erscheint Unsere Farben im Großformat mit einem speziellen, kartonähnlichem Umschlagpapier. Die Innenseiten des Umschlags sind jeweils mit Motiven aus dem Manga bedruckt.

Fazit & Bewertung

Unsere Farben kommt zwar nicht ganz an andere Werke aus dem LGBTQ-Genre heran, kann aber dennoch durch eine schöne Atmosphäre und realistische Betrachtungsweise der Thematik überzeugen. Der Erzählton und Zeichenstil sind ruhig gehalten, wodurch sich die Geschichte aber auch leicht verfolgen lässt.

Aus meiner Sicht gibt es zwar noch ein wenig Luft nach oben, ich bin dennoch gespannt, was die nächsten Bände der Reihe bringen werden.

Vielen Dank an Carlsen für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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