Herzlich willkommen auf meinem Mangablog. Hier findet ihr Rezensionen zu deutschen und englischen Manga sowie Beiträge über Themen und Aspekte, die mich an dem Medium interessieren. Ab und an schaue ich auch über den Tellerrand hinaus und schnuppere in Comic-Kunst abseits Japans hinein.

GoGo Monster

GoGo Monster

[Anzeige, da Rezensionsexemplar]

Taiyo Matsumoto ist ein Mangaka, der auf dem deutschen Markt erst spät entdeckt wurde. 2018 erschien mit Tekkon Kinkreet eines seiner bekanntesten Werke bei Manga Cult. 2020 zog Carlsen mit der Reihe Sunny nach. Im Sommer 2021 kommen die Fans des japanischen Künstlers nun in Genuss eines weiteren Werkes. GoGo Monster fand bei Reprodukt ein Zuhause.

International ist Matsumoto bereits länger erfolgreich. Neben zahlreichen japanischen Preisen ist er zweimaliger Träger des prestigeträchtigen Eisner Award. 2008 wurde er für Tekkon Kinkreet ausgezeichnet, 2020 folgte die Auszeichnung für Cats of the Louvre. Für GoGo Monster erhielt er 2001 den Japan Cartoonists Association Award. Im Jahr 2006 erhielt der Manga eine Nominierung für den Preis des Internationalen Comic-Festivals von Angoulême. 2009 folgte die Nominierung für den Los Angeles Times Book Prize for Best Graphic Novel.

GoGo Monster wurde von Shogakukan in einem einzigen Tankoubon-Band am 23. Oktober 2000 veröffentlicht. Eine Magazin-Veröffentlichung gab es zuvor nicht.

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Text/Zeichnungen: Taiyo Matsumoto | Verlag: Reprodukt | Zielgruppe: Seinen | Genre: Drama | Preis: 29,00€ | Großformat im Hardcover mit Schuber | Weitere Informationen

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Wie war’s?

Die Geschichte von GoGo Monster spielt in einer japanischen Grundschule und Matsumoto zeichnet nur wenige Panels abseits des Schulgeländes. Auch Eltern der Schüler*innen kommen nicht vor. In der Schule sollen sich geheimnisvolle Wesen herumtreiben. Der Auffassung ist Yuki Tachibana. Er behauptet, er könne Geister und andere Kreaturen sehen, die den dritten Stock des Gebäudes bewohnen, der seit einiger Zeit verlassen ist.

Yukis imaginäre Welt bietet ihm eine bedeutungsvollere Existenz als die Realität. Die Welt wird von Monstern bewohnt und von “Superstar” regiert, mit dem Yuki kommunizieren kann.

Yuki ist zwar intelligent, hat jedoch große Schwierigkeiten, sich in seiner Klasse einzugliedern. Seine Klassenkameraden nennen ihn einen “Freak” und grenzen ihn aus und die Lehrer schimpfen über ihn, weil er den Unterricht stört. Sie haben zuweilen Angst vor ihm, halten ihn aber meist nur für einen Spinner, der Visionen erfindet, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sind die Dinge, die er sieht, und die Dinge, über die er spricht, nur Produkte seiner Fantasie? Ist er wahnsinnig? Oder ist das womöglich alles echt?

Als man Yuki zum ersten Mal trifft, ist sein einziger Freund Ganz, der Hausmeister der Schule. Das ändert sich erst, als einige neue Schüler aufgenommen werden. Einer von ihnen ist Makoto Suzuki. Der findet Yuki zunächst ebenfalls komisch, entwickelt jedoch ein großes Interesse für ihn und bald entwickelt sich eine Freundschaft mit dem exzentrischen Jungen, obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Makoto hat viele Freunde, ist in der Realität verankert und scheint reifer als Yuki.

Die Leser*innen sehen nie die Monster, die die Schule besetzen. Auch wenn sie auf dem Cover abgebildet sind, sind sie im inneren des Werkes nie sichtbar. So bleibt die Frage, ob es bloße Fantasie von Yuki ist. Die Bedrohung der Welt aber lässt sich dennoch spüren. Die Gefahr, was passieren könnte, wenn Yuki vollständig von der anderen Welt eingenommen wird.

Die Geister sind unruhig, “Superstar” redet schon lange nicht mehr mit Yuki und ihn übermannen seltsame Halluzinationen. Dann kommt es zum großen Wendepunkt, als Yuki die dritte Etage der Schule betritt, von der, laut Gerüchten, Schüler selten wieder zurückkehren.

Neben Yuki und Makoto gibt es mit IQ noch einen dritten Schüler, der viel Raum in dem Werk einnimmt. Er trägt immer einen Pappkarton auf dem Kopf, sieht alles durch ein einziges darin ausgeschnittenes Augenloch und scheint viel Zeit am Kaninchenstall der Schule zu verbringen. IQ ist von Yuki besessen, folgt ihm heimlich und benennt sogar sein Kaninchen nach ihm. Während einer ihrer Begegnungen, behauptet er, dass er Yuki besser kennt als er sich selbst. Er erklärt Yuki, dass dessen Wahnvorstellungen ein psychologischer Bewältigungsmechanismus sind, womit er Yukis Überzeugungen ins Wanken bringt.

All das wird von Matsumoto in einer vagen Art erzählt, die viel Spielraum für Interpretationen lässt. GoGo Monster bewegt sich zwischen Surrealismus, Absurdismus und Fantasie. Es liegt in der Betrachtungsweise des Lesers, ob er das Dargestellte als Realität, Fantasie oder Metapher betrachtet. Je nach der Art der Interpretation können bestimmte Ereignisse anders bewertet werden und erhalten eine unterschiedliche Gewichtung. Gibt es wirklich eine Bedrohung, die nur Yuki sehen kann? Oder steht seine Fantasiewelt als eine Art Metapher? Stellt Matsumoto dar, wie er seine kindliche Fantasie immer mehr verliert und Yuki zu einem, von ihm verhassten, Erwachsenen wird?

Auch, dass die fünf Kapitel jeweils eine Jahreszeit behandeln – der Band beginnt mit dem Frühling der ersten Klasse und endend mit dem Frühling der zweiten Klasse – lässt Interpretationsspielraum zu und kann metaphorisch gewertet werden. So spielen die Abschnitte, in denen die Welt von Yuki immer mehr ins Wanken gerät, im Herbst. Der Winter hingegen behandelt den Abschnitt, in dem Yuki in die “andere Welt” eintaucht. Eine dunkle, kalte Etappe in der Entwicklung des Jungen.

Die Charaktere in der Geschichte sind dabei gut dargestellt und der Mangaka zeigt einmal mehr, dass er ein großes Geschick dafür hat, aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen zu schreiben. Er sieht die Welt aus ihren Augen und macht das Erzählte damit umso lebendiger.

Matsumotos Zeichenstil ist skizzenhaft und geht ins Impressionistische. Der Stil ist eigenwillig, weniger perfektionistisch und dürfte bei manchen Mainstream-Leser auf Ablehnung stoßen, passt aber makellos zu den Charakteren und der Geschichte. Es ist ein rauer, weniger akkurater und glatter Stil. Matsumotos Kunst erfordert zwar etwas Geduld, um in sie hereinzufinden, aber sie ist weder zu abstrakt gezeichnet noch völlig unzugänglich.

Passionierte Leser*innen werden mit interessanten Panels belohnt. Die “Kameraperspektive” Matsumotos wechselt schnell von Panel zu Panel. Er findet ungewöhnliche Winkel, die sich deutlich von anderen Titeln absetzen. Der Mangaka arbeitet viel mit weißen Flächen, Schattierungen gibt es nur sehr wenige, womit die Linienführung klar im Mittelpunkt steht, die wackelig und kratzig wirkt. Auf den Einsatz von Rasterfolie wird indes völlig verzichtet.

Den Höhepunkt auf zeichnerischer Ebene stellt sicherlich die Sequenz dar, in der Yuki in die andere Welt eintritt. Hier arbeitet Matsumoto fast komplett mit schwarzer Tinte, in der nur ein paar kleinere Schraffuren die Form von Gestalten andeuten.

Äußerlich überzeugt das Werk durch eine liebevolle Ausstattung, bei der sich der Berliner Verlag am japanischen Original orientiert. Umhüllt wird der Hardcover-Band von einem Pappschuber, der eine eigene Illustration sowie den Titel und den Autor abbildet. Das Hardcover selbst verzichtet auf Typografie auf dem Frontcover. Darüber hinaus gibt es einen roten Farbschnitt, auf dem ebenfalls eine Illustration abgebildet ist.

Der Band sticht auch durch die Backcover-Gestaltung hervor. Auf diesem ist Yuki abgebildet. Gleichzeitig fungiert es aber auch als Panel für ein Kapitel der Geschichte, die anders als der restliche Band von links nach rechts gelesen wird. Dieses Kapitel ist zudem auf einem speziellen, leicht angegrauten Papier gedruckt.

Fazit

GoGo Monster ist ein durchaus herausforderndes und anspruchsvolles Werk, belohnt die Leser*innen aber mit einer interessanten Geschichte und künstlerischen Panels. Zu empfehlen ist der Band vor allem denjenigen, die auf der Suche nach einem Werk sind, welches sich abseits der üblichen Normen auf dem Mangamarkt bewegt.

Matsumoto zeigt, dass er sich in die Welt der Kinder hineinversetzen kann und liefert ein Werk, welches auf vielen Ebenen gewertet werden kann. Durch die besondere Ausstattung ist der Manga auch von Außen ein Blickfang im Regal.

Mir hat GoGo Monster wirklich gut gefallen und ich habe noch nach dem weglegen des Bandes lange über die Bedeutung der Geschichte nachgedacht. Definitiv eine gute Ergänzung für meine Matsumoto-Sammlung.

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Bei diesem Band handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches mir freundlicherweise von Reprodukt zur Verfügung gestellt worden ist. Vielen Dank dafür!

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