Der nutzlose Mann - Rezension

Nachdem mich Rote Blüten auf eine eigenartige Weise begeistern konnte, musste ich auch in Der nutzlose Mann einen Blick hineinwerfen. Oder anders gesagt, in das Werk, welches Tsuges letztes werden sollte.

Der 1937 geborene Yoshiharu Tsuge gilt zu den bedeutendsten Manga-Künstlern, umso trauriger ist es, dass er in Deutschland kaum Beachtung fand. Bereits im Alter von 17 Jahren veröffentlichte Tsuge Geschichten, in den 1960er-Jahren wurde er fester Teil des legendären Manga-Magazins Garo. Tsuge gilt als der Mangaka, der das autobiografische Comiczeichnen in Japan veränderte. In fast alle seiner Werke fließen autobiografische Erlebnisse oder Träume ein.

Über seine gesamte Laufbahn hatte Yoshiharu Tsuge, der auch zeitweise Assistent von Shigeru Mizuki war, mit Angstattacken und Depressionen zu kämpfen und auch sonst erzählt seine Biografie von einem bewegten Leben. Im Jahr 1987 zog er sich schließlich komplett aus dem Manga-Geschäft zurück. Der nutzlose Mann war das letzte Werk, welches 1985 von ihm veröffentlicht wurde.

ECKDATEN ZUM MANGA

Text&Zeichnungen: Yoshiharu Tsuge
Originaltitel: Munou no Hito
Genre: Drama
Verlag: Reprodukt
Preis: 24€

Weitere Informationen & Leseprobe

Worum geht’s?

Sukezô Sukegawa ist ein gefeierter Manga-Zeichner. Dennoch sattelt er um und wendet sich von seiner großen Begabung ab: Er handelt mit Kameras, versucht sich als Fährmann und schließlich als Verkäufer von Steinen, die er an einem Flussufer sammelt. Er scheitert jedoch immer wieder und stürzt nicht nur sich, sondern auch seine Familie ins Elend. Das Einzige, was immer größer wird, ist seine Nutzlosigkeit und die Verachtung durch die Mitmenschen.

Wie war’s?

Während der Leser in Rote Blüten eine Mischung auf vieldeutigen Kurzgeschichten mit rätselhafter Symbolik traf, ist Der nutzlose Mann von einer fortlaufenden Handlung geprägt. Der Ton aber ist ähnlich düster, melancholisch, ja schon fast depressiv. Wer die Lebensgeschichte von Tsuge kennt, dem wird schnell klar, dass der Mangaka hier auch eigene Erfahrungen einfließen lässt. 1987 findet auch die Karriere von Tsuge ein Ende und er sollte nie wieder einen Manga veröffentlichen.

Der nutzlose Mann handelt von der Suche nach Glück, von einem Künstlerdasein oder wohl eher einem Künstler auf Abwegen. Wenn auch die Handlung fortlaufend und zusammenhängend ist, sind es doch einzelne Episoden, aus denen sich das Werk zusammensetzt. In ihnen schildert Tsuge jeweils den Alltag von Sukegawa, der meist auf der Suche nach einer Beschäftigung oder einem Verdienst ist. Obwohl er gar nicht so unerfolgreich zeichnet, scheint er sich nicht um Aufträge zu bemühen und flüchtet vielmehr von dieser Berufung. Es wird deutlich, wie er immer mehr abrutscht, sich gehen lässt und den absurdesten Geschäften nachgeht, wie zum Beispiel dem Steineverkauf. Auch als sich seine soziale Situation und die in seiner Familie immer mehr zuspitzt, weigert er sich, zum Stift zu greifen und Manga zu zeichnen. Stattdessen scheint er etwas hinterherzujagen, das es nicht gibt.

Alles wird von Tsuge verpackt, dass die eigentliche Botschaft vor allem zwischen den Zeilen zu finden ist, während es oberflächlich wie eine bloße Darstellung von einem Alltag am Rande der Gesellschaft daherkommt.

Der Zeichenstil von Yoshiharu Tsuge wird für diejenigen, die nur moderne Manga lesen, ungewohnt sein. Der Stil hat einen cartoonhaften Charakter und die Ähnlichkeiten zu Mizuki, bei dem er als Assistent gearbeitet hat, sind unverkennbar. Tsuge überzeugt trotz des, aus heutiger Sicht, eher einfachen Stils aber mit einer guten Ausarbeitung von Mimik, wodurch er Gefühle gut rüberbringt und eine tiefe Atmosphäre schaffen kann.

Wie schon bei dem ersten deutschen Werk von Tsuge hat Reprodukt auch hier viel Arbeit und Mühen in die Ausstattung gesteckt. Der Band einen Softcover-Umschlag, der sich durch sein Material sehr hochwertig anfühlt. Zudem sind auf dem Cover und dem Rückenbild transparente japanische Schriftzeichen angebracht, die erst beim richtigen Lichteinfall zum Vorschein kommen. Wie bei Reprodukt üblich, findet sich am Ende des Bandes eine ausführliche Liste mit Erklärungen zu typisch japanischen Begriffen.

Besonders interessant ist auch das hinten angebrachte Essay von Ryan Holmberg, welches sich auf gut 17 Seiten ausführlich mit der Person Tsuges und dessen Werk auseinandersetzt. Ein wirklich gelungenes Extra, welches dabei hilft, auch den Mann hinter dem Werk besser zu verstehen. Solltet ihr Interesse an diesem Essay haben, lohnt sich ein Blick auf die Verlagsseite von Reprodukt. Dort ist der Aufsatz kostenlos zu lesen.

Fazit & Bewertung

Der nutzlose Mann ist nicht für alle Mangaleser etwas und ich würde das Werk vor allem erwachseneren Lesern empfehlen, die auch gerne mal abseits des Mainstreams lesen und sich nicht davor scheuen auch mal einen herausfordernden Band in die Hände zu nehmen.

Der nutzlose Mann ist kein heiterer Manga und der Leser muss mit einer melancholischen, düsteren Stimmung rechnen. Auch sollte man nicht erwarten, dass man hier alle Antworten erhält. Ganz im Gegenteil: Antworten gibt es nicht, dafür aber genug Denkanstöße. Von meiner Seite zumindest ist Der nutzlose Mann ebenso wie Rote Blüten ein echter Geheimtipp auf dem deutschen Manga-Markt.

Vielen Dank an Reprodukt für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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