Rote Blüten - Mangarezension

In Japan ist der Mangaka Yoshiharu Tsuge eine der wichtigsten historischen Figuren der Gattung. In Deutschland kommen wir dank Reprodukt nun ebenfalls in den Genuss seiner Werke, von denen die Kurzgeschichtensammlung “Rote Blüten” den Auftakt macht.

Osamu Tezuka, klar, den kennt auch hier in Deutschland fast jeder Manga-Fan. Bei Yoshiharu Tsuge hingegen ist die Sache schon etwas anders und obwohl der Mangaka in Japan sehr große Bekanntheit hat, ist er hierzulande doch eher den Hardcore-Fans ein Begriff. Dabei gilt Tsuge als der Mangaka, der das autobiografische Comiczeichnen in Japan veränderte.

In die meisten seiner Werke fließen autobiografische Erlebnisse oder Träume ein. Über seine gesamte Laufbahn hatte Yoshiharu Tsuge, der auch zeitweise Assistent von Shigeru Mizuki war, mit Angstattacken und Depressionen zu kämpfen und auch sonst erzählt seine Biografie von einem bewegten Leben. Im Jahr 1987 zog er sich schließlich komplett aus dem Manga-Geschäft zurück.

Der Band “Rote Blüten” umfasst auf den knapp fünfhundert Seiten zwanzig Kurzgeschichten, die von 1966 bis 1973 erschienen sind. Darunter auch die Geschichte “Verschraubt”, welche zu den bekanntesten Werken von Tsuge gehört.

ECKDATEN ZUM MANGA

Text&Zeichnungen: Yoshiharu Tsuge
Originaltitel: Akai Hana
Genre: Drama
Verlag: Reprodukt
Preis: 24€

Weitere Informationen & Leseprobe

Worum geht es?

Die zwanzig Kurzgeschichten sind relativ gemischt von ihren Themen und lassen sich alle losgelöst voneinander lesen, sodass ich an dieser Stelle leider nicht den Inhalt einer jeden Geschichte eingehen kann. Verbunden sind sie durch die Motive und Gegebenheiten. Häufig geht es ums Reisen, um kurze Begegnungen. Es sind einfache Momentaufnahmen, die das Japan in den 1960er-Jahren abbilden.

Meine Meinung

Die Geschichten von Yoshiharu Tsuge finden auf mehreren Ebenen statt und so ist es nicht immer leicht, sofort beim ersten Lesen zu verstehen, was uns der Mangaka eigentlich sagen möchte. Dennoch hatte man sofort nach den ersten Seiten ein Gespür dafür, dass es sich um ein besonderes Werk handelt.

Die Eröffnungsgeschichte “Chiko” wirkt auf dem ersten Blick mehr als banal, regt aber unmittelbar zum Nachdenken an. Hinter vielen Ausdrücken oder Figuren steckt eine Symbolik, die auf etwas anderes hinweist. So kann der in der ersten Geschichte vorkommende Reisfink Chiko als ein Symbol von Freiheit wahrgenommen werden. In der titelgebenden Geschichte “Rote Blüten”, die im Oktober 1967 erschien, leidet das Mädchen Sayako unter starken Bauchkrämpfen. Dass sie offensichtlich zum ersten Mal ihre Menstruation hat, wird nicht erwähnt. Diese Tatsache erschließt sich nur daraus, dass ein Klassenkamerad meint, rote Blüten zu sehen, als Sayako im Fluss badet.

Verschroben, Tsuges berühmtestes Werk geht angeblich auf einen Traum zurück, den er während eines Nickerchens auf dem Dach hatte. So verrät es das abschließende Nachwort. Das übrigens nicht ausgelassen werden sollte, da es viele interessante Einblicke offenbart. Eine Anekdote, die sich durchaus in der Kurzgeschichte widerspiegelt. Es ist eine bizarre, surreale Geschichte, die nicht dem typischen Spannungsbogen folgt und von traumhaften Szenarien durchzogen ist.

Nicht bei jeder Geschichte bin ich hinter den eigentlichen Sinn gekommen und obwohl einige Storys durchaus heiter sind, stellt sich insgesamt doch eher eine melancholische, mystische und surreale Stimmung ein. Durchzogen sind die Geschichten vor allem durch Themen wie Einsamkeit, dem Tod, sexueller Begierde und einer sonderbaren, trockenen Komik. Es ist eine Reise ins Innere, wo Dämonen lauern und Depressionen und Angst sich breitmachen können.

Erzählt werden fast alle Geschichten aus dem Band aus der Sicht eines männlichen Protagonisten. Verfasst sind sie aus der für Tsuge typischen Ich-Perspektive.

Der Zeichenstil von Yoshiharu Tsuge wird für diejenigen, die nur moderne Manga lesen, ein wenig ungewohnt sein. Besonders was die Geschichten aus der Anfangszeit angeht.

Dadurch, dass man hier eine große Anzahl an Kurzgeschichten hat, die sich über einen Zeitraum von sieben Jahren erstrecken, nimmt man die Veränderung von Tsuges Zeichenstil wahr. Die Darstellung der Figuren wandelt sich von einem eher rundlichen, comichaften Stil nach einer Assistentenstelle bei Mizuki zu einer doch eher realistischen Darstellung. Auch in den Hintergründen ist der Einfluss von Mizuki klar zu sehen. So finde ich es dann etwas schade, dass nicht alle zwanzig Geschichten in dem Band in der chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens abgedruckt sind, denn so wäre diese Veränderung noch deutlicher geworden.

Reprodukt hat sich bei der Ausstattung des ersten Werkes von Tsuge auf dem deutschen Markt viel Mühe gegeben. Der Band hat einen schönen Umschlag spendiert bekommen, der sich durch sein Material sehr hochwertig anfühlt. Zudem sind auf dem Cover und dem Rückenbild transparente japanische Schriftzeichen angebracht, die erst beim richtigen Lichteinfall zum Vorschein kommen. Irgendwie passend, wo doch auch die Bedeutung der Geschichten auf den ersten Blick oft verborgen blieb. Innen ist der Umschlag mit einem Blütenmuster verziert, was zum Titel des Werkes passt.

Fazit & Bewertung

Ich habe zwar nicht jede der zwanzig Geschichten aus “Rote Blüten” verstanden, dennoch waren es auf ihre Weise besondere, zum Teil erschreckende oder nachdenkliche Episoden, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Yoshiharu Tsuge schreibt keine Happy Ends, verzichtet auf die üblichen Spannungsbögen und doch ziehen seine Geschichten einen in ihren Bann.

“Rote Blüten” kann ich all denjenigen ans Herz legen, die sich mit einer der Größen aus der japanischen Manga-Geschichte auseinandersetzen wollen und sich nicht scheuen abseits des heutigen Mainstreams zu lesen.

Vielen Dank an Reprodukt für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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